
Mein Körper sagt Gute Nacht
Von den Zehen bis zur Stirn — jeder Teil deines Körpers entspannt sich, einer nach dem anderen.
Die Geschichte zum Lesen
Dein Körper spricht die ganze Zeit.
Nicht mit Wörtern — mit Gefühlen. Er sagt dir, wenn er Hunger hat. Er sagt dir, wenn er kalt ist. Er sagt dir, wenn er sich vor etwas fürchtet, oder wenn er sich freut, oder wenn er zu viel getragen hat an einem langen Tag.
Und jetzt — gerade jetzt — sagt er dir etwas.
Er sagt: Ich bin müde.
Nicht traurig-müde. Nicht schlecht-müde. Sondern die gute Art von Müde — die Art, die man verdient hat. Die Müdigkeit von einem Tag, den man gelebt hat. Von Schritten, die man gegangen ist. Von Dingen, die man gedacht und gefühlt und gelernt hat.
Dein Körper hat heute gearbeitet. Die Beine haben getragen. Die Hände haben gegriffen, gebaut, gezeichnet, gegessen. Die Augen haben geschaut und gelesen und gestaunt. Das Herz hat gefühlt — Freude vielleicht, oder Aufregung, oder auch mal ein kleines bisschen Trauer, und das ist alles erlaubt.
All das hat Kraft gekostet.
Und jetzt — jetzt kommt der Lohn.
Dein Körper lädt sich auf, während du schläfst. Wie ein Gerät, das nachts an der Steckdose hängt. Am Morgen ist er wieder voll. Kräftig. Bereit für alles.
Aber erst muss er schlafen.
Er möchte schlafen. Er bittet dich schon die ganze Zeit.
Leg dich hin. Mach die Augen zu. Lass ihn machen.
Er weiß, was er tut.
Jetzt sagen wir zusammen Gute Nacht — jedem Teil deines Körpers.
Wir fangen ganz unten an.
Deine Füße.
Denk mal an alles, was deine Füße heute getan haben. Sie haben dich aufrecht gehalten. Sie haben dich von Zimmer zu Zimmer getragen, durch Türen und über Böden und vielleicht über Gras oder Asphalt oder Holzdielen. Sie haben dich gehalten, ohne einmal zu fragen, ob sie Pause haben dürfen.
Stell dir vor, du sagst ihnen: Danke. Wirklich. Danke, Füße.
Und dann: Ihr dürft jetzt ruhen.
Fühl, wie deine Zehen weich werden — einer nach dem anderen. Kleiner Zeh, dann der nächste, dann der übernächste, bis alle weich sind und locker und entspannt. Die Ferse, schwer auf dem Bett. Der ganze Fuß, warm und ruhig.
Gute Nacht, Füße.
Jetzt die Beine. Die Waden, die die ganze Last mitgetragen haben. Die Knie, die gebogen und gestreckt haben, auf und ab, wieder und wieder, ohne je nachzudenken. Die Oberschenkel, stark und müde, die jetzt in die Matratze sinken.
Stell dir vor, du schickst eine Welle der Wärme durch die Beine — von unten nach oben. Wie warmes Wasser in einer Badewanne. Es fließt über die Füße, über die Waden, über die Knie, über die Oberschenkel.
Alles wird weich.
Alles sinkt.
Gute Nacht, Beine.
Ihr habt heute genug getan.
Jetzt kommen wir zur Mitte deines Körpers.
Dein Bauch.
Spür ihn. Wie er sich hebt, wenn du einatmest. Wie er sinkt, wenn du ausatmest. Das macht er die ganze Nacht — auf und ab, auf und ab, ganz von alleine. Du schläfst, und er atmet für dich. Das ist sein Job, und er macht ihn gut.
Stell dir eine warme Hand auf deinem Bauch vor. Nicht schwer — leicht, wie Sonnenwärme auf der Haut. Die Wärme breitet sich aus, nach rechts, nach links, bis dein ganzer Bauch sich warm anfühlt und ruhig.
Gute Nacht, Bauch.
Und jetzt — dein Herz.
Dein Herz hat heute sehr viel gefühlt. Das tut es jeden Tag. Es freut sich, wenn du lachst. Es zieht sich zusammen, wenn etwas wehtut. Es springt, wenn etwas aufregend ist. Es beruhigt sich wieder, wenn du sicher bist.
Gerade jetzt schlägt es ruhig.
Bump. Bump. Bump.
Einmal pro Sekunde vielleicht. Oder etwas langsamer. Gleichmäßig wie ein Uhrwerk, aber lebendiger. Wärmer.
Es schlägt, seit du geboren bist. Es hat noch keine einzige Sekunde ausgesetzt. In der Nacht, wenn du schläfst — es schlägt weiter. Im Traum — es schlägt. Im tiefsten Schlaf — es schlägt.
Du kannst ihm vertrauen.
Du musst dein Herz nicht bewachen. Es bewacht sich selbst.
Leg deine Hand dort hin, wenn du möchtest. Oder stell dir nur vor, wie es klingt, ganz nah, ganz leise. Bump. Bump. Bump.
Gute Nacht, Herz.
Du hast heute viel gefühlt. Das war mutig von dir.
Deine Hände.
Schau sie dir an — oder stell sie dir vor, du musst nicht wirklich schauen. Deine Hände haben heute so viel gemacht. Sie haben gegessen und gezeichnet und vielleicht gebaut. Sie haben jemanden an der Hand gehalten. Sie haben Seiten umgeblättert. Sie haben aufgegriffen, losgelassen, festgehalten, geöffnet.
Jetzt liegen sie neben dir. Offen. Entspannt.
Die Finger sind leicht gekrümmt — wie schlafende Hände es immer sind. Nicht geballt. Nicht gestreckt. Einfach offen und ruhig, wie Muschelschalen, die auf dem Meeresgrund liegen.
Gute Nacht, Hände.
Und jetzt — der wichtigste Teil. Dein Kopf.
Dein Kopf hat heute am meisten gearbeitet. Er hat gedacht und geplant und sortiert. Er hat Probleme gelöst und vielleicht ein paar neue geschaffen. Er hat Stimmen gehört und Musik und Geräusche. Er hat Bilder gesehen — so viele Bilder, mehr als du zählen könntest.
Und manchmal — das ist ganz normal — will der Kopf nicht aufhören. Er macht einfach weiter, auch wenn der Rest vom Körper schon längst aufgehört hat. Er dreht Gedanken hin und her. Er bringt Erinnerungen. Er stellt Fragen, auf die es heute Nacht keine Antworten gibt.
Wenn das passiert — wenn ein Gedanke kommt und dich nicht loslassen will — dann sag ihm einfach: Ich höre dich. Ich weiß, dass du da bist. Aber jetzt ist Schlafenszeit. Komm morgen wieder.
Und dann lass ihn ziehen. Wie eine Wolke, die über den Mond zieht und weitergeht.
Dein Kopf darf jetzt aufhören.
Er hat genug gedacht für heute.
Gute Nacht, Kopf.
Dein ganzer Körper hat jetzt Gute Nacht gesagt.
Die Füße. Die Beine. Der Bauch. Das Herz. Die Hände. Der Kopf.
Alle haben aufgehört zu arbeiten. Alle ruhen. Alle schlafen schon fast.
Und jetzt kommt der Schlaf für dich.
Nicht irgendein Schlaf. Dein Schlaf. Der Schlaf, den dein Körper sich heute verdient hat, Schritt für Schritt, Gedanke für Gedanke, Moment für Moment.
Der Schlaf kommt wie eine warme Decke, die jemand über dich legt. Sanft. Ruhig. Von den Füßen her — schon warm. Die Beine — schwer und ruhig. Der Bauch — hebt sich kaum noch, so tief geht der Atem schon. Das Herz — bump, bump, bump, so ruhig, so sicher.
Die Hände. Schon ganz weg.
Der Kopf. Auch schon fast weg.
Nur noch ein paar Gedanken — und die werden kleiner, mit jedem Atemzug. Kleiner und weicher und weiter weg.
Du bist nicht mehr ganz wach.
Noch nicht ganz weg.
Irgendwo dazwischen. Und das ist der schönste Ort: dieses Irgendwo-dazwischen. Dort ist es warm und still und sanft.
Bleib noch einen Moment dort.
Und dann — lass es kommen.
Lass den Schlaf kommen, wie er will. Er weiß den Weg. Er kennt dich.
Mein Körper sagt Gute Nacht.
Und du sagst: Ja.
Gute Nacht.
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