
Issa und der Reparatur-Roboter
Die Geschichte zum Lesen
Der Fahrstuhl in Issas Wohnhaus war seit drei Tagen kaputt.
Das war unangenehm für alle – besonders für Frau Karakaya aus dem fünften Stock, die schwere Einkäufe hatte. Und für Herrn Peters aus dem sechsten, der sich das Knie verknackst hatte. Und für Issa selbst, auch wenn der dritte Stock nicht so weit war.
Am Dienstagmorgen stand ein Transporter vor dem Haus. Auf der Seite stand in blauen Buchstaben TECHNISCHER SERVICE – GEBÄUDESYSTEME. Zwei Männer luden Werkzeugkisten aus.
Aber dann kam noch etwas.
Es war ein Roboter.
Nicht so ein großer, furchteinflößender – eher mittelgroß, silbern, mit vier Armen. Zwei davon hatten Hände, ähnlich wie Menschenhände, aber mit mehr Gelenken. Die anderen zwei waren Werkzeugaufsätze – einer endete in einem Schraubenzieher, einer in einem Greifer. Auf dem Rücken trug er eine Box voller Werkzeug, und am Kopf – wenn man es Kopf nennen konnte – blinkten zwei blaue LEDs, die aussahen wie Augen.
Der Roboter fuhr auf Rädern. Er rollte auf das Treppenhaus zu, und die Männer folgten ihm.
Issa stand im Erdgeschoss und schaute mit offenem Mund zu.
„Was ist das?", fragte er den einen Arbeiter.
Der Arbeiter – jung, mit rotem Helm – lachte. „Das ist unser RX-Assistent. Er hilft uns bei der Fehlerdiagnose im Aufzugschacht. Geht in Bereiche, wo wir nicht gut rankommen."
Issa nickte langsam.
Ein Roboter, der Fahrstühle repariert.
Das war die beste Sache, die er seit Wochen gehört hatte.
Der Roboter heißt RX-7. Issa hatte den Namen auf einem Aufkleber an seiner Seite gelesen, und sofort beschlossen, dass das kein guter Name war. Er nannte ihn Silva – wegen dem silbernen Körper.
Silva arbeitete konzentriert. Er fuhr in den Fahrstuhlschacht ein, maß und scannte, gab Daten an die Männer weiter. Issa durfte im Flur stehen und zuschauen – der Arbeiter mit dem roten Helm hatte das erlaubt, solange er nicht zu nah ran kam.
Nach einer Weile kam Silva wieder heraus und rollte zum Werkzeugkoffer, der auf dem Boden stand. Einer der Männer hatte ihn aufgeklappt dort abgestellt, und Silva sollte nun einen bestimmten Sensor holen.
Aber Silva blieb kurz an einer losen Bodenmatte hängen.
Nur ein kleiner Ruck – kaum zu sehen. Aber es reichte.
Die Box auf Silvas Rücken kippte. Der Mechanismus, der sie hielt, war schon etwas locker gewesen, wie Issa später erfuhr. Und jetzt löste sie sich.
Der Inhalt fiel auf den Boden.
Mit einem Krachen, das durch das ganze Treppenhaus hallte, ergoss sich Silvas Werkzeugbox auf die Fliesen. Schraubenzieher, Sensoren, kleine Hebel, Kabelstücke, Steckverbinder, Muttern, Bolzen – alles rollte in alle Richtungen. Einiges kullerte bis unter die Briefkastenwand. Einiges landete auf der Treppe. Ein Schräubchen kullerte sogar bis zu Issas Füßen und blieb dort still liegen.
Silva blieb stehen.
Seine blauen LED-Augen blinkten schnell – sieben, acht, neun Mal. Dann langsamer.
Issa sah, wie die zwei Arbeiter vom Schacht her kamen und stöhnten.
Issa schaute auf das Chaos.
Die Arbeiter standen und schüttelten die Köpfe. Es waren viele kleine Teile – zu viele, um sie schnell einzusammeln. Und einige lagen so weit weg oder so versteckt, dass man sich sehr bücken müsste.
Issa schaute auf die Schrauben, die Sensoren, die Kabelstücke.
Dann schaute er Silva an.
Silva stand still. Er blinkte nicht mehr. Er wartete.
Issa trat einen Schritt vor. „Darf ich helfen?"
Der Arbeiter mit dem roten Helm schaute ihn an. Dann schaute er das Chaos an. Dann schaute er auf seine Uhr. „Wenn du magst – sicher. Aber bitte nichts verlieren."
Issa kniete sich auf den Boden.
Er begann zu sammeln. Zunächst die großen Dinge – die Schraubenzieher und die Kabelstücke. Er legte sie ordentlich nebeneinander. Dann die mittleren Dinge – die Sensoren, die so groß wie Bonbons waren. Dann die kleinen: Muttern, Bolzen, Schräubchen.
Einiges steckte hinter dem Sockelleistenprofil. Issa war schmal genug, mit seiner Hand hineinzureichen. Einiges war unter die Treppe gerollt – auch da schaffte er es, weil er kleiner war als die Erwachsenen.
Nach zwanzig Minuten war alles eingesammelt. Issa legte die Teile in die Box, sortiert nach Größe – das schien ihm sinnvoll.
Er trug die Box zu Silva.
Silva machte etwas Unerwartetes: Er streckte einen Arm aus – den mit der Menschenhand – und hielt ihn hin. Es sah aus wie ein Dankeschön.
Issa gab ihm die Box. Silva schloss die Finger darum. Fest, aber sanft.
Dann piepte Silva dreimal.
Issa piepte zurück – er wusste nicht warum. Er machte einfach den Laut mit dem Mund: piep, piep, piep.
Silva blinkerte einmal. Dann rollte er weiter zur Arbeit.
Zwei Stunden später – Issa hatte zwischendurch kurz Mittagessen gegangen und war dann wieder heruntergekommen – rief der Arbeiter mit dem roten Helm: „Hey, kleiner Helfer! Komm mal kurz!"
Issa kam.
„Wir sind fast fertig", sagte der Mann. „Nur noch ein letzter Schritt – das Steuermodul muss einmal bestätigt werden. Es gibt einen Knopf oben an der Kabinenwand, auf zweieinhalb Meter Höhe. Da komme ich schlecht hin mit meinem Werkzeug, und der Schacht ist eng."
Er machte eine Pause. „Aber Silva könnte dich hochheben. Wenn du keine Angst hast."
Issa schaute zu Silva. Silva blinkerte – einmal, ruhig, blau.
Issa schaute den Schacht an. Er war dunkel, eng, und hatte einen leichten Geruch nach altem Öl. Nicht unangenehm. Eher... maschinell.
„Keine Angst", sagte Issa.
Silva fuhr an den Rand des Schachtes. Er streckte beide Arme aus – die großen, starken, mit vielen Gelenken. Issa kletterte hinein, und Silva hob ihn langsam an.
Es war nicht wie eine Schaukel. Es war ruhig und sicher. Silvas Griff war fest aber weich, und Issa hatte das Gefühl, dass nichts passieren würde.
Oben – auf zweieinhalb Meter, das war viel – sah er den Knopf. Ein großer, grüner Knopf auf einem kleinen Kästchen.
„Das ist er!", rief der Arbeiter von unten.
Issa drückte den Knopf.
Es gab ein Klicken. Dann ein Surren. Dann – aus dem Inneren des Fahrstuhlschachts – ein tiefes, sauberes Heben, ein Geräusch, das sagt: Ich bin wieder bereit.
Der Fahrstuhl lief.
Als der Fahrstuhl kam – die silberne Tür öffnete sich mit einem leisen Ding! – standen mindestens sieben Nachbarn im Treppenhaus.
Frau Karakaya mit ihrem Einkaufswagen. Herr Peters mit seinem Knie und einem Seufzer der Erleichterung. Das kleine Mädchen aus dem zweiten Stock, das immer rannte. Die ältere Dame aus dem Dachgeschoss, die Issa nie grüßte, aber diesmal nickend schaute.
Alle fuhren. Einer nach dem anderen. Der Fahrstuhl summte ruhig und fuhr hinauf, fuhr hinab, tat, was er tun sollte.
Die Arbeiter packten zusammen. Silva rollte als letzter aus dem Haus heraus. Er fuhr durch die Eingangstür, den Bürgersteig entlang, und in den Transporter hinein.
Issa stand am Eingang und schaute.
Bevor der Transporter die Seitentür schloss, drehte Silva noch einmal den Kopf – oder das, was Kopf war – und die blauen LEDs blinkten: einmal, zweimal, dreimal.
Issa hob die Hand. „Tschüss, Silva."
Die Tür schloss sich. Der Transporter fuhr weg.
Issa blieb noch eine Weile stehen. Im Treppenhaus hinter ihm summte der Fahrstuhl leise, wenn er fuhr.
Er dachte: Silva weiß wahrscheinlich nicht, wie er heißt. Silva speichert keine Namen von Kindern. Silva denkt gerade schon an die nächste Baustelle, den nächsten Aufzug, das nächste Problem.
Aber das machte nichts.
Issa wusste, was Silva getan hatte. Und er wusste, was er selbst getan hatte. Und die Nachbarn fuhren wieder mit dem Fahrstuhl.
Manche Freundschaften dauern einen Tag.
Manche hinterlassen trotzdem etwas, das bleibt.
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