
Issa und der Saugroboter
Die Geschichte zum Lesen
Issa wusste schon morgens, dass dieser Tag besonders werden würde. Papa hatte es gesagt: „Heute kommt eine Überraschung." Die Überraschung kam in einem flachen, runden Paket – nicht viel größer als Issas Wintermütze, aber viel schwerer.
Papa öffnete das Paket auf dem Küchenboden. Zum Vorschein kam eine weiße Scheibe, glatt und rund wie ein umgedrehter Teller. Oben drauf saß ein kleines schwarzes Auge – eigentlich eine Kamera, aber für Issa sah es aus wie ein richtiges Auge.
„Was ist das?", fragte Issa und kniete sich daneben.
„Ein Saugroboter", sagte Papa. „Er reinigt den Boden von selbst."
Issa runzelte die Stirn. „Von selbst? Ohne jemanden, der ihn schiebt?"
Papa lachte. „Von selbst. Er hat eine kleine Karte im Kopf – von unserem ganzen Zuhause."
Das war unvorstellbar. Issa beugte sich ganz nah herunter. Die Scheibe roch nach Plastik und etwas leicht Elektrischem – ein sauberer, neuer Geruch, wie frische Batterien.
Papa drückte einen Knopf. Drei leise Pieptöne. Dann begann die Scheibe zu summen – nicht laut, eher wie eine Katze, die schnurrt. Sie fuhr langsam von Papas Händen weg, direkt auf die Mitte der Küche zu.
Issa wich einen Schritt zurück.
Der Roboter kümmerte sich nicht um ihn. Er fuhr geradeaus, drehte leicht nach links, fuhr wieder geradeaus. Dann blieb er kurz stehen – als würde er nachdenken – und schwenkte in den Flur.
Issa folgte ihm auf Zehenspitzen. Im Flur fuhr der Roboter am Türrahmen entlang, so präzise wie ein Maler, der eine gerade Linie zieht. Er tastete sich an der Wand entlang, registrierte jeden Zentimeter, und verschwand dann unter das Sofa.
Issa wartete.
Nach einer Weile kam er wieder hervor – mit etwas mehr Staub im Bauch, aber sonst unverändert. Er quietschte einmal kurz und fuhr weiter, als wäre nichts gewesen.
Issa setzte sich auf den Boden und schaute zu. Er schaute eine ganze Stunde lang. Papa rief ihn zweimal. Beim dritten Mal stand er auf – aber nur ungern.
Der Roboter hatte keinen Mund, der lächelte. Aber irgendwie – Issa wusste nicht genau warum – fühlte er, dass der kleine Roboter froh war, endlich zuhause zu sein.
Issa nannte ihn Willi.
Er wusste selbst nicht genau warum. Der Roboter hatte keinen Namen auf seiner Schachtel – nur eine lange Zahl und den Aufdruck MODELL RX-7. Aber „RX-7" klingt nicht wie ein Name. „Willi" schon.
„Guten Morgen, Willi", sagte Issa am nächsten Tag, als der Roboter aus seiner kleinen Ladestation rollte. Die Ladestation war eine flache Box an der Wand, und Willi darin sah aus wie ein Tier, das gerade aufwacht.
Willi piepte einmal und fuhr los. Issa nahm das als „Guten Morgen" und folgte ihm.
In den nächsten Tagen beobachtete Issa alles genau. Er lernte, dass Willi jeden Tag fast dieselbe Runde fuhr – zuerst Küche, dann Flur, dann Wohnzimmer, dann Badezimmer. Manchmal wich er ab, wenn er etwas Neues entdeckte – eine Socke auf dem Boden, ein umgefallenes Spielzeug. Dann untersuchte Willi das Hindernis, fuhr einmal drum herum, und machte weiter.
„Er denkt", erklärte Issa seiner kleinen Schwester Layla. „Jedes Mal, wenn er etwas Neues sieht, überlegt er."
Layla war vier und interessierte sich mehr für ihren Teddybären. „Er kann doch nicht denken. Er ist eine Maschine."
„Maschinen können auch denken", sagte Issa. Er war sich da sehr sicher.
Er beobachtete auch, wie Willi lernte. In der ersten Woche stieß er manchmal gegen Stühle. In der zweiten Woche nicht mehr. Als hätte er sich alle Möbel gemerkt und eine unsichtbare Karte in seinem Kopf gezeichnet.
Einmal legte Issa absichtlich sein rotes Auto auf den Boden, mitten in Willis Weg. Er wollte sehen, was Willi tun würde.
Willi fuhr auf das Auto zu. Hielt an. Fuhr ein kleines Stück zurück. Drehte sich fünfzehn Grad. Fuhr vorbei.
Issa war begeistert. „Siehst du?", rief er, obwohl niemand in der Nähe war. „Er hat nachgedacht! Er hat einen anderen Weg gefunden!"
Willi piepte zweimal. Er war schon im nächsten Zimmer.
„Du bist clever, Willi", flüsterte Issa. Und er meinte es wirklich ernst.
An einem Donnerstag konnte Issa nicht schlafen.
Es war nicht, weil er Angst hatte oder weil ihm zu warm war. Er lag einfach wach und horchte auf die Stille. Das Haus war still – fast still. Denn aus dem Flur kam ein leises Summen.
Willi.
Issa richtete sich auf. Nachts? Willi fuhr nachts?
Ja – Papa hatte das mal erklärt: Willi lädt sich tagsüber auf und fährt manchmal auch nachts noch eine Runde, wenn alle schlafen. Dann stört er niemanden.
Issa kletterte leise aus seinem Bett. Auf Socken schlich er zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Im Flur war es dunkel, aber Willi hatte zwei kleine blaue Lämpchen – nicht hell genug, um zu stören, aber hell genug, um ihm den Weg zu zeigen.
Ein kleines blaues Glühwürmchen, das durch die Dunkelheit kroch.
Issa folgte ihm.
Willi fuhr durch den Flur ins Wohnzimmer. Im Mondlicht, das durch die Vorhänge fiel, warf Willi einen kleinen runden Schatten auf den Boden. Er fuhr am Couchtisch vorbei, am Bücherregal, an Mamas Lieblingssessel.
Nichts störte ihn. Keine Geräusche, keine Lichter. Nur er, die Nacht, und seine leise Arbeit.
Issa setzte sich auf den Teppich und schaute zu. Er hatte plötzlich das Gefühl, etwas Geheimes zu sehen – etwas, das nicht für fremde Augen bestimmt war. Als würde das Haus ihm nachts etwas erzählen, was es tagsüber nicht sagen konnte.
Willi fuhr unter den Couchtisch. Willi fuhr heraus. Willi fuhr in Richtung Sofa.
Und dann blieb er stehen.
Direkt vor dem Sofa.
Er piepte – anders als sonst. Nicht „Ich bin fertig" oder „Ich bin blockiert". Eher wie ein Hund, der etwas gerochen hat.
Issa kroch näher heran.
Willi fuhr nicht weiter. Er wartete.
Issa beugte sich vor und schaute unters Sofa. Im blauen Schimmer von Willis Lämpchen sah er etwas. Etwas Kleines. Etwas Rotes.
Issa griff unters Sofa.
Seine Finger tasteten sich durch Staub und Stille – und dann trafen sie auf Metall. Kühles, kleines Metall.
Er zog es hervor.
Sein roter Rennwagen. Der kleine Ferrari, den er vor Monaten verloren hatte. Er hatte überall gesucht – in seinem Zimmer, im Flur, im Badezimmer. Mama gefragt, Papa gefragt, sogar Layla gefragt. Alle hatten „nein" gesagt.
Und jetzt lag er in Issas Hand. Ein bisschen staubig, aber sonst genau so, wie er ihn in Erinnerung hatte: klar rot lackiert, kleine silberne Felgen, das Nummernschildchen mit der Elf drauf.
Willi piepte einmal.
„Du hast ihn gefunden", flüsterte Issa. Er schaute auf den Roboter. „Du wusstest die ganze Zeit, dass er da war."
Natürlich hatte Willi das gewusst. Er fuhr täglich hier lang. Er wusste, was zum Boden gehört und was nicht. Die Staubfussel gehörten dorthin. Das kleine rote Auto nicht.
Issa leuchtete mit seiner Taschenlampe unters Sofa. Tatsächlich: Da lagen noch mehr Dinge. Zwei Münzen. Ein Puzzlestück. Ein vergessener Bonbon in einer goldenen Hülle.
All das hatte Willi entdeckt. Jeden Tag, wenn er seine Runde machte, hatte er gesehen, was nicht hierher gehörte – und gewartet. Gewartet, dass jemand nachschaut.
Issa legte die Dinge vorsichtig auf den Couchtisch. Dann kauerte er neben Willi.
„Du passt auf uns auf", sagte er leise. „Nicht wahr?"
Willi summte weiter. Er hatte noch Arbeit zu tun. Er stand nicht still und er antwortete nicht in Worten.
Aber er piepte zweimal, kurz hintereinander.
Issa lächelte. Er stellte den roten Ferrari sicher auf den Tisch, stand auf und trat einen Schritt zurück. „Dann mach weiter", sagte er. „Ich lasse dich jetzt arbeiten."
Willi fuhr los.
Und Issa trottete zurück in sein Zimmer, mit einem Lächeln so breit, dass es kaum in die Dunkelheit passte.
Issa lag in seinem Bett. Er war müde – aber eine gute Art von müde, die warme, schwere Art, bei der man tief atmet und die Augen von selbst zufallen.
Aus dem Flur kam immer noch das leise Summen von Willi. Ruhig, gleichmäßig – wie ein Herzschlag.
Issa dachte nach.
Er dachte: Willi ist keine Person. Willi hat keine Träume, keine Gedanken, kein Herz, das klopft. Willi ist ein Roboter – Plastik und Metall und ein kleiner Computer mit einer Karte im Kopf.
Und trotzdem...
Trotzdem war Willi jeden Tag da. Jeden Morgen rollte er aus seiner Ladestation und machte sich an die Arbeit. Er kannte jeden Winkel der Wohnung. Er wusste, wo das rote Auto lag. Er fuhr auch dann, wenn alle schliefen – nicht weil ihn jemand darum bat, sondern weil es seine Aufgabe war.
War das nicht ein bisschen wie Fürsorge?
Issa war sechs Jahre alt, und er wusste noch nicht alles. Aber er wusste: Manchmal kümmern sich Dinge um einen, ohne Worte, ohne Arme, ohne Gesicht. Manchmal kümmert sich eine Maschine auf ihre eigene, leise Art.
„Gute Nacht, Willi", flüsterte er.
Aus dem Flur kam kein Piepen. Nur das leise Summen – gleichmäßig, ruhig – das durch die Wände reiste und Issa sanft an den Rand des Schlafs begleitete.
Er schloss die Augen.
Unterm Sofa war kein roter Ferrari mehr. Der lag sicher auf dem Tisch. Zwei Münzen, ein Puzzlestück, ein Bonbon – alle sicher.
Und Willi fuhr weiter, im Dunkeln, durch die schlafende Wohnung.
Als der Morgen kam, stand Willi wieder in seiner Ladestation. Leise, unscheinbar, wie immer.
Aber Issa schaute ihn anders an als vorher. Nicht wie eine Maschine, die Böden saugt. Sondern wie einen Freund – klein, rund, und auf seine ganz eigene Art: wunderbar.
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