
Issa und die geheimnisvolle Werkstatt
Die Geschichte zum Lesen
Onkel Tareks Werkstatt roch nach Öl.
Nicht nach schmutzigem Öl, sondern nach dem guten, sauberen Maschinenöl – ein Geruch, der Issa sofort an Abenteuer denken ließ. Er stand in der Türöffnung und schaute sich um. Die Werkstatt war groß, viel größer als Issas Zimmer, und an allen Wänden hingen Werkzeuge. Schraubenzieher in allen Größen. Zangen, gebogen und gerade. Sägen, Feilen, Hämmer – jedes in einem eigenen Haken, jedes an seinem Platz.
„Komm rein, kleiner Mann", rief Onkel Tarek. Er stand an einer großen Metallbank und wischte sich die Hände an einem blauen Lappen ab. „Aber rühr nichts an, bis du gefragt hast."
Issa trat vorsichtig ein. Der Boden war aus Beton, kalt unter den Sohlen seiner Schuhe. In der Mitte der Werkstatt standen zwei große Maschinen. Eine war neu und glänzend – eine Kreissäge, deren Blatt in der Deckenlampe funkelte. Die andere war alt. Sehr alt. Sie hatte eine matte, graue Farbe und war mit einem dicken Riemen verbunden, der wie ein erschlaffter Gürtel herunthing.
„Was ist das?", fragte Issa und zeigte auf die alte Maschine.
„Eine Drehmaschine", sagte Onkel Tarek. „Die haben wir von Großvater. Die hat früher mal Metallteile bearbeitet – Wellen, Bolzen, Schrauben, alles Mögliche." Er schüttelte den Kopf. „Aber die läuft schon lange nicht mehr. Seit bestimmt fünfzehn Jahren nicht."
Fünfzehn Jahre. Issa rechnete kurz nach. Das war fast dreimal so lang, wie er selbst lebte.
Er trat näher an die Drehmaschine heran. Sie war schwer und ernst. Ihre Oberfläche war mit einem dünnen Film aus Rost und Staub bedeckt – aber darunter, wo das Metall noch blitzte, sah sie stark aus. Wie ein alter Ritter, der seinen Helm nicht mehr auf hat, aber trotzdem noch aufrecht steht.
„Hat sie einen Namen?", fragte Issa.
Onkel Tarek lachte. „Nein, sie hat keinen Namen."
„Dann nenne ich sie Silberlinde", sagte Issa.
Onkel Tarek lachte noch mehr. Aber Issa meinte es ernst.
Issa stand vor Silberlinde und betrachtete sie.
Sie war größer als er. Viel größer. Ihr Körper war aus schwerem Gusseisen – das hatte Onkel Tarek erklärt – und ihr Rüssel, das sogenannte Spannfutter vorne, sah aus wie eine große stählerne Faust, die gerade etwas festhält und nicht loslässt.
Onkel Tarek war an die andere Seite der Werkstatt gegangen, um an der Kreissäge zu arbeiten. Issa hörte das gleichmäßige Kreischen der Säge und den Geruch von frischem Sägemehl, der durch die Werkstatt zog. Aber seine Aufmerksamkeit blieb bei Silberlinde.
Er ging langsam um sie herum. Einmal, zweimal. Er schaute von unten hinauf und von oben hinunter, soweit er das konnte. Die Drehmaschine hatte viele Teile, die er nicht kannte – Handräder, Hebel, eine Skala mit winzigen Zahlen. Aber zwei Dinge fielen ihm sofort auf.
Erstens: Die Maschine war schmutzig, aber nicht kaputt. Sie sah nicht so aus, als wäre etwas abgebrochen oder gerissen. Sie sah nur aus, als würde sie... warten.
Zweitens: Der Riemen.
Der dicke schwarze Riemen, der Silberlinde mit der kleinen Antriebstrommel an der Decke verbinden sollte, hing schlaff herunter. Er war von der Trommel gerutscht – wie ein Fahrradkettensatz, der von der Zahnscheibe gefallen ist.
Issa kannte das. Er hatte mal sein Fahrrad repariert. Papa hatte ihm gezeigt, wie man die Kette wieder aufzieht. Es war nicht schwer gewesen – man musste nur wissen, wohin die Kette gehört.
Und dieser Riemen... der gehörte oben hin. Auf die Trommel.
„Onkel Tarek!", rief Issa.
Die Kreissäge verstummte. „Was ist?"
„Ich glaube, ich weiß, warum Silberlinde nicht mehr läuft."
Onkel Tarek kam herüber. Er kniete sich neben Issa auf den Betonboden und schaute dahin, wo Issa zeigte – auf den schlaff herunterhängenden Riemen, der nicht auf der Antriebstrommel lag, sondern einfach da hing wie eine müde Schlange.
Eine lange Stille.
„Na so was", murmelte Onkel Tarek leise.
„Der Riemen ist runtergerutscht", sagte Issa. „Wie bei meinem Fahrrad damals. Erinnerst du dich? Papa hat ihn wieder draufgelegt, und dann hat das Fahrrad wieder funktioniert."
Onkel Tarek strich sich über den Bart. Er schaute den Riemen an, schaute die Trommel an, schaute Issa an. Dann lachte er – aber anders als vorhin. Diesmal war es ein staunender Lacher, einer, der sagt: Das hätte ich auch sehen können, und trotzdem hat es ein Kind gesehen, nicht ich.
„Du hast recht", sagte er langsam. „Du hast vollkommen recht. Ich hab die Maschine immer von vorne angeschaut – auf die Welle, auf das Getriebe. Aber von unten, so wie du, kann man den Riemen sehen. Und du bist klein genug, dass du direkt drunter schauen konntest."
Issa reckte sich ein bisschen. „Ich bin nicht mehr so klein."
„Nein, nein", sagte Onkel Tarek schnell. „Du bist groß genug, um das zu sehen, was ich nicht gesehen habe. Das ist noch besser."
Sie schauten sich gegenseitig an. Onkel Tarek lächelte, und Issa lächelte zurück.
„Können wir ihn wieder drauflegen?", fragte Issa.
„Wir können es versuchen", sagte Onkel Tarek. Er stand auf, wischte die Knie ab, und holte aus seiner Werkzeugschublade einen kleinen Montierhebel. „Aber zuerst muss ich dir etwas sehr Wichtiges zeigen: Wir schalten die Maschine immer erst an, wenn wir sicher sind, dass alles richtig sitzt. Niemals andersherum."
Issa nickte ernst. Das verstand er.
Es dauerte fast eine halbe Stunde.
Onkel Tarek legte den Riemen behutsam auf die Antriebstrommel. Zweimal rutschte er wieder ab. Beim dritten Mal saß er fest. Onkel Tarek prüfte jede Schraube, jede Verbindung. Er öle die Welle, er schaute durch die kleine Klappe hinein, er testete jeden Hebel, als würde er einen schlafenden Freund untersuchen.
Issa hielt sich im Hintergrund, aber er schaute alles genau mit. Er merkte sich, wie Onkel Tarek vorging – mit Ruhe, ohne Hast. Eine Sache nach der anderen. Nie zwei auf einmal.
Schließlich richtete Onkel Tarek sich auf. Er schaute Issa an.
„Möchtest du den Schalter umlegen?"
Issa trat heran. Der Schalter war ein alter Kippschalter, groß und schwer, mit einem roten Aufkleber, auf dem ANLASSEN stand. Er fasste ihn mit beiden Händen.
„Warte", sagte Onkel Tarek, und legte seiner Hand kurz auf Issas. „Bist du bereit?"
Issa nickte.
Er legte den Schalter um.
Ein Moment der Stille – und dann ein Donner, ein tiefer, mächtiger Aufbruch, wie wenn ein großer Motor zum ersten Mal seit Jahren Luft bekommt. Silberlinde rüttelte einmal, zweimal. Die Trommel begann sich zu drehen. Der Riemen lief. Langsam erst, dann schneller, dann in einem gleichmäßigen, ruhigen Rhythmus.
Wumm. Wumm. Wumm.
Das Spannfutter vorne drehte sich. Leise, präzise, rund.
Issa stand mit offenem Mund da.
Nach fünfzehn Jahren schlief Silberlinde nicht mehr.
Onkel Tarek legte die Hand auf Issas Schulter. Beide schauten der Maschine zu, wie sie sich drehte – gleichmäßig, schwer, ruhig. Wie eine Uhr, die endlich wieder tickt.
„Weißt du, was du gerade gemacht hast?", sagte Onkel Tarek leise.
Issa schüttelte den Kopf.
„Du hast Großvaters Maschine zurückgebracht."
Als die Sonne tiefer stand und goldenes Licht durch das schmutzige Werkstattfenster fiel, setzte Onkel Tarek Silberlinde wieder aus.
Das Summen verebbte langsam. Die Trommel drehte sich immer langsamer, bis sie ganz still stand. Die Werkstatt wurde wieder leise.
Issa saß auf einer alten Holzbank an der Wand und trank den Tee, den Onkel Tarek ihm gemacht hatte – süß und heiß, mit einem leichten Kardamomgeruch.
„Onkel Tarek", sagte Issa, „hat Großvater diese Maschine gern gemocht?"
„Sehr", sagte Onkel Tarek. Er saß auf dem Betonboden, den Rücken gegen die Arbeitbank gelehnt, und trank ebenfalls Tee. „Für ihn war sie keine Maschine. Sie war sein Werkzeug, sein Partner. Er hat jeden Abend mit ihr gearbeitet – nach dem Büro, nach dem Abendessen, immer noch eine Stunde in der Werkstatt."
Issa dachte darüber nach. „Und sie hat ihn nicht vergessen?"
Onkel Tarek schaute ihn an. „Was meinst du damit?"
„Na ja." Issa wählte die Worte sorgfältig. „Wenn jemand lange schläft – wenn eine Maschine lange steht – verliert sie doch nicht, was sie kann. Der Riemen war nur abgerutscht. Alles andere war noch da."
Onkel Tarek nickte langsam. „Du hast recht. Sie hatte alles behalten. Die Wellen, die Zahnräder, die Präzision – alles noch da. Sie brauchte nur jemanden, der schaut."
„Jemanden, der richtig schaut", sagte Issa.
Sie saßen eine Weile schweigend da.
Dann stand Issa auf und legte die Hand kurz auf Silberlindes graue Seite – ganz sanft, wie man eine Katze streichelt.
Das Metall war kühl. Aber nicht kalt.
„Gute Arbeit heute", sagte er leise.
Er wusste nicht genau, ob er das zu Silberlinde sagte oder zu sich selbst. Vielleicht war es beides.
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