
Issa und der Baustellenbagger
Die Geschichte zum Lesen
Es fing an einem Montagmorgen an.
Issa lag noch halb im Schlaf, als er es hörte: ein tiefes, langsames Grollen, das durch die Wände seines Zimmers kroch. Nicht wie Donner. Nicht wie ein Lastwagen. Etwas anderes. Etwas Mächtiges.
Er sprang aus dem Bett und lief ans Fenster.
Drüben, wo bis gestern noch eine leere Fläche gewesen war – brauner Sand, ein paar Steine, ein altes Schild –, stand jetzt eine ganze Welt aus Maschinen. Große gelbe Maschinen, die sich langsam bewegten wie riesige Tiere beim Aufwachen. Ein Lastwagen kippte eine Ladung Schotter aus. Ein Bagger fuhr rückwärts, sein Arm hoch in der Luft. Und mittendrin, am lautesten von allen, arbeitete ein riesiger gelber Bagger – seine Schaufel biss sich in die Erde wie ein hungriger Riese.
Issa presste die Nase ans Fensterglas.
Er war begeistert.
Nach dem Frühstück zog er sich seinen Pullover an und lief auf den Balkon, um besser sehen zu können. Die Baustelle war genau gegenüber. Man konnte alles sehen: wie der Bagger sich drehte, wie die Schaufel aufging, wie Erde hineinströmte, wie sich alles wieder schloss.
Jede Bewegung war riesig. Jede Bewegung war genau.
Der Bagger war gelb – ein tiefes, sattes Gelb, wie eine Sonnenblume, aber viel, viel größer. Sein langer Arm streckte sich weit nach vorne, machte seine Arbeit, und zog sich dann wieder zurück. Ein Rhythmus wie das Atmen.
Issa schaute den ganzen Vormittag zu.
Issa gab dem Bagger einen Namen. Er nannte ihn Goldi.
Goldi war groß, aber nicht unfreundlich. Das hatte Issa schon am ersten Tag gemerkt. Manche Maschinen sehen streng aus – wie Bulldozer, die alles plattmachen, als wären sie wütend. Aber Goldi sah anders aus. Goldi arbeitete mit einer Art Sorgfalt. Jede Schaufel, jede Drehung, jede Ablage von Erde geschah in einem ruhigen, überlegten Rhythmus.
Als wäre Goldi nicht nur eine Maschine. Als würde Goldi nachdenken.
Jeden Morgen wachte Issa auf und schaute zuerst aus dem Fenster. War Goldi schon da? Arbeitete er schon? Einmal hatte es geregnet, und Issa hatte Angst gehabt, dass die Baustelle aufgehört hätte. Aber nein – Goldi stand im Regen und arbeitete weiter, seine gelbe Farbe glänzend nass, sein Arm unermüdlich.
„Goldi mag keinen Urlaub", erklärte Issa seinen Eltern beim Abendessen.
Mama lächelte. „Maschinen mögen keinen Urlaub."
„Genau", sagte Issa zufrieden.
Er begann, sich Dinge zu merken. Dass Goldi immer von links nach rechts arbeitete. Dass er am Morgen langsamer war und mittags schneller. Dass es ein bestimmtes Geräusch gab, wenn die Schaufel auf Stein traf – ein kurzes, hartes Kratzen –, das anders klang als Erde.
Er lernte auch den Mann kennen, der Goldi lenkte. Der Mann hieß Pavel – das stand auf seinem gelben Helm, vorne in schwarzen Buchstaben. Pavel war breit gebaut, mit grauem Bart, und trank jede Stunde Kaffee aus einer blauen Thermoskanne.
Einmal – Issa stand auf dem Balkon und winkte – hob Pavel die Hand. Er winkte zurück.
Issa war so aufgeregt, dass er dreimal stolperte, als er zurück ins Haus rannte.
Es war ein Mittwoch – Issa wusste das, weil mittwochs immer Mama kochte und es nach Tomaten und Zwiebeln roch –, als Pavel ihn bemerkte.
Nicht nur winken. Diesmal stieg Pavel aus dem Führerhaus, lief zur Absperrung, und rief etwas hinüber. Issa konnte ihn von oben schlecht verstehen. Er rief: „Hallo?"
Pavel lachte und rief lauter: „Willst du mal raufkommen? Zur Maschine?"
Issa stand ganz still. Er glaubte, er hätte falsch gehört. „Zur Maschine?"
Pavel nickte. Er winkte ihn herunter – zu sich, zur Baustelle.
Issa lief mit zitternden Beinen die Treppen hinunter. Er klingelte kurz, sagte Mama schnell, wo er hinging, und bat sie mitzukommen. Mama zog sich Schuhe an und kam.
Pavel war groß – viel größer, als er von oben ausgesehen hatte. Er gab Mama die Hand, erklärte kurz alles, und dann schaute er Issa an.
„Du schaust mir jeden Tag zu", sagte er. Sein Deutsch hatte einen Akzent, den Issa mochte – warm und ein bisschen rund. „Das habe ich gesehen. Du schaust besser zu als manche Erwachsenen."
Issa wusste nicht, was er sagen sollte. Er sagte: „Goldi ist mein Lieblingsmaschinenbagger."
Pavel runzelte die Stirn. „Goldi?"
„So nenne ich ihn."
Pavel schaute zu dem gelben Bagger. Dann lachte er – ein tiefes, donnerndes Lachen. „Na schön. Goldi. Komm, ich zeige dir Goldi von innen."
Mama hielt Issas Hand. Gemeinsam gingen sie auf die Baustelle.
Der Boden war aus Dreck und Schotter, und Issas Schuhe versanken ein bisschen darin. Der Geruch war stark – Diesel und Erde und Regen. Die anderen Arbeiter nickten ihm freundlich zu. Einer gab ihm einen gelben Helm.
Issa setzte ihn auf. Er war viel zu groß und rutschte ihm über die Augen.
Alle lachten.
Goldi war von innen noch größer als von außen.
Pavel half Issa, die steile Leiter des Führerhauses hochzuklettern. Es gab drei Stufen und dann eine Metalltür. Issa zog sich hinein und saß plötzlich auf einem Sitz, so groß wie ein Thron – weich, mit Armlehnen, und mit Hunderten von Knöpfen und Hebeln ringsum.
Aus dem Fenster – nein, aus dem riesigen Panoramafenster – sah er die ganze Baustelle. Die anderen Maschinen. Die Männer unten. Sogar seinen Balkon konnte er sehen, mit dem kleinen Blumentopf von Mama ganz rechts.
„Setz dich", sagte Pavel, der sich daneben gequetscht hatte. Er war breit gebaut und der Platz war eng, aber irgendwie passten sie beide hinein.
Issa setzte sich.
Pavel zeigte ihm die wichtigsten Dinge: den Joystick rechts, der die Schaufel steuert. Den Joystick links, der den Arm bewegt. Das Pedal unten, das Goldi drehen lässt. Und den großen roten Knopf vorne, den man nur im Notfall drückt.
„Den drückst du aber nicht", sagte Pavel.
„Den drücke ich nicht", sagte Issa.
Dann – langsam, sehr langsam – ließ Pavel Issa seinen Arm auf den rechten Joystick legen. Mama stand unten und schaute herauf. Pavel hielt Issas Hand locker mit seiner großen Hand.
Und Issa bewegte die Schaufel.
Nur ein bisschen. Nur einen Zentimeter. Aber Goldi reagierte – schwer und riesig und präzise – und eine kleine Menge Erde löste sich von der Seite des Grabens und fiel auf den Boden.
Eine kleine Menge Erde. Bewegt von Issa.
Er hielt den Atem an.
„Gut gemacht", sagte Pavel leise.
Issa atmete wieder.
Vier Wochen später war die Baustelle fast fertig.
Issa sah es jeden Morgen: Wo einmal Erde war, stand jetzt eine Mauer. Wo die Grube gewesen war, war jetzt ein Fundament. Die Arbeit näherte sich ihrem Ende – und Goldi arbeitete langsamer, ruhiger, als wäre er selbst müde.
Am letzten Tag kam Issa auf den Balkon und sah, wie Goldi auf einen Tieflader gefahren wurde. Ein anderer Arbeiter steuerte ihn – Pavel stand daneben und schaute zu. Die großen Ketten rasseltend auf das Metall des Tiefladers, der Arm wurde eingeklappt, alles wurde festgeschnallt.
Issa rief: „Pavel!"
Pavel schaute hoch. Er sah Issa auf dem Balkon und hob die Hand.
„Fährt Goldi jetzt weg?", rief Issa.
Pavel nickte. „Er geht zur nächsten Baustelle!"
Issa dachte kurz nach. Das war gut, oder? Goldi hatte hier seine Arbeit getan – er hatte geholfen, etwas zu bauen. Und jetzt half er woanders. Das war der Job von Goldi. Nicht hier zu bleiben, sondern überallhin zu gehen, wo man ihn brauchte.
Issa winkte.
Pavel winkte zurück.
Dann tat er etwas, das Issa überraschte: Er trat zu Goldi, legte kurz die Hand auf die gelbe Seite der Maschine – ganz sanft, wie man einen alten Freund auf die Schulter klopft –, und sprach leise etwas zu ihm.
Issa konnte es nicht hören. Aber er verstand es.
Der Tieflader fuhr an. Langsam, rumpelnd, mit Goldi fest drauf.
Issa schaute, bis er um die Ecke verschwunden war. Dann lehnte er sich an das Balkongeländer und schaute auf die Baustelle, die jetzt leiser war als je zuvor.
Manche Freundschaften dauern nur eine Weile, dachte er. Aber das macht sie nicht weniger echt.
Er lächelte.
Und vielleicht – irgendwo in einer neuen Straße, auf einer neuen Baustelle – biss Goldis Schaufel gerade wieder in die Erde. Präzise, gleichmäßig, zuverlässig.
Wie immer.
Mehr aus Abenteuer

Issa und der große Traktor

Issa und die Mondmaschinen

Issa und das große Roboterrennen

Issa und der Reparatur-Roboter
