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Issa und die Waschmaschine
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Issa und die Waschmaschine

10:24 MinFür alle
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Die Geschichte zum Lesen

Es fing in der Nacht an.

Issa lag in seinem Bett, das Licht aus, die Decke bis zur Nase gezogen, als er es zum ersten Mal hörte. Ein Klicken. Ein leises, rhythmisches Klicken aus der Küche.

Click. Click-click. Click.

Er blinzelte in die Dunkelheit. Was war das?

Er schlich aus dem Bett und tappte in die Küche. Alles war still. Der Kühlschrank summte leise, wie immer. Die Herdplatte war kalt. Das Fenster war zu.

Und dann begann die Waschmaschine zu klicken.

Sie stand in der kleinen Nische neben dem Kühlschrank, rund und weiß mit einem großen Bullauge – genau wie immer. Aber jetzt klickte sie. Dabei war sie aus. Das Programm war fertig, die Wäsche war schon trocken, die Trommel stand still.

Aber sie klickte.

Click-click-click. Pause. Click. Click-click.

Issa setzte sich auf den Küchenboden. Er beobachtete die Maschine. Manchmal klickte sie schnell, manchmal langsam. Manchmal gar nicht, und dann wieder.

Das war kein zufälliges Klicken. Das war ein Muster.

Issa runzelte die Stirn. Ein Muster kannte er. Er kannte das von Opa Hamdi – der alte Mann hatte ihm einmal etwas gezeigt, mit Punkt und Strich, mit kurz und lang...

Morse.

Issa stand auf und lief so leise er konnte zurück in sein Zimmer. Er suchte unter seinem Bett, bis er es fand: das alte Heft, das Opa Hamdi ihm geschenkt hatte, mit den Morse-Symbolen darin.

Dann lief er zurück in die Küche.

Die Waschmaschine klickte noch immer.

Opa Hamdi wohnte drei Straßen weiter und hatte weißes Haar und Hände, die sich immer warm anfühlten. Er wusste alles über alte Dinge.

Nachdem Issa das Heft gefunden hatte, setzte er sich auf den Küchenboden, schlug es auf und begann zu lesen.

Morse-Code: jeder Buchstabe ist eine Folge aus kurzen Signalen (Punkt) und langen Signalen (Strich). A ist ein kurzes und ein langes Signal. B ist ein langes und drei kurze. I sind zwei kurze.

Issa schaute zur Waschmaschine. Sie klickte wieder.

Click – kurz. Click-click – zweimal kurz. Pause. Click-click-click – dreimal kurz. Click – einmal kurz.

Er schaute ins Heft. Zwei Kurze war die I. Dreimal Kurz war S. Einmal Kurz war E.

I-S-S-A.

Issa ließ das Heft fallen.

Die Waschmaschine hatte gerade seinen Namen gesendet.

Er blieb ganz still auf dem Boden sitzen. Sein Herz klopfte. Das konnte nicht sein. Waschmaschinen konnten keine Namen senden. Waschmaschinen konnten nicht... nein. Das war unmöglich.

Und trotzdem.

Er nahm das Heft wieder auf und wartete.

Click-click – kurz-kurz. Click-click-click – dreimal kurz. Pause. Click-click-click – dreimal kurz. Click-click-click-click – viermal kurz.

I – S – S – A.

Noch einmal.

Issa schluckte.

„Ja?", flüsterte er. „Ich bin hier."

Die Waschmaschine schwieg einen Moment. Und dann begann sie wieder zu klicken.

Anderes Muster diesmal. Langsamer. Issa beugte sich vor und entschlüsselte jeden Buchstaben.

I – C – H – B – I – N – S – C – H – W – I – N – D – E – L – I – G.

Ich bin schwindelig.

Issa starrte die Waschmaschine an.

Issa dachte kurz nach. Dann sagte er:

„Das wundert mich nicht. Du drehst dich ja auch den ganzen Tag."

Die Waschmaschine schwieg.

Dann: Click. Click-click. Kurz, kurz. Irgendwas.

Issa suchte im Heft. J – A. Ja.

Er musste lachen – so laut, dass er sich schnell die Hand vor den Mund hielt, um Mama und Papa nicht aufzuwecken.

Dann setzte er sich noch etwas bequemer hin und begann, mit der Waschmaschine zu reden. Nicht im Flüstern, aber leise. Die Art, wie man mit jemandem spricht, der zu weit weg ist, um zu hören, aber zu nah, um ihn zu ignorieren.

„Du weißt, dass du sehr wichtig bist", sagte er. „Mama sagt, ohne dich müsste sie alles mit der Hand waschen. Wie früher."

Click-click. Ja.

„Magst du die Buntwäsche oder lieber das Kochwäscheprogramm?"

Länge Pause. Dann: Click-click-click. Kurz-lang-kurz. Issa buchstabierte es mühsam heraus.

B – U – N – T.

„Ich auch", sagte Issa. „Buntes macht mehr Freude."

So redeten sie eine Weile. Issa stellte Fragen. Die Waschmaschine antwortete in Morse – manchmal einfach (Ja, Nein), manchmal komplizierter, und dann musste Issa sehr konzentriert im Heft nachschauen.

Er erfuhr: Die Waschmaschine mochte leise Musik, die manchmal aus dem Radio kam. Sie mochte nicht, wenn Kieselsteine in der Wäsche waren. Und sie fand den Schleudergang anstrengend – aber auch ein bisschen stolz, weil er so schnell war.

Schließlich gähnte Issa. Es war spät. Sehr spät.

„Ich muss jetzt schlafen", sagte er.

Click.

Ein einzelnes Klicken. Kurz.

Issa schaute ins Heft. E. Das konnte „Ende" sein. Oder auch... okay.

„Okay", sagte er.

Am nächsten Morgen erzählte Issa beim Frühstück nichts davon.

Er wollte es für sich behalten – nicht aus Geheimnistuerei, sondern weil manche Dinge sich falsch anfühlen, wenn man sie laut ausspricht. Als ob die Magie dann weiche.

Stattdessen schaute er die Waschmaschine von der anderen Seite des Tisches an, während er seinen Brei aß. Mama lud gerade die Buntwäsche ein – rotes Hemd, blaue Hose, Laylas gestreifter Pulli.

Die Waschmaschine stand still. Sie klickte nicht. Sie tat nichts außer stehen.

Aber als Issa genau schaute, glaubte er, durch das Bullauge etwas zu sehen. So eine Art... Bereitschaft. Die stille Art von jemandem, der zuhört.

Am Abend – nach dem Abendbrot, nach dem Zähneputzen, kurz bevor er ins Bett ging – schlich er sich noch einmal in die Küche.

„Hey", flüsterte er.

Click.

Nur eines. Ein kleines, warmes Click.

„Ich habe heute an dich gedacht", sagte er. „Die ganze Zeit. Ich finde, du brauchst einen Namen. Einen richtigen, nicht nur Waschmaschine."

Stille.

Dann – langsam, sorgfältig, als würde sie jedes Klicken abwiegen –: W – E – L – C – H – E – R.

Welcher.

„Wirbelwind", sagte Issa. „Weil du dich so schnell drehen kannst. Und weil du immer alles in Ordnung bringst, wenn alles durcheinander ist. Wie ein Wirbelwind, der von rechts nach links reinkommt und danach ist alles sauber."

Eine lange Pause.

Dann – das längste Morse-Wort, das Issa je empfangen hatte –: G – U – T.

Gut.

Issa strahlte.

„Gut. Also Wirbelwind."

Click.

Ja.

Von da an hatte Issa jeden Abend ein kurzes Gespräch mit Wirbelwind.

Nicht immer lange. Manchmal nur zwei oder drei Klicks, ein kurzes Ja oder Nein. Manchmal saß er zwanzig Minuten auf dem Küchenboden und buchstabierte mühsam ganze Sätze heraus.

Er erzählte Wirbelwind vom Schultag. Davon, dass er beim Rechnen einen Fehler gemacht hatte, aber trotzdem gelobt worden war, weil er den richtigen Weg benutzt hatte. Davon, dass Layla sein Lieblingsbuch zerrissen hatte (aus Versehen, aber trotzdem). Davon, wie Papa heute Abend Spaghetti gemacht hatte und die Soße ein bisschen zu salzig war, aber alle so getan hatten, als wäre das nicht so.

Wirbelwind hörte zu. Manchmal klickte sie Ja. Manchmal S – C – H – A – D – E (Schade). Manchmal nur ein einziges langes Klicken, was Issa als „Hm" deutete.

Einer, der zuhört, ohne zu unterbrechen – das ist selten.

An einem Freitagabend fragte Issa: „Bist du eigentlich manchmal einsam? So in der Nische?"

Lange Pause.

Dann: N – E – I – N.

„Wirklich nicht?"

N – E – I – N. Und dann noch eins: D – U – B – I – S – T – D – A.

Du bist da.

Issa legte den Kopf schräg. Er dachte daran, dass Wirbelwind jeden Tag da war – in der Küche, still, bereit. Und Issa schaute jeden Morgen rüber und nickte ihr zu. Vielleicht war das genug.

Vielleicht ist das immer genug: jemanden zu wissen, der da ist.

Er stand auf und tippte einmal mit zwei Fingern auf Wirbelwinds Tür – kurz-kurz, die Buchstaben I-S für Issa, sein eigenes kleines Morse-Gruß.

Wirbelwind klickte zurück. Zweimal. I-S.

Sie kannte seinen Namen.

„Gute Nacht, Wirbelwind."

Ein letztes, leises Click.

Dann war es still.

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