
Der Detektiv und das verschwundene Buch
Jonas löst Fall Nr. 14: das verschwundene Lieblingsbuch seiner Mama. Als er das Motiv herausfindet, muss er entscheiden — verurteilen oder verzeihen.
Die Geschichte zum Lesen
Jonas war Detektiv. Offiziell.
Er hatte sogar eine Visitenkarte: Jonas M., Detektiv — Kein Fall zu klein. Das M. stand für Mayer, aber das ließ er weg, weil Detektive immer nur einen Buchstaben als zweiten Namen hatten.
Heute Morgen war ein neuer Fall aufgetaucht.
Mamas Lieblingsbuch war verschwunden.
Es war kein kleines Buch — es war groß und schwer, mit einem roten Einband, und Mama las es seit Jahren. Sie hatte es gestern Abend noch auf dem Sofa gehabt. Jetzt war es weg.
Mama war nicht traurig. Nicht böse. Aber ein bisschen ratlos, auf die Art, wie man ratlos ist, wenn man etwas nicht findet, das immer genau da ist.
Jonas zog sein Notizbuch heraus. Braunes Leder, mit einem Bleistift dran, den er festgehalten hatte. Er schrieb:
Fall Nr. 14: Das verschwundene Buch. Letzter bekannter Aufenthaltsort: Sofa, links. Verdächtige: offen.
Er machte sich an die Arbeit.
---
Jonas begann mit dem Tatort.
Das Sofa, links. Er kniete sich davor und schaute sehr genau hin: unter dem Kissen (Krümel, eine Münze, ein Socken — vielleicht Beweise, vielleicht nicht), hinter dem Kissen (ein Lesezeichen, offenbar aus demselben Buch), unter dem Sofa (viel Staub, eine verloren Erbse, der Stift, den er seit Wochen suchte).
Das Lesezeichen war ein Anhaltspunkt.
Wenn das Lesezeichen hier war — und das Buch weg — hatte jemand das Buch genommen, aber das Lesezeichen vergessen oder zurückgelassen. Wer nimmt ein Buch, aber nicht das Lesezeichen?
Jemand, der das Buch schnell genommen hat.
Jemand, der nicht wusste, dass das Lesezeichen wichtig war.
Jonas schrieb: Verdächtiger A — jung, unvorsichtig.
Er ging durch die Wohnung. In der Küche: nichts. Im Bad: nichts. Im Zimmer seiner kleinen Schwester Mia—
Er hielt inne.
Mia war nicht da. Aber auf ihrem Bett lag ein Buch. Ein rotes Buch. Ein großes, schweres, rotes Buch.
„Fall gelöst“, sagte Jonas laut.
---
Aber dann schaute Jonas genauer hin.
Mia hatte das Buch geöffnet. Auf Seite drei. Sie hatte es nicht gelesen — Mia war vier, sie konnte noch nicht lesen. Aber sie hatte es in ihrer Hand gehalten und hineingeschaut.
Und auf der Seite drei war ein Foto.
Jonas kannte das Foto: Mama und Opa, als Mama noch jung war — ungefähr so alt wie Jonas jetzt. Sie standen vor einem Haus, das Jonas nicht kannte, und lachten beide sehr.
Opa war letztes Jahr gestorben. Das war der Grund, warum Mama das Buch so mochte — weil darin ein Foto von ihm war, auf Seite drei.
Jonas dachte an Mia, die vier war und Opa nicht mehr kannte. Die das Buch genommen hatte, weil — warum? Weil das Buch von Mama war und Mama traurig war manchmal?
Er setzte sich auf den Boden von Mias Zimmer.
Manchmal, dachte er, ist der Fall komplizierter als er aussieht. Und manchmal ist das, was wie ein Vergehen aussieht, nur Liebe in der Form eines Fehlers.
---
Jonas brachte das Buch zurück zu Mama.
„Ich habe deinen Fall gelöst“, sagte er. „Mia hat es.“
Mama schaute ihn an. „Mia? Warum?“
Jonas überlegte, wie er es erklären sollte. Dann sagte er: „Ich glaube, sie wollte Opa sehen.“
Mama war lange still. Dann öffnete sie das Buch auf Seite drei. Sie schaute das Foto an.
Dann sagte sie: „Danke, Jonas.“
Jonas schrieb in sein Notizbuch: Fall Nr. 14, abgeschlossen. Täter: Mia M. Motiv: Liebe. Urteil: kein Urteil.
Das war das Richtige, fand er. Manche Fälle hatten keinen Schuldigen. Manche Dinge, die falsch aussahen, waren nur Menschen, die jemanden vermissten.
Später, als alle drei zusammensaßen — Mama, Jonas, Mia — zeigte Mama ihnen das Foto. Erzählte die Geschichte dahinter: Das war der Tag, an dem Opa ihr das Fahrradfahren beigebracht hatte. Das war das Haus von Tante Ruth. Das war der Sommer, bevor alles anders wurde.
Mia saß ganz still und hörte zu.
Jonas schrieb das Datum in sein Notizbuch. Dann steckte er den Bleistift ein.
---
Abends schrieb Jonas seinen Abschlussbericht.
Fall Nr. 14: Das verschwundene Buch. Abgeschlossen. Keine Anzeige. Alle Beteiligten gesund und beieinander.
Er klappte das Notizbuch zu und legte es auf den Nachttisch. Dann schaute er die Decke an.
Er mochte Detektiv-Sein. Man lernte Dinge über Menschen, die man nicht erwartet hatte. Mia, die vier war und Opa vermisste. Mama, die ein Buch hatte, weil Bücher manchmal Erinnerungen aufbewahren. Er selbst — er hatte heute gelernt, dass ein gelöster Fall nicht immer eine Bestrafung braucht.
Das war ein gutes Buch, das Mama hatte. Nicht, weil es besonders klug war oder besonders gut geschrieben. Sondern weil darin ein Foto war. Weil darin jemand steckte, den sie liebte.
Jonas dachte: Vielleicht sollte er auch so ein Buch anfangen. Nicht mit Wörtern — mit Fotos. Und auf Seite drei würde er das Foto von heute legen: Mama und Mia und er, alle zusammen auf dem Sofa.
Den Rest würde er morgen schreiben.
Gute Nacht, Detektiv Jonas. Alle Fälle sind gelöst — bis morgen.
Mehr aus Abenteuer

Issa und der große Traktor

Issa und die Mondmaschinen

Issa und das große Roboterrennen

Issa und der Reparatur-Roboter
