
Die Heißluftballon-Reise
Mias Geburtstagsgeschenk ist eine Ballonfahrt. Rolf, der Pilot, erklärt: Man steuert nicht — man wählt nur die Höhe, und der Wind macht den Rest.
Die Geschichte zum Lesen
Der Ballon war so groß wie ein Haus.
Großer, eigentlich. Von unten, wenn man davorstand und hochschaute, sah man das Orange und Gelb und Rot — Streifen aus leuchtendem Stoff, der sich mit heißer Luft füllte und straff wurde und anfing, in die Höhe zu drängen.
Mia stand daneben und schaute.
Sie war neun Jahre alt, und das hier war ihr Geburtstagswunsch: eine Ballonfahrt. Nicht in einem Flugzeug — die machten alles falsch: zu laut, zu schnell, man sah nichts. In einem Ballon. Langsam. Ohne Lärm.
Der Pilot hieß Rolf. Er war groß und breit und hatte einen Bart, der aussah, als wäre er schon viele Male in der Luft gewesen. Er zündete den Brenner — ein kurzes Zischen, dann ein Wärmerauschen, dann Flamme — und der Stoff des Ballons blähte sich noch mehr auf.
„Einsteigen“, sagte Rolf.
Mia stieg in den Korb. Unter ihr war Stroh. Über ihr war der Ballon. Um sie herum: der Morgen, der noch kühl war und nach Tau roch.
Der Brenner zischte nochmal. Und dann — sehr langsam, fast unmerklich — hob der Korb ab.
---
Das Geräusch verschwand.
Nicht alles — der Brenner machte manchmal ein Rauschen, wenn Rolf ihn betätigte. Aber das Brummen der Welt, das man immer hört, wenn man auf der Erde ist — Autos, Stimmen, Maschinen — das war weg.
Darunter war die Stadt. Mia schaute hinunter.
Die Häuser sahen aus wie Spielzeughäuser. Die Straßen wie Linien auf einer Karte. Kleine Autos, kleine Bäume, kleine Menschen — einer stand in einem Garten und schaute hoch, und Mia winkte, obwohl sie wusste, dass er sie von da unten kaum sehen konnte.
Rolf manövrierte den Ballon mit dem Brenner — je mehr Wärme er hineinschickte, desto höher stiegen sie.
„Wo wollen wir hin?“, fragte Mia.
„Dahin, wo der Wind uns trägt“, sagte Rolf. „Das ist das Geheimnis des Ballons. Man kann nicht steuern. Man kann nur wählen, wie hoch man fliegt — und der Wind macht den Rest.“
Mia dachte darüber nach. Ein Fahrzeug, das man nicht lenken konnte. Das war entweder sehr mutig oder sehr klug oder beides.
„Und wenn der Wind in die falsche Richtung bläst?“, fragte sie.
„Es gibt keine falsche Richtung“, sagte Rolf, „nur unerwartete.“
---
Sie flogen durch eine Wolke.
Mia hatte nicht gewusst, dass das passieren konnte. Oder eher: sie hatte es gewusst, theoretisch, aber nicht erwartet, dass es sich so anfühlte.
Eine Wolke war — nass. Nicht nass wie Regen, sondern wie eine dichte, feuchte Luft, die einem die Wangen kühlte und die Haare leicht feucht machte. Die Sicht verschwand: alles war grau-weiß, weich, ohne Konturen.
Mia streckte die Hand aus. Die Wolke war da und nicht da — man konnte nicht greifen, man konnte nur durch sie hindurchgehen.
Dann kamen sie aus der anderen Seite heraus.
Und über den Wolken war die Sonne.
Die Sonne über den Wolken ist anders als die Sonne, die man von der Erde aus kennt. Sie ist direkter. Weißer. Und unter ihnen — das Wolkenmeer, das sich bis zum Horizont erstreckte, rund und wellig wie ein umgekehrtes Meer.
Mia stand im Korb und schaute auf das Wolkenmeer und dachte: Das sehe ich. Das sehe ich wirklich. Das ist kein Bild in einem Buch.
Rolf schwieg neben ihr. Er wusste, dass das der Moment war, in dem man schweigen musste.
---
Als die Sonne anfing zu sinken, wurde alles orange.
Das war keine Metapher. Der Ballon war orange und gelb — und jetzt war auch das Licht orange. Die Wolken unter ihnen glühten in Gold. Der Horizont brannte in Rot und Violett. Und der Korb und Rolfs Bart und Mias Hände und alles hatte diesen warmen Ton, der nur beim Sonnenuntergang existierte.
„Das sehen wir jetzt dreimal“, sagte Rolf.
„Wie?“, fragte Mia.
„Einmal von oben — das ist jetzt. Dann, wenn wir durch die Wolken sinken — das ist das zweite Mal. Und dann von der Erde aus — das ist das dritte Mal. Ein Sonnenuntergang in drei Akten.“
Mia schaute auf den Horizont. Die Sonne war zur Hälfte weg. Das Licht wurde sanfter.
Sie dachte: Ich wünschte, ich hätte jemanden, dem ich das zeigen könnte. Aber dann dachte sie: Ich kann es erzählen. Worte können zeigen, was Augen gesehen haben.
Sie würde Mama alles erzählen. Alles, ganz genau.
Und dann würden sie es zusammen sehen, in der Erzählung.
---
Sie landeten auf einer Wiese.
Rolf ließ Luft aus dem Ballon, ganz langsam, und der Korb sank — sehr langsam, kontrolliert — bis er die Wiese berührte. Ein sanftes Schaukeln, ein kurzes Schleifen, dann Stille.
Mia stieg aus. Ihre Beine taten seltsam — zu fest, zu schwer, als hätte der Boden zu viel Gewicht.
Sie schaute zurück auf den Ballon, der jetzt zusammensank, das orange-gelb-rote Tuch, das sich faltet und kleiner wurde, bis es nur noch ein Haufen Stoff war.
Das hatte sie durch die Luft getragen. Dieses Tuch, diese Luft, diese Flamme.
Rolf reichte ihr die Hand. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagte er.
Mia schüttelte sie. Dann schaute sie in den Himmel, in dem jetzt die ersten Sterne kamen.
Irgendwo da oben hatten sie gewesen. Über den Wolken, im Sonnenuntergang, getragen vom Wind ohne Lenkrad und ohne Karte.
Sie würde diesen Tag nie vergessen. Das war keine Floskel — das war eine Tatsache, die sie im Körper spürte, in den Füßen, die noch immer die Luft vermissten.
Gute Nacht, Ballonfahrerin Mia. Der Wind trägt dich auch im Traum.
Mehr aus Abenteuer

Issa und der große Traktor

Issa und die Mondmaschinen

Issa und das große Roboterrennen

Issa und der Reparatur-Roboter
