
Der Ritter und der Drache
Max zieht aus, um den traurigen Drachen im Tal zu retten. Er kämpft nicht — er hört zu. Und das ändert alles.
Die Geschichte zum Lesen
Max war kein großer Ritter. Aber er war ein echter.
Sein Schwert war aus Holz. Seine Rüstung war aus Pappkarton, mit Silberfarbe bemalt. Sein Schild hatte er selbst gebaut, mit dem Wappen, das er sich ausgedacht hatte: ein lächelnder Löwe auf blauem Grund.
Aber die Aufgabe, die er heute hatte, war real.
Im Tal hinter dem Dorf — das Tal, das alle Wälder brauchte, die man sich vorstellen konnte — lebte ein Drache. Nicht ein böser Drache. Drachen sind selten böse, das wusste Max. Aber dieser Drache war traurig, und ein trauriger Drache spuckte manchmal Feuer aus Versehen, und das war nicht gut für die Ernte.
Max war losgeschickt worden, um herauszufinden, warum der Drache traurig war.
Er lief durch den Wald, das Holzschwert an der Seite. Die Vögel sangen. Das Licht fiel zwischen den Bäumen hindurch wie in einem Kathedrals-Fenster. Max schaute sich um und dachte: Das ist das schönste Stück Wald, das ich je gesehen habe.
Dann sah er den Rauch.
Der Drache war kleiner als erwartet.
Max hatte Drachen in Büchern gesehen: riesig, mit Flügeln wie Häuser und Augen wie Feuer. Dieser Drache war — nun ja, er war groß. Größer als Papas Auto. Vielleicht so groß wie das Haus. Aber er lag zusammengerollt am Boden, den Kopf auf den Pfoten, und machte ein Geräusch, das eindeutig kein Grollen war.
Es war ein Seufzen.
Max trat näher. Der Drache hörte ihn und öffnete ein Auge — ein großes, gelb-grünes Auge mit einer langen Pupille, wie eine Katze, aber viel größer. Das Auge schaute Max an.
Max schluckte. Dann sagte er: „Hallo.“
Der Drache schloß das Auge wieder. Kein Feuer. Kein Brüllen. Nur das Seufzen.
Max setzte sich auf einen Stein vor dem Drachen. Das schien das Richtige zu tun — sich einfach hinsetzen und warten. Man musste Drachen nicht bedrängen.
Nach einer Weile öffnete der Drache beide Augen und schaute Max an. Er öffnete den Mund. Max wartete auf das Feuer.
Stattdessen sprach der Drache. „Du hast dich hingesetzt“, sagte er. „Die meisten laufen weg.“
Der Drache hieß Gregor.
Gregor der Drache war traurig, weil er keine Freunde hatte.
„Ich bin zu groß“, sagte Gregor. „Wenn ich spazierengehe, zertrampele ich Dinge. Wenn ich spreche, ist es zu laut. Wenn ich lache, kommt manchmal Feuer — das ist mir sehr peinlich.“
Max dachte darüber nach. Das klang tatsächlich schwierig.
„Hast du schon versucht, leiser zu sprechen?“, fragte Max.
Gregor probierte es. Er sprach sehr leise — fast ein Flüstern für einen Drachen, was immer noch lauter war als Papas normale Stimme. Aber deutlich besser.
„Das geht“, sagte Max. „Und beim Gehen könntest du sehr langsam gehen. Und beim Lachen... Lachst du oft?“
„Selten“, sagte Gregor traurig. „Es gibt nichts, worüber ich lachen kann.“
Max überlegte. Dann erzählte er einen Witz. Es war kein besonders guter Witz — er kannte nicht viele —, aber Gregor versuchte es trotzdem: Er lachte. Und aus seinem Mund kam ein kleines Rauchwölkchen. Nur ein kleines.
„Das war das Kleinste, das je aus mir herausgekommen ist“, sagte Gregor, und klang überrascht.
Max lächelte. „Siehst du. Übung.“
Sie verbrachten den Nachmittag damit, das Tal zu erkunden.
Gregor zeigte Max die Höhle, in der er lebte — sie war riesig und warm, mit einem Boden aus glänzendem Stein, der ein bisschen im Licht schimmerte. An den Wänden waren Kratzer, wo Gregor Bilder eingeritzt hatte: Berge, Wolken, ein paar Tiere.
„Du zeichnest gerne“, sagte Max.
„Ich male“, korrigierte Gregor. „Aber ich habe keine Farben. Nur meine Klauen.“
Max dachte nach. Dann zog er aus seinem Rucksack — den er immer dabei hatte, weil Ritter immer vorbereitet sein sollten — einen kleinen Kasten mit Wachsmalstiften.
Gregor schaute die Stifte an. Sie waren sehr winzig für ihn — er konnte sie kaum halten. Aber er versuchte es, mit der Zungenspitze, und schaffte es tatsächlich, eine Linie zu ziehen: rot, dick, schief. Aber eine Linie.
Er machte einen Schritt zurück und betrachtete sie.
„Das ist das Erste“, sagte Gregor, „das ich in Farbe gemacht habe.“
Max schaute. Die rote Linie war eigentlich ziemlich schön. Roh, aber mutig.
„Ich finde, das ist gut“, sagte Max. Und meinte es so.
Als die Sonne tiefer stand, musste Max zurückgehen.
„Kommst du wieder?“, fragte Gregor. Er fragte es sehr leise, fast unhörbar für einen Drachen.
„Nächste Woche“, sagte Max. „Ich bringe mehr Wachsmalstifte mit. Andere Farben.“
Gregor machte ein Geräusch, das Max als Drachen-Summen identifizierte. Wahrscheinlich das Äquivalent zu: Das klingt gut.
Max lief durch den Wald zurück. Es war jetzt abendlich, das Licht orange zwischen den Bäumen. Er dachte an Gregor, der allein in der Höhle saß und die rote Linie betrachtete.
Manchmal war Helden-sein nicht Kämpfen, dachte Max. Manchmal war es Hinsetzen. Und Zuhören. Und einen Witz erzählen, der gar nicht so gut war.
Er kam nach Hause, als Mama gerade das Abendessen fertig hatte. Er zog die Pappkarton-Rüstung aus und setzte sich an den Tisch.
„Und?“, fragte Mama. „Was war der Drache?“
„Traurig“, sagte Max. „Aber jetzt etwas weniger.“
Mama nickte, als wäre das die richtigste Antwort.
Gute Nacht, Ritter Max. Gregor malt heute Nacht mit deiner roten Farbe.
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