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Issa und die alte Nähmaschine
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Issa und die alte Nähmaschine

10:18 MinFür alle
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Die Geschichte zum Lesen

Der Dachboden von Oma Sultanas Haus roch nach Zeit.

Nicht nach Moder oder Schimmel – nein, das Haus war gut gepflegt. Es roch nach Holz, das jahrzehntelang im Dunkeln gestanden hatte. Nach Leder, das langsam hart geworden war. Nach dem feinen Staub, der sich auf Dingen sammelt, die nicht berührt werden, aber nie vergessen sind.

Issa stieg die knarrende Holztreppe hinauf. Hinter ihm rief Oma Sultana: „Sei vorsichtig mit den losen Dielen!" Er kannte die losen Dielen. Er kannte sie seit er drei war. Die dritte und die siebte Stufe – an denen musste man links außen auftreten.

Oben war es warm. Das Dachfenster ließ einen Streifen Sommerlicht herein, der voller Staubteilchen war. Sie tanzten wie winzige Sterne, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie fallen oder fliegen wollten.

Issa schaute sich um.

Da waren alte Koffer, braun und schwer, mit Metallbeschlägen. Da war ein Kinderwagen aus Holz, uralter Art, mit Speichenrädern. Da waren Schachteln über Schachteln, viele ohne Beschriftung.

Und dann sah er es.

In der Ecke stand eine Maschine.

Sie war schwarz. Nicht das moderne, glänzende Schwarz von neuen Geräten – sondern ein tiefes, mattes Schwarz, das irgendwo zwischen Metall und Lack lag. Der Körper war elegant geformt, mit goldenen Verzierungen an den Seiten, filigran wie die Muster auf alten Teppichen. Ein Rad saß seitlich – groß, mit Speichen – und oben raus schaute eine dünne Nadel, die in der Luft stand wie ein wartender Finger.

Eine Nähmaschine.

Issa trat näher. Er bückte sich und suchte nach einem Jahr. Er fand es: in kleinen Lettern, am Fuß eingraviert.

1923.

Issa richtete sich auf. Die Nähmaschine war über hundert Jahre alt.

Oma Sultana kam langsam die Treppe herauf – mit einem Kissen unter dem Arm, auf das sie sich setzen wollte, falls sie lange blieb.

Sie sah Issa vor der Nähmaschine stehen und lächelte.

„Die hast du gefunden."

„Wer hat damit genäht?", fragte Issa.

Oma setzte sich auf das Kissen und schlug die Hände zusammen. „Lass mich überlegen. Als erstes hat Ur-Ur-Großmutter damit genäht. Sie hat sie aus Syrien mitgebracht, als die Familie hierher kam. Sie war ihr Schatz – das Erste, was sie gepackt hat."

„Und dann?"

„Dann Ur-Großmutter. Die hat damit Schuluniformen genäht. Alle Geschwister, sechs Kinder. Eine Maschine für sechs Schuluniformen – jedes Jahr eine neue Größe."

„Und dann?"

„Dann deine Ur-Großmutter väterlicherseits. Die hat darauf ein Hochzeitskleid genäht. Ihr eigenes." Oma Sultana tippte auf die Nähmaschine. „Dieses Kleid. Ein weißes mit kleinen roten Stichen am Rand. Ich hab ein Foto davon."

Issa kniete sich neben die Maschine. Er betrachtete sie genauer. Die goldenen Verzierungen zeigten Blumen, die in Metall geprägt waren. Am Fuß gab es eine Schublade, die er vorher nicht bemerkt hatte. Er öffnete sie.

Darin lagen: drei Nadeln, noch scharf. Eine Spule weißen Fadens, fast leer. Ein kleines Ölfläschchen aus Glas. Und ein Zettel, zusammengefaltet.

Issa nahm den Zettel und faltete ihn auf. Die Schrift war alt und schwer zu lesen, aber oben stand in Großbuchstaben:

FÜR DIE NÄCHSTE, DIE DAS HIER ÖFFNET: Diese Maschine näht gern. Vergiss sie nicht.

Issa las den Satz zweimal.

Dann schaute er Oma Sultana an.

„Wann hat sie zuletzt genäht?"

„Oh", sagte Oma Sultana. „Das ist lange her. Zwanzig Jahre mindestens."

Issa legte den Zettel zurück in die Schublade.

Dann schaute er die Nähmaschine an.

„Kann ich sie ausprobieren?"

Oma Sultana zögerte. „Sie ist sehr alt. Ich weiß nicht, ob sie noch läuft."

„Darf ich es versuchen?"

Oma stand auf und trat heran. Sie betrachtete die Maschine einen Moment, legte die Hand auf das große Rad, drehte es einmal vorsichtig. Es bewegte sich. Schwerer als ein neues, aber es bewegte sich.

„Wir brauchen Stoff", sagte Oma Sultana.

Issa holte seinen Pullover vom Rücken. Er hatte ein kleines Loch an der linken Schulter – schon seit Wochen, weil er immer vergaß, Mama davon zu erzählen. „Der hier?"

Oma Sultana betrachtete das Loch. Sie nickte. „Das geht."

Sie sucht in der Schublade nach Faden – die Spule war fast leer, aber fast leer ist nicht leer. Sie fädelte die Nadel ein. Issa beobachtete jede Bewegung. Die Finger seiner Oma bewegten sich schnell und sicher, auch wenn sie zitterten.

Dann legte Oma den Pullover unter die Nadel. Sie drehte das Rad.

Die Maschine lief.

Kein Zögern, kein Ruckeln – die Nadel sank herunter und hob sich und sank wieder herunter, in einem Rhythmus, der so sauber war, als wäre er eingeübt worden. Der Stoff bewegte sich unter dem Finger, der ihn führte. Vier, fünf, sechs Stiche – und das Loch war zu.

Oma stoppte das Rad.

Issa schaute auf den Pullover. Der Stich war sauber. Gerade. Als hätte das Loch nie existiert.

„Sie läuft noch", sagte er.

Oma Sultana sagte nichts. Aber ihre Augen waren feucht.

Später saßen Issa und Oma Sultana auf den alten Koffern und tranken Wasser, das Oma aus der Küche hochgebracht hatte, und schauten gemeinsam auf die Nähmaschine.

„Warum wurde sie vergessen?", fragte Issa.

„Die Zeit vergeht", sagte Oma Sultana schlicht. „Zuerst gibt es Nähmaschinen mit Strom. Dann gibt es Maschinen, die noch schneller nähen. Und dann kauft man einfach Kleidung, und irgendwann näht man gar nicht mehr selbst."

Issa nickte. Er verstand das – aber es machte ihn trotzdem ein bisschen traurig.

„Aber sie hat es nicht vergessen", sagte er. „Das Nähen. Sie kann es noch."

„Nein", stimmte Oma zu. „Sie hat es nicht vergessen."

Issa dachte an den Zettel in der Schublade. Für die Nächste, die das hier öffnet. Vergiss sie nicht.

Irgendwer hatte gewusst, dass die Maschine irgendwann vergessen werden könnte. Deshalb hatte er oder sie den Zettel gelegt.

Und jetzt war Issa da.

Er stand auf, trat zur Maschine, und schrieb auf den Block, den er immer dabei hatte, einen Satz. Er riss das Blatt heraus, faltete es sorgfältig, und legte es in die kleine Schublade der Nähmaschine – neben den alten Zettel, sodass beide nebeneinander lagen.

Auf dem neuen Zettel stand:

Ich heiße Issa. Ich war heute hier. Ich habe nicht vergessen.

Oma Sultana las über seine Schulter mit. Sie legte die Hand auf seinen Kopf.

„Das war gut", sagte sie leise.

Issa schloss die Schublade.

Noch in derselben Nacht, als Issa in seinem Bett lag, hörte er etwas in einem Traum.

Ein gleichmäßiges Klappern. Ein Rhythmus aus der Vergangenheit.

Im Traum war er wieder auf dem Dachboden – aber der Dachboden war anders. Hell. Überall saßen Frauen an Tischen, einige jung, einige alt, alle mit Stoff in den Händen. Und in der Mitte stand die schwarze Nähmaschine, und sie lief.

Sie lief ohne Pause, ohne Unterbrechung, im gleichmäßigen Rhythmus von hundert Jahren geübter Arbeit. Kleider entstanden. Kleider für Babys, für Schulkinder, für Bräute. Ein Muster floss ins nächste über.

Issa stand am Rand und schaute zu.

Eine der Frauen – alt, mit silbernem Haar und Händen, die er nicht kannte, aber irgendwie erkannte – schaute kurz zu ihm herüber. Sie nickte ihm zu. Nicht mit Worten, nur mit dem Nicken: Du bist da. Gut.

Als Issa aufwachte, war sein Zimmer hell und still.

Auf seiner Bettkante lag sein Pullover. Der Stich von gestern war noch da – sauber, gerade, klar.

Issa nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn.

Irgendwo auf dem Dachboden stand die Nähmaschine in ihrer Ecke. Vielleicht wartete sie. Vielleicht ruhte sie. Maschinen brauchen keine Träume – das wusste Issa. Aber sie brauchen vielleicht manchmal das Gefühl, dass jemand an sie denkt.

Und er dachte an sie.

Jeden Morgen, wenn er den Pullover anzog – Stich für Stich, hundert Jahre alt –, dachte er an die schwarze Maschine mit den goldenen Blumen und der Nadel, die wartet.

Und das, entschied er, war genug.

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