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Der Junge, der den Wind zähmen wollte
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Der Junge, der den Wind zähmen wollte

7:40 MinFür alle
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Jorin

Jorin

Märchen sind keine alten Geschichten — sie sind lebendige Welten, die ich jeden Abend neu erschaffe.

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Die Geschichte zum Lesen

Karl hatte schon immer ein Problem mit dem Wind.

Nicht so ein Problem wie: Der Wind ist unangenehm oder macht die Haare kaputt. Sondern so ein Problem wie: Der Wind macht genau das, was Karl selbst tun will, und Karl versteht nicht, warum der Wind das darf und er nicht.

Der Wind blies durch alles, was ihm in den Weg kam. Er schubste die Blätter von den Bäumen, warf die Wäschestücke vom Seil, riss Hüte von Köpfen, bellte durch die Gassen und verschwand dann einfach — und niemand beschwerte sich wirklich. Alle sagten nur: Das ist der Wind. Er ist eben so.

Wenn Karl einen Hut warf, musste er ihn aufheben.

Das schien Karl zutiefst ungerecht.

An dem Tag, an dem Karl beschloss, den Wind zu zähmen, war es Herbst. Die Luft roch nach Rauch und nassem Laub. Karl stand auf der Hügelkuppe hinter dem Dorf — das war sein Lieblingsplatz, weil der Wind dort am stärksten war — und er schaute in den Himmel, der voll grauer Wolken hing, die sich alle sehr beeilten, irgendwo anders hinzukommen.

Wind!, rief Karl. Ich will mit dir reden!

Der Wind sagte nichts. Er pfiff nur durch das Gras neben Karls Schuhen, zause ihm die Haare und lief weiter.

Karl kniff die Augen zusammen.

Okay, sagte er. Ich fange dich eben ein.

Karl versuchte zuerst, den Wind einzufangen.

Er nahm einen alten Bettbezug seiner Mutter — was sich später als keine sehr gute Idee herausstellte — und rannte dem Wind hinterher. Aber der Wind war schneller. Er war immer dort, wo Karl gerade gewesen war, aber nie dort, wo Karl gerade war.

Dann versuchte Karl, eine Falle zu bauen. Er stellte eine leere Einkaufstasche auf dem Hügel auf und wartete, bis der Wind hineinflog. Der Wind flog rein, blähte die Tasche auf — und flog sofort wieder raus.

Eine Stunde und drei Versuche später saß Karl erschöpft auf dem Gras.

Der Wind wehte über ihn hinweg, fast beiläufig, wie jemand, der auf einen Hund hinunterblickt.

Du lachst mich aus, sagte Karl.

Was natürlich keine Antwort kam. Und doch — er konnte schwören, dass das Gras ringsum kurz wippte, als würde jemand mit dem Fuß auf die Erde stampfen, weil er lacht und es nicht zeigen will.

Karl legte sich auf den Rücken und schaute in den Himmel.

Die Wolken rasten über ihn hinweg. Eine sah aus wie ein Pferd. Eine wie ein Schiff. Eine wie seine Tante Berta, was Karl ein bisschen erschreckte.

Wie wirst du so schnell?, fragte er in den Himmel. Was essen Winde?

Natürlich keine Antwort.

Aber der Wind — Karl war jetzt sicher — blies kurz, sehr gezielt, einen gelben Herbstblätter direkt auf Karls Bauch. Als wäre das eine Antwort. Irgendeine Art von Antwort.

Auf dem Weg zurück ins Dorf traf Karl die alte Bäckerin Hilde.

Sie trug einen Korb voller Brot und schaute Karl an, der den Bettbezug seiner Mutter über die Schulter gelegt hatte und sehr erschöpft aussah.

Den Wind gefangen?, fragte sie.

Karl blinzelte. Woher wusstest du das?

Jeder versucht es irgendwann, sagte Hilde. Ich auch. Als ich so alt war wie du.

Hast du es geschafft?

Nein, sagte Hilde. Und ich bin froh darüber.

Karl runzelte die Stirn. Warum?

Hilde stellte den Korb ab. Sie schaute Karl an — so wie alte Menschen manchmal schauen, als würden sie nicht dich ansehen, sondern etwas hinter dir.

Der Wind macht die Wolken, sagte sie. Die Wolken bringen den Regen. Der Regen macht das Korn. Das Korn backe ich zum Brot. Das Brot trägst du jetzt nach Hause, wenn du willst.

Karl überlegte.

Aber ich habe ihn nicht gezähmt, sagte er.

Nein, sagte Hilde. Du hast etwas Besseres gemacht: Du hast ihn kennengelernt. Jemanden kennenzulernen ist wichtiger als ihn zu zähmen.

Karl stand da und dachte nach.

Hast du noch mehr solches Brot?, fragte er dann.

Hilde lachte. Sie gab ihm einen Laib. Er war noch warm.

Am nächsten Abend ging Karl wieder auf den Hügel.

Aber dieses Mal brachte er nichts mit — keinen Bettbezug, keine Tasche, keine Falle. Er setzte sich einfach hin, kreuzte die Beine, und schaute in den Himmel.

Der Wind kam sofort.

Er zause Karls Haare. Er brachte den Geruch von weit weg — irgendwas Salziges, als käme er gerade vom Meer, obwohl das Meer Hunderte Kilometer entfernt war. Er ließ das Gras ringsum wogen und hüpfen, als würden viele kleine Tiere darin schlafen und sich umdrehen.

Karl schloss die Augen.

Ich versuche dich nicht mehr zu fangen, sagte er.

Der Wind sagte nichts.

Aber er hörte auf, an Karls Haaren zu ziehen. Er wurde ruhiger. Nicht ganz still — der Wind wird nie ganz still, das liegt nicht in seiner Natur — aber er blies jetzt um Karl herum, wie man um jemanden herumgeht, der sitzt, weil man ihn nicht stören will.

Karl merkte, dass das Gras neben ihm ganz sanft wogte. Immer und immer in dieselbe Richtung — nach links, leicht kreisend. Als wäre das eine Art Tanz.

Er streckte die Hand aus.

Der Wind blies durch seine Finger. Kalt und deutlich, jeder einzelne Finger.

Karl lächelte.

Okay, sagte er. Ich verstehe dich jetzt, glaube ich. Du bist so, wie du bist. Das ist nicht verhandelbar.

Er saß noch lange auf dem Hügel, bis das Abendlicht orange wurde und die ersten Sterne auftauchten.

Karl aß zu Abend — Brot, das aus Hildes Korn gebacken war — und ging früh schlafen.

Er lag im Bett und schaute zur Decke.

Das Fenster war einen Spalt offen. Von draußen kam der Wind — leise jetzt, sanfter als tagsüber, wie er immer abends wird, als würde er auch müde. Er bewegte den Vorhang nur ein ganz kleines bisschen. Hin und her. Hin und her.

Karl schaute dem Vorhang zu.

Er dachte an Hilde und das Brot. Er dachte daran, dass der Wind Wolken macht und Wolken Regen und Regen Korn und Korn Brot. Er dachte daran, dass alles irgendwie zusammenhängt, auch wenn man es nicht sofort sieht.

Er dachte daran, wie der Wind durch seine Finger geblasen war. Kalt und deutlich.

Vielleicht, dachte Karl, muss man manche Dinge gar nicht festhalten. Vielleicht reicht es, sie kurz zu spüren.

Das war ein merkwürdiger Gedanke für einen Jungen, der noch nie etwas freiwillig losgelassen hatte.

Aber er fand ihn — und das war das Merkwürdige — sehr beruhigend.

Der Vorhang bewegte sich. Hin und her.

Karl gähnte.

Gute Nacht, Wind, sagte er leise.

Draußen strich der Wind über das Dach, über die Bäume, über den Hügel, wo das Gras leise wog.

Und Karl schlief ein, während der Wind um das Haus zog und dabei, wer weiß, vielleicht ein ganz kleines bisschen leiser war als sonst.

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