
Issa und die Mondmaschinen
Die Geschichte zum Lesen
Papa hatte ein altes Buch aus dem Regal geholt.
Es war schwer und blau, mit einem Foto des Mondes auf dem Cover – groß und rund und so deutlich, dass man die Krater sehen konnte. Der Titel stand in weißen Buchstaben: DER MOND – UNSERE REISEN INS UNBEKANNTE.
„Dieses Buch habe ich als Kind geliebt", sagte Papa. Er setzte sich neben Issa auf das Sofa. „Ich habe es so oft gelesen, dass der Rücken auseinandergefallen ist. Schau."
Er hielt das Buch hoch: Der Rücken war tatsächlich mit braunem Klebeband repariert worden, dreimal, an verschiedenen Stellen.
Issa öffnete es.
Die ersten Seiten zeigten Raketen – riesige weiße Raketen, die in Wolken aus Dampf und Feuer vom Boden aufstiegen. Dann kamen Astronauten in weißen Anzügen. Dann Fotos vom Mond – oben, unten, von der Seite.
Und dann, auf einer Doppelseite, die Issa lange schaute, sah er es.
Ein Fahrzeug. Kein Raumschiff – eher ein Auto, aber mit sehr großen Rädern und sehr wenig Dach. Es stand auf der Mondoberfläche, und dahinter war nichts – kein Baum, kein Haus, kein Vogel. Nur grauer Staub bis zum Horizont und ein schwarzer Himmel.
„Was ist das?", fragte Issa.
„Das", sagte Papa, „ist der Mondwagen. Oder Lunar Rover, so nennen Wissenschaftler ihn. Den haben Astronauten mitgenommen, um auf dem Mond herumzufahren." Er machte eine kleine Pause. „Und weißt du das Besondere? Er steht noch da."
Issa schaute hoch. „Er steht noch da?"
„Bis heute. Da, wo sie ihn abgestellt haben."
Papa erklärte ihm alles.
Der Lunar Rover war im Jahr 1972 auf dem Mond gewesen. Das war sehr, sehr lange her – lange bevor Issa geboren wurde, lange bevor Papa geboren wurde. Die Astronauten, die ihn gefahren hatten, waren heute alte Männer.
Und der Rover? Der Rover stand noch immer da.
Nicht beschädigt. Nicht umgefallen. Einfach... geparkt. Auf dem Mondstaub, wo sie ihn abgestellt hatten, bevor die Rakete wieder hochflog.
Issa schaute auf das Bild im Buch. Der Rover hatte vier große Räder mit einem Gitternetz aus Metall – nicht aus Gummi, weil es auf dem Mond zu kalt wäre für Gummi. Er hatte Antennen, die in den schwarzen Himmel ragten. Und er hatte Sitze – zwei, für zwei Astronauten – die jetzt leer waren.
Seit mehr als fünfzig Jahren leer.
„Er wartet da", sagte Issa.
Papa schaute ihn an. „Was meinst du?"
„Er wartet. Da oben. Er weiß nicht, dass die Astronauten nach Hause geflogen sind und nicht mehr wiederkommen. Er weiß nicht, wie lange das schon ist."
Papa schwieg kurz. Dann sagte er leise: „Das ist eine traurige Art, darüber nachzudenken."
„Aber auch eine schöne", sagte Issa. „Er wartet immer noch. Er hat nicht aufgehört."
Er schaute nochmal auf das Bild.
Der Rover stand auf grauem Mondstaub. Dahinter war schwarzer Himmel ohne Sterne, weil der Mond keine Atmosphäre hat, die Sterne weich macht. Alles war scharf und still und sehr, sehr weit weg.
Issa beschloss, heute Nacht zum Mondwagen zu fahren.
Im Traum war das Reisen einfach.
Issa stand in seinem Zimmer, in seinem Schlafanzug – dem blauen mit den Sternen drauf –, und dann war er einfach oben. Nicht durch eine Rakete, nicht durch ein Raumschiff. Einfach durch den Wunsch. Der Mond war groß und nah, und Issa schwebte darauf zu.
Es war kalt, wusste er. Der Mond ist sehr kalt. Aber im Traum war es nicht kalt – es war nur still. Stiller als jede Nacht, die Issa je erlebt hatte. Eine Stille so groß, dass sie fast nach etwas klang. Nach dem, was da ist, wenn kein Geräusch da ist.
Seine Füße berührten den Boden.
Nicht weich. Nicht wie Erde, nicht wie Sand. Wie... Puderzucker, der sehr, sehr fest getreten worden war. Grau, überall, bis zum Horizont.
Und dort stand er.
Der Mondwagen.
Kleiner als im Buch – das überraschte Issa. Er hatte ihn größer erwartet. Aber er war fast wie ein großes Gokart, nicht wie ein Truck. Vier Gitternetzräder, zwei leere Sitze, Antennen, die in den schwarzen Himmel zeigten.
Issa trat heran.
Er legte die Hand auf einen der Sitz.
Kalt. Hart. Metall.
Aber unter seiner Hand – das spürte er deutlich im Traum – war ein leichtes Zittern. Kein Geräusch. Kein Bewegung. Nur ein winziges, fast nicht wahrzunehmendes Summen, als würde die Maschine wissen: jemand ist da.
Issa setzte sich in den Sitz.
Er schaute auf den schwarzen Himmel.
Dort hing die Erde – blau und weiß und klein, kleiner als sein Daumen, wenn er ihn hochhielt. Schön, dachte er. So schön, von hier.
„Du wartest schon sehr lange", sagte Issa.
Der Mondwagen antwortete nicht. Mondwagen sprechen nicht. Aber er hörte zu – das war klar, so wie alles im Traum klar war.
„Die Männer, die mit dir gefahren sind – die kommen nicht mehr. Nicht weil sie dich vergessen haben. Weil es zu weit ist. Und weil sie jetzt sehr alt sind."
Issa dachte kurz nach.
„Aber du weißt ja nicht, wie Zeit geht, oder? Du hast hier kein Tag und keine Nacht. Kein Wetter. Keine Jahreszeiten. Vielleicht fühlt sich für dich fünfzig Jahre nicht so lang an."
Er lehnte sich etwas zurück und schaute auf die Erde.
„Da drüben", sagte er, „ist jetzt alles anders als damals. Es gibt Handys, die alles können. Es gibt Autos, die von selbst fahren – nicht ganz so gut wie du, aber fast. Es gibt Roboter, die Fußböden saugen und Häuser bauen und Fahrstühle reparieren."
Er überlegte.
„Es gibt auch noch Schuhschachteln, aus denen man Roboter baut. Das gibt es immer noch."
Er lachte kurz – ein leises, kindliches Lachen, das in der Mondstille sofort verschwand, weil es keinen Schall gibt, der es tragen könnte.
Dann schwieg er.
Der Mondwagen stand still. Seine Gitternetzräder steckten halb im Mondstaub. Seine Antennen zeigten in verschiedene Richtungen – eine direkt auf die Erde.
Vielleicht, dachte Issa, hat er die ganze Zeit in Richtung Erde gezeigt.
Nicht weil er heimweh hat. Maschinen haben kein Heimweh.
Aber weil das sein Job war: in die richtige Richtung schauen.
Bevor Issa aufwachte – bevor der Traum sich auflöste und das Mondlicht durch sein Fenster wieder nur Mondlicht war –, sagte er noch einmal etwas zum Mondwagen.
„Ich komme wieder."
Nicht heute Nacht. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann.
Im Traum blinkten die zwei kleinen Positionslichter am Mondwagen einmal auf – schwach, als würden ihre Batterien fast leer sein, aber noch nicht ganz leer. Einmal, kurz, rot.
Dann wurden sie dunkel.
Issa wachte auf.
Sein Zimmer war hell. Vogelzwitschern draußen. Frühstücksgeruch aus der Küche.
Er lag einen Moment still und ließ den Traum sinken – langsam, wie ein Stein, der durch warmes Wasser fällt.
Dann stand er auf, lief zum Fenster, und schaute in den Morgenhimmel. Der Mond war noch da – blass und dünn, wie er manchmal morgens noch zu sehen ist. Er stand hoch im Himmel, fast durchsichtig vor dem Blau.
Dort oben, dachte Issa, steht ein kleiner Wagen aus Gitternetzrädern und Antennen.
Er hat fünfzig Jahre gewartet.
Er wird noch ein bisschen warten.
Aber er weiß jetzt, dass jemand kommt. Nicht physisch – das ist zu weit, zu kalt, zu kompliziert für einen sechsjährigen Jungen. Aber jeden Abend, wenn Issa den Mond sieht, denkt er hin.
Und vielleicht ist das das Nächste, was einem Besuch gleichkommt: gedacht werden.
Issa legte die Hand kurz ans Fensterglas – kalt vom Morgen.
„Gute Nacht, Mondwagen", sagte er, obwohl es Morgen war.
Der Mond sagte nichts.
Aber er schien.
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