
Das Zirkuskind
Nina sieht nachts den Zirkus ankommen und winkt einem Mädchen aus dem Wagen. Am nächsten Morgen wartet Zara am Zelt — und zeigt Nina die andere Welt.
Die Geschichte zum Lesen
Der Zirkus kam immer nachts.
Das war das Geheimnis, das alle Erwachsenen vergaßen: Tagsüber war der Platz hinter der Schule leer. Man ging schlafen, und beim Aufwachen — stand das Zelt da. Orange und rot und groß, mit Fahnen, die im Morgenwind wehten.
Nina war heute die Einzige, die ihn kommen gesehen hatte.
Sie hatte nicht schlafen können — hatte ans Fenster gelaufen, weil ein Geräusch sie aufgeweckt hatte: ein fernes Tuten, ein Rumpeln, das Klackern von vielen Hufen. Und da waren sie gewesen: Wagen nach Wagen, in der Nacht, mit gedämpften Lichtern, die Muster an die Häuserwände malten.
In einem der Wagen hatte ein Mädchen aus dem Fenster geschaut — ungefähr so alt wie Nina, mit dunklem Haar und einer Narbe über dem Kinn.
Das Mädchen hatte Nina gesehen.
Und gewinkt.
Jetzt, am Morgen, stand Nina vor dem großen orangeroten Zelt und wartete. Irgendwo dahinter war das Mädchen. Irgendwie war Nina sicher, dass das Mädchen auch wartete.
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Das Mädchen hieß Zara.
Sie fand Nina vor dem Zelt — nicht, weil Nina es besonders gut versteckt hatte, sondern weil Zara jeden kannte, der um das Zelt herumstand und es so anschaute, als wollte man da rein.
„Du bist die vom Fenster“, sagte Zara.
Nina nickte. „Und du bist die aus dem Wagen.“
Zara lächelte — ein schnelles, entschlossenes Lächeln. „Willst du reinkommen?“
Das war keine Frage, die Nina zweimal brauchen würde.
Zara führte sie durch einen Seiteneingang, hinter dem die Wirklichkeit des Zirkus war: nicht die Magie von vorne, sondern die Arbeit. Seiltänzer übten an niedrigen Seilen, immer dieselben Bewegungen. Ein Zauberer fehlte Karten aus einem Stapel und schimpfte leise, wenn etwas schiefging. Drei Clowns saßen auf einer Kiste und aßen Brote.
Nina blieb stehen und schaute.
Das war eine Welt innerhalb der Welt. Eine Gemeinschaft, die sich immer bewegte — aber immer zusammenblieb.
„Wie ist das“, fragte Nina, „immer weiterzuziehen?“
Zara dachte nach. „Ich kenne es nicht anders“, sagte sie. „Aber manchmal frage ich mich, wie es ist, immer am selben Ort zu schlafen.“
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Zara zeigte Nina das Seil.
Nicht das hohe — das ganz unten, das nur einen halben Meter über dem Boden hing und für Übungen war. Nina schaute es an. Es sah nicht so schwer aus.
Das war falsch.
Sie stieg auf das Seil. Sofort schwankte sie. Die Arme gingen nach rechts, der Körper nach links — und dann fiel sie herunter. Auf den Boden, weich auf den Sägemehl, der überall war.
„Nochmal“, sagte Zara.
Nina stieg wieder auf. Diesmal versuchte sie, die Augen auf einen Punkt zu richten, weit vorne — das hatte Zara gesagt: Schau nicht nach unten, schau nach vorne. Die Nase gerade, der Atem ruhig.
Sie schaffte drei Schritte. Dann vier.
Dann fiel sie wieder. Aber der vierte Schritt war ehrlich gewesen.
Zara half ihr hoch. „Du hast ein Talent“, sagte sie.
„Ich bin dreimal gefallen“, sagte Nina.
„Alle fallen“, sagte Zara. „Das macht nichts. Wichtig ist, wie man aufsteht.“
Nina stieg nochmal auf das Seil. Dieses Mal schaffte sie sechs Schritte, bevor die Welt schwankte.
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Am Abend gab es eine Vorstellung.
Nina saß in der ersten Reihe, ein Ticket in der Hand, das Zara ihr gegeben hatte — ein echter Freiplatz, auf dem stand: Ehrengast.
Das Zelt war voll. Hunderte von Menschen, und die Luft war warm und roch nach Popcorn und Sägemehl und ein bisschen Pferdeschweiß.
Dann gingen die Lichter aus.
Nur ein Scheinwerfer. In dem Scheinwerfer: Zara.
Sie war auf dem hohen Seil — weit oben, zehn Meter in der Luft. Kein Netz. Nur sie und das Seil und die Luft.
Und sie lief. Nicht langsam wie beim Üben — schnell, mit kleinen, sicheren Schritten, die aussahen wie Tanzen. In der Mitte drehte sie sich um, lief zurück, sprang — und landete auf dem Seil, mit beiden Füßen gleichzeitig, während die ganze Halle still wurde.
Dann riefen alle.
Nina rief am lautesten.
Das war das Seil, auf dem sie geübt hatte. Das war die Freundin, die ihr gesagt hatte: Schau nach vorne. Und jetzt war Zara hoch oben, und die ganze Welt schaute zu, und alles war genau richtig.
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Nach der Vorstellung fanden sie sich wieder hinter dem Zelt.
Zara war jetzt in normalen Kleidern — nicht das Kostüm, das sie auf dem Seil getragen hatte. Nur Zara.
Sie tauschten Dinge aus: Nina gab ihr ihren Lieblingsstift — einen dicken, blauschreibenden, den sie überall dabei hatte. Zara gab ihr einen Knopf, der von einem alten Zirkusvorhang stammte: rund, rot, mit einem kleinen Z eingeritzt.
„Wenn der Zirkus wiederkommt“, sagte Zara, „bist du mein erster Freiplatz.“
„Wann kommt er wieder?“, fragte Nina.
„Nächsten Sommer“, sagte Zara. „Vielleicht. Der Zirkus entscheidet das selbst. Wir folgen ihm nur.“
Nina nickte. Dann umarmten sie sich kurz — schnell, wie Kinder das tun, wenn sie nicht zu viel Aufhebens darum machen wollen.
Später, als Nina in ihrem Bett lag, hatte sie den roten Knopf in der Hand.
Sie dachte an Zara auf dem Seil. An die sechs Schritte, die sie selbst geschafft hatte. An das Popcorn und den Sägemehl und die Luft unter dem großen Zelt.
Abenteuer enden, aber die Knöpfe behalten wir.
Gute Nacht, Nina. Der Zirkus zieht heute Nacht weiter — und Zara schaut aus dem Fenster des Wagens.
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