
Das Geheimnis der alten Burg
Sara und ihre Oma erforschen eine tausendjährige Burg. Am Ende einer alten Treppe liegt ein Geheimnis, das auf sie gewartet hat.
Die Geschichte zum Lesen
Die Burg am Hügel stand schon seit tausend Jahren dort.
So sagte es zumindest das Schild am Eingang: Erbaut im 11. Jahrhundert, verlassen im 16. Jahrhundert. Zutritt auf eigene Gefahr.
Sara las das Schild zweimal. Dann betrat sie die Burg.
Sie war nicht allein — ihre Großmutter war dabei, ein paar Meter hinter ihr, und Oma war die mutigste Person, die Sara kannte. Oma hatte als Kind Bäume geklettert, die größer waren als Häuser. Oma hatte einmal eine Schlange angefasst. Oma sagte immer: Vorsicht ist gut, aber Neugier ist besser.
Der Eingang zur Burg war ein großes Tor aus verwittertem Stein. Es roch nach Moos und alten Dingen und dem Regen, der sich in den Ritzen gesammelt hatte.
Sara trat auf den Innenhof.
Der Innenhof war ein Quadrat, umgeben von hohen Mauern. In den Ecken wuchsen Bäume aus dem Stein — Birken, zart und mutig, die durch den Boden gewachsen waren wie Beweise, dass die Natur sich alles zurücknimmt. In der Mitte war ein Brunnen.
Sara trat zum Brunnen.
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Am Brunnen lag ein Stein, der nicht passte.
Nicht vom Material — alle Steine waren hier aus demselben grauen Kalkstein. Aber die Form war anders. Glatter. Und er saß ein bisschen höher als die anderen, als hätte ihn jemand herausgezogen und nicht ganz richtig wieder eingesetzt.
Sara schaute zu Oma. Oma nickte.
Sara zog an dem Stein. Er kam heraus — schwerer als erwartet, aber er kam heraus — und dahinter war ein Loch. Ein kleines, quadratisches Loch, darin: eine Holzbox.
Sie öffnete die Box.
Drin war ein Schlüssel. Alt, aus Eisen, mit einem Löwenkopf als Griff. Schwer in der Hand, schwerer als alle Schlüssel, die Sara je gehalten hatte.
Und ein Zettel, der in lateinischen Buchstaben geschrieben war, die Sara nicht lesen konnte. Aber Oma — Oma hatte Latein in der Schule gehabt, vor langer Zeit.
Oma las langsam: Die, die den Stein bewegen, öffnen nicht eine Tür, sondern eine Geschichte.
Sara schaute den Schlüssel an. Dann schaute sie die Burg an. Irgendwo in dieser Burg war eine Tür.
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Sara und Oma durchsuchten die Burg.
Sie gingen durch den Ostflügel — die Wände mit Moos bedeckt, der Boden ein Flickenteppich aus Stein und Erde. Durch die Küche, in der ein Kamin stand, der riesig genug war, um sich darin umzudrehen. Durch einen Gang, der so eng war, dass sie hintereinander gehen mussten.
Jede Tür, die Sara fand, versuchte sie: Der Schlüssel passte nicht. Zu groß, zu klein, falsches Schloss.
Dann — im Keller, am Ende einer Treppe, die quietschte wie ein alter Hund — fand Sara die Tür.
Sie war klein, kaum höher als Sara selbst, aus dunklem Holz, das trotz allem hart geblieben war. Das Schloss war alt, aber nicht verrostet. Jemand hatte es geölt, auch wenn das schon lang her war.
Sara setzte den Schlüssel ein. Sie drehte.
Das Schloss öffnete sich. Ein Geräusch wie ein Seufzen — als hätte die Tür lang gewartet — und dann schwang sie auf.
Dahinter: ein Raum.
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Das Zimmer war klein und trocken und voller Bücher.
Nicht gestapelt oder wild durcheinander — sorgfältig aufgereiht, auf Regalen aus Holz, die jemand mit Sorgfalt hier aufgebaut hatte. Die Bücher waren alt: Ledereinbände, die rissig waren, aber ganz. Goldene Buchstaben auf den Rücken, verblasst, aber noch lesbar.
Sara schaute auf die Bücher. Sie zog ein heraus und öffnete es.
Die Schrift war alt — alt wie Omas altes Schreibheft, das sie aus der Schule noch hatte. Aber Sara erkannte ein Wort: Märchen.
„Das ist eine Bibliothek“, sagte Sara.
„Eine geheime Bibliothek“, sagte Oma.
Sie schauten sich an. Dann schauten sie in den Raum.
Jemand hatte vor langer Zeit diese Bücher hier versteckt. Sorgfältig, mit dem Schlüssel am Brunnen, damit sie nicht verloren gingen. Jemand hatte dafür gesorgt, dass diese Geschichten überlebten.
Sara fragte: „Warum hierher?“
Oma dachte nach. „Vielleicht weil Geschichten das Wichtigste sind. Und wenn man etwas Wichtiges bewahren will, versteckt man es sicher.“
Sara nickte. Dann zog sie einen Stuhl heran — der noch da war, wackelig aber stabil — und setzte sich.
„Liest du mir etwas vor?“, fragte sie Oma.
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Oma las.
Ihre Stimme füllte den kleinen Raum: eine Geschichte über einen jungen König, der einen Drachen besiegte — nicht mit Schwert und Schild, sondern damit, dass er ihn nach seiner Geschichte fragte. Die Geschichte dauerte lang, und Saras Augen wurden schwerer.
Die Burg war sehr still um sie herum. Die Steine hatten tausend Jahre überstanden. Die Bücher hunderte. Und hier saßen Sara und Oma und lasen, so wie Menschen immer Geschichten gelesen hatten.
Als die Geschichte zu Ende war, blieb Sara noch eine Weile sitzen.
„Denkst du, die Menschen, die das hier angelegt haben, sind glücklich?“, fragte Sara.
„Ich denke“, sagte Oma langsam, „dass sie wollten, dass ihre Bücher gefunden werden. Und dass du sie heute gefunden hast — das ist eine Art Antwort.“
Sie stiegen die Treppe wieder hoch, durch den Keller, durch den Innenhof, und verließen die Burg.
Sara trug den Schlüssel in der Hand. Den Zettel hatten sie an seinen Platz zurückgelegt. Aber den Schlüssel — den gab sie nicht zurück. Den hatte sie sich verdient.
Gute Nacht, Sara. Die Bücher warten, und der Schlüssel liegt auf deinem Nachttisch.
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