
Zara und die sprechende Bibliothek
Die Geschichte zum Lesen
Es regnete seit drei Tagen.
Zara saß am Fenster und schaute zu, wie das Wasser die Scheibe hinunterlief. Draußen war alles grau und nass — die Straßen, die Bäume, sogar der Briefkasten sah aus, als wäre er ein bisschen traurig.
Zara war nicht traurig. Aber sie war eine Art, die sich anfühlte wie: Ich muss unbedingt etwas tun, aber ich weiß nicht was.
Ihre Mutter hatte gesagt: Geh in die Bibliothek.
Zara mochte die Stadtbücherei. Nicht die Schulbücherei — die roch nach Radiergummis und Mittagessen. Sondern die große Bibliothek am Marktplatz, die aus roten Ziegeln gebaut war und Türen hatte, die beim Öffnen immer seufzten.
Also schnappte Zara ihren Regenmantel — den gelben mit den Gummiknöpfen — und lief los.
Die Bibliothek sah aus wie immer. Hohe Fenster, durch die das Regenlicht grünlich-grau hereinfiel. Regale bis zur Decke. Der Geruch nach altem Papier, der Zara immer ein bisschen an ihren Großvater erinnerte. Die Bibliothekarin Frau Kern, die am Tresen saß und beim Einschlafen tat, als würde sie lesen.
Zara schlenderte durch die Reihen.
Sie ließ die Finger über die Buchrücken gleiten.
Und dann — irgendwo zwischen Astronomie und Zoologie — hörte sie eine Stimme.
Nicht die von Frau Kern. Nicht die von einem anderen Besucher. Kleiner. Und sehr, sehr nah.
Psst.
Zara blieb stehen.
Psst. Du da. Ja, du. Mit dem gelben Regenmantel.
Sie drehte sich um. Niemand. Nur Regale voller Bücher, die sie lautlos anstarrten.
Hier unten, sagte die Stimme.
Zara schaute nach unten. Da, im untersten Regal, stand ein Buch. Es war nicht besonders groß — und sein Rücken war grasgrün mit goldenen Buchstaben, die Zara nicht lesen konnte, weil sie ein bisschen verblasst waren. Aber — und das war das Merkwürdige — sein Deckel bewegte sich. Ganz leicht. Als würde es atmen.
Entschuldigung, sagte Zara. Reden Bücher jetzt?
Nicht alle, sagte das Buch. Nur manche. Und nur mit Kindern, die die Finger über Buchrücken gleiten lassen, statt auf ihr Telefon zu schauen.
Zara überlegte, ob das ein Kompliment war. Sie entschied, dass es das war.
Was für ein Buch bist du?, fragte sie.
Ich bin eine Bibliothek, sagte das Buch.
Du bist ein Buch, sagte Zara.
Ich bin eine Bibliothek, die in ein Buch passt, sagte das Buch geduldig. Das ist anders.
Zara kniete sich hin. Das Buch war merkwürdig warm, als sie es herausnahm. Auf dem Deckel — jetzt, wo sie es in der Hand hielt — konnte sie die goldenen Buchstaben lesen. Sie standen: Alle Geschichten, die noch nicht erzählt wurden.
Zara schluckte.
Darf ich rein?, fragte sie.
Warum glaubst du wohl, spreche ich dich an?, sagte das Buch.
Und Zara schlug es auf.
Was Zara sah, als das Buch aufging, war — eine Bibliothek.
Nicht die Bibliothek am Marktplatz. Diese Bibliothek hatte Gänge, die in alle Richtungen liefen, so weit das Auge reichte. Die Decke war hoch wie der Himmel — tatsächlich, dachte Zara, war dort oben tatsächlich Himmel: ein tiefes, samtenes Blau mit Sternen, obwohl es erst Nachmittag war. Die Regale gingen hoch und noch höher, und zwischen ihnen schwebten kleine Lichter, die von Regal zu Regal wanderten wie neugierige Glühwürmchen.
Und überall — auf den Regalen, auf den Tischen, gefaltet auf Stühlen, an die Wände gelehnt — waren Bücher.
Manche bewegten sich. Manche summten leise. Eines hüpfte von Regal zu Regal und schien sehr zufrieden mit sich.
Ich suche eine Geschichte, sagte Zara, weil es ihr das Vernünftigste schien.
Welche denn?, fragte das Buch, das sie immer noch in der Hand hielt.
Eine, die ich noch nicht kenne.
Das Buch schwieg einen Moment. Dann sagte es: Geh in Gang sieben. Drittes Regal. Sechzehntes Buch von links. Dieses Buch wartet auf dich ganz besonders.
Zara lief los. Ihre Schritte hallten auf dem Marmorboden. Die Glühwürmchen-Lichter tanzten vor ihr her, als würden sie den Weg zeigen.
Gang sieben. Drittes Regal. Sechzehntes Buch von links.
Es war dünner als die anderen. Es hatte keinen Titel auf dem Rücken. Nur ein kleines Bild: ein Mädchen in einem gelben Regenmantel.
Zara nahm das Buch heraus.
Sie schlug es auf. Die erste Seite war leer. Die zweite Seite auch. Die dritte Seite auch.
Eigentlich alle Seiten leer.
Das ist eine leere Geschichte, sagte Zara.
Noch, sagte das sprechende Buch in ihrer Hand.
Zara blätterte weiter. Auf einer Seite ganz hinten stand ein einziger Satz, in kleiner, ordentlicher Handschrift: Für das Mädchen, das noch nicht weiß, wie mutig sie ist.
Zara saß lange auf dem Marmorboden und hielt das leere Buch in den Händen.
Sie dachte an die Dinge, die sie sich nicht traute. An die hohe Rutsche, die sie noch nie runtergerutscht war. An das Lied, das sie im Chor nie mitsang, weil sie Angst hatte, falsch zu liegen. An den Brief, den sie an ihre Freundin Clara schreiben wollte, aber immer wieder weggelegt hatte.
Vielleicht, dachte Zara, sind leere Bücher keine leeren Bücher. Vielleicht sind sie Bücher, die noch nicht angefangen haben.
Sie wusste nicht genau, warum, aber das machte ihr Mut.
Sie stand auf.
Kann ich dieses Buch ausleihen?, fragte sie das sprechende Buch.
Es ist schon deins, sagte das sprechende Buch. Es war immer schon deins. Du hast es nur noch nicht abgeholt.
Zara klemmte das dünne Buch unter den Arm.
Dann machte sie sich auf den Weg zurück zur Tür — durch die Gänge, an den summenden Büchern vorbei, unter den Sternenhimmel hindurch, der gar kein Dach war.
Als Zara wieder in der normalen Bibliothek stand, war es draußen noch immer grau.
Frau Kern schlief am Tresen. Das grünrückige Buch stand wieder in seinem Regal, als wäre nichts gewesen. Aber Zara hielt ein dünnes Buch ohne Titel in der Hand — das wusste sie ganz genau.
Sie steckte es in ihre Regenmanteltasche.
Dann lief sie nach Hause, durch den Regen, der immer noch gleichmäßig fiel.
Zu Hause trank sie warmen Kakao. Ihre Mutter fragte, ob sie schöne Bücher gefunden habe. Zara sagte: Ja, ein sehr besonderes.
Nach dem Abendessen saß sie an ihrem Schreibtisch.
Sie holte das dünne Buch heraus. Die leeren Seiten leuchteten weiß im Lampenlicht. Zara nahm einen Stift — ihren Lieblingsbleistift, den mit dem abgekautem Radiergummi oben drauf — und schrieb auf die erste Seite:
Hier beginnt die Geschichte von Zara.
Sie betrachtete den Satz. Dann lächelte sie.
Sie legte den Bleistift weg. Sie legte das Buch auf den Nachttisch, genau neben die Lampe. Draußen regnete es noch immer, aber jetzt klang es anders — weicher, wie ein Wiegenlied.
Zara zog die Decke hoch.
Sie dachte an die Bibliothek mit dem Sternenhimmel. An die tanzenden Lichter. An den Satz ganz hinten: Für das Mädchen, das noch nicht weiß, wie mutig sie ist.
Morgen, dachte Zara, würde sie den Brief an Clara schreiben.
Morgen würde sie die hohe Rutsche hinunterrutschen.
Morgen würde viele Dinge beginnen.
Aber jetzt schloss sie die Augen. Der Regen sang draußen leise weiter. Und Zara schlief ein, während ihre Geschichte auf dem Nachttisch auf sie wartete.
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