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Issa und der große Traktor
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Issa und der große Traktor

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Die Geschichte zum Lesen

Im August fuhren sie zum Bauernhof von Onkel Harun.

Drei Stunden im Auto. Issa schlief die erste Stunde, schaute das zweite die Felder an – erst flach, dann hügelig, dann wieder flach –, und aß die dritte Stunde Kekse, bis das Paket leer war.

Als sie ankamen, war es warm. Richtig warm – nicht Stadtluftwarm, sondern Landluft, die von überallher kommt und nach Gras und Klee und etwas leicht Moorigem riecht, das Issa nicht benennen konnte, aber das er sofort mochte.

Onkel Harun war groß und breit und hatte einen Bart, der so aussah, als hätte er beschlossen, einfach zu wachsen, wo er wollte. Er lachte laut und drückte Issa so fest, dass der kurz dachte, er würde abgedrückt.

„Issa! Endlich! Ich zeige dir den Hof."

Der Hof war groß. Hühner liefen herum. Ein Hund – riesig, schwarz-weiß – trabte auf Issa zu und beschnüffelte seine Hände. Ein Katzenpaar saß auf einem Zaun und schaute gleichgültig zu.

Und dann, in der alten Scheune am Ende des Hofes, hinter zwei Heuballen und einem Gerüst aus Holzpaletten –

Sah Issa etwas Rotes.

Großes Rotes.

Er lief hin.

Es war ein Traktor. Riesig, alt, rot wie ein Sonnenuntergang. Die Räder hinten waren fast so groß wie Issa selbst. Das Steuerrad innen war aus gelbem Kunststoff und poliert von tausend Händen. Und vorne, auf einer Plakette aus Metall, stand ein Name: BRUNO.

„Dreißig Jahre", sagte Onkel Harun.

Er hatte Issa auf eine Holzbank in der Scheune gesetzt und sprach, während er Bruno mit einem alten Lappen abwischte – nicht weil er schmutzig war, sondern weil das schon immer so gemacht wurde.

„Ich habe Bruno gekauft, als ich den Hof übernommen habe. Das war bevor du geboren wurdest, bevor dein Papa und ich noch Kinder waren. Ich war neunzehn."

Issa schaute von Bruno zu Onkel Harun und zurück. Neunzehn war jung, aber auch schon groß. Und dreißig Jahre – das war länger als Issa denken konnte.

„Was hat er gemacht?", fragte Issa.

„Was hat er nicht gemacht", sagte Onkel Harun. „Bruno hat die Felder gepflügt – jedes Jahr, jeden Frühling. Er hat die Ernte eingefahren – Weizen, Gerste, Mais, dreißig Mal. Er hat im Winter Schnee weggeschoben, wenn der Hof zugeschneit war. Er hat Bäume gezogen, wenn sie umgefallen waren. Er hat den Anhänger gezogen, wenn wir auf dem Markt waren."

Er hörte kurz auf zu wischen.

„Einmal, als das Hochwasser kam, hat Bruno den Wagen der Nachbarin rausgezogen. Sie war stecken geblieben im Matsch. Zwei Stunden Arbeit. Bruno hat es geschafft."

Issa nickte ernst. Das war beeindruckend.

„Wie viele Menschen hat er geholfen?", fragte er.

Onkel Harun dachte kurz nach. „Alle hier auf dem Hof. Und alle, die unser Getreide gegessen haben. Und die, deren Brot daraus gemacht wurde."

Issa schaute Bruno an.

Bruno war ein roter Traktor mit einem alten Motor und Reifen, die schon oft gewechselt worden waren. Aber er war auch mehr: Er war derjenige, der dafür gesorgt hatte, dass viele Menschen satt wurden.

Ein ruhiger Held.

„Darf ich rauf?", fragte Issa.

Onkel Harun schaute ihn an. Dann schaute er Bruno an. Dann nickte er.

„Komm."

Bruno war so groß, dass man eine Leiter brauchte, um hinaufzukommen – drei Stufen aus gelbem Metall, an der Seite befestigt. Issa kletterte hinauf, einen Schritt, zwei Schritte, drei Schritte, und war dann oben.

Die Welt sah von da oben anders aus.

Höher als zuhause. Höher als auf dem Sofa, höher als auf der Schulter von Papa. Von hier aus konnte man über den Hof schauen – die Hühner waren jetzt klein. Der Hund war nur noch ein schwarzweißer Fleck. Die Felder hinter dem Hof streckten sich aus bis zum Horizont, grüngolden im Augustlicht.

Issa setzte sich auf den Sitz.

Der Sitz war breit – viel breiter als nötig für Issa. Aber er war weich und eingedrückt, wie ein Sitz, der sehr viele Menschen sehr lange getragen hat. Issas Beine baumelten. Er konnte die Pedale nicht erreichen.

Aber das Lenkrad konnte er fassen.

Er legte beide Hände drauf.

Es war groß und warm – das gelbe Kunststoff hatte die Sonne gespeichert. Und es war glatt von dreißig Jahren Händen: Onkel Haruns Hände, und vielleicht auch die Hände von anderen, die geholfen hatten.

„Jetzt bist du der Fahrer", sagte Onkel Harun von unten und lachte.

Issa hielt das Lenkrad fest. Er drehte es ein ganz kleines Stück nach links. Dann ein kleines Stück nach rechts.

Bruno bewegte sich nicht – der Motor war aus, die Bremse stand. Aber Issa hielt das Lenkrad, und irgendwie fühlte er: Das hier ist ein echtes Ding.

Beim Abendessen fragte Issa: „Bekommt Bruno nie Urlaub?"

Onkel Harun lachte. „Doch. Im Winter steht er."

„Das ist kein richtiger Urlaub", sagte Issa. „Im Winter wird man nicht gebraucht. Urlaub ist, wenn man ausruht, obwohl man gebraucht wird."

Eine kurze Stille.

„Das stimmt", sagte Onkel Harun. „Urlaub hatte Bruno noch nicht."

Nach dem Abendessen – Linsensuppe und frisches Brot und Tomaten aus dem Garten – gingen sie nochmal kurz in die Scheune. Die Sonne stand tief, und durch das Scheunentor fiel ein langer, goldener Strahl auf Bruno.

Bruno sah in diesem Licht fast majestätisch aus. Sein Rot leuchtete tiefer, wärmer. Die Reifen warfen lange Schatten.

Issa legte die Hand auf Brunos Seite. Das Metall war noch warm von der Sonne.

„Dreißig Sommer", sagte Issa leise. Er sprach mehr zu sich selbst als zu jemandem. „Dreißig Mal pflügen, dreißig Mal Ernte, dreißig Mal alles."

Er dachte an den Mondwagen, der schon fünfzig Jahre wartete. Er dachte an Silberlinde in Onkel Tareks Werkstatt. Er dachte an Willi, den Saugroboter, der nachts die Wohnung durchfuhr.

Maschinen sind überall, dachte Issa. Und meistens sieht man sie nicht wirklich.

Man benutzt sie. Man vergisst sie. Man schimpft, wenn sie kaputt gehen.

Aber sie sind da. Jeden Tag. Und sie helfen.

Onkel Harun stand hinter ihm. „Du denkst viel, kleiner Mann."

„Ich denke an alle Maschinen, die ich kenne", sagte Issa. "Und dass sie nicht genug Dankeschön bekommen."

Auf der Rückfahrt schlief Issa nicht.

Er saß am Fenster und schaute die Felder vorbeiziehen – erst flach, dann hügelig, dann wieder flach, genau wie beim Hinfahren, aber anders, weil er anders war.

Papa fuhr. Mama hatte die Augen zu und atmete gleichmäßig. Layla schlief tatsächlich, den Kopf an Issas Schulter gelehnt.

Issa schaute die Felder an und dachte.

Er dachte an Bruno, der gerade in seiner Scheune stand, die Sonne draußen längst untergegangen, das Tor zu. Morgen früh würde Onkel Harun ihn wieder rausholen, und Bruno würde tun, was Bruno tat – ruhig, zuverlässig, ein Sommer wie der andere.

Er dachte an alle Maschinen, die helfen ohne Lärm.

Den Saugroboter, der nachts die Wohnung hütet. Die alte Nähmaschine, die ein Jahrhundert wartet. Den Reparatur-Roboter, der Schrauben einsammelt und Fahrstühle heilt. Den Mondwagen, der auf dem Mondstaub steht und die Antennen Richtung Erde hält.

Manchmal, dachte Issa, sind die Helden gar nicht die lautesten. Manchmal sind die Helden die, die jeden Tag da sind.

Er lehnte den Kopf ans kühle Fensterglas.

Draußen zogen Felder vorbei. Irgendwo hinter einem Hügel stand vielleicht ein Traktor. Irgendwo in einer Wohnung fuhr ein kleiner Roboter seine Runden. Irgendwo in einem Dachboden wartete eine Nähmaschine.

Und irgendwo, sehr weit weg, auf grauem Mondstaub, stand ein Wagen mit Gitternetzrädern.

Alle warteten.

Alle halfen.

„Papa?", sagte Issa leise.

„Hm?", sagte Papa.

„Ich glaube, Maschinen verdienen mehr Dankeschön."

Papa schaute kurz in den Rückspiegel. „Wahrscheinlich", sagte er. „Wir vergessen das oft."

„Ich nicht mehr", sagte Issa.

Er schloss die Augen.

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