Alle Geschichten
Der kleine Bär und der See
🦊 TiereKostenlos

Der kleine Bär und der See

5:36 Min3-6

Bruno ist ein junges Bärenkind, das noch nie einen See gesehen hat. Mit seiner Mutter läuft er bergab — und springt einfach rein.

Teilen:

Die Geschichte zum Lesen

Bruno war ein Bärenkind, und er lebte mit seiner Mutter in einer Höhle am Berghang.

Die Höhle war nicht groß — nur so groß, dass sie beide hineinpassten, wenn sie sich aneinanderschmiegten. Der Boden war weich mit Moos und Blättern. Es roch nach Erde und Fell und dem Harz der Fichten, die vor dem Eingang standen.

An diesem Morgen war Brunos Mutter schon wach und draußen. Bruno saß am Eingang der Höhle und kaute nachdenklich an einem Zweig.

Im Tal unterhalb — weit unten, zwischen den Bäumen — glänzte etwas. Etwas Blaues, Großes, Stilles.

„Mama“, rief Bruno. „Was ist das da unten?“

Seine Mutter trat neben ihn und schaute. „Der See“, sagte sie.

„Ich war noch nie am See“, sagte Bruno.

„Nein“, sagte die Mutter. „Du bist noch nicht so weit gelaufen.“

Bruno schaute auf den See. Er war sehr blau. Er schimmerte. Er rief ihn — mit einem Schimmern, das keine Stimme war, aber trotzdem deutlich.

Bruno und seine Mutter liefen bergab.

Bergablaufen war nicht leicht für kleine Bären. Brunos Pfoten waren noch ein bisschen unkoordiniert, und einmal — zweimal — rollte er einen kurzen Hang hinunter, bevor er wieder auf den Pfoten stand.

Seine Mutter ließ es geschehen. Sie blieb in der Nähe, aber sie half nicht. Bären lernen durch Fallen und Aufstehen.

Der Wald wurde dichter. Es roch nach feuchter Erde und Pilzen. Irgendwo trommelte ein Specht. Bruno hörte das Geräusch und stand still — und sein Kopf drehte sich von links nach rechts, so wie Bärenköpfe sich drehen, wenn sie lauschen.

Dann roch er Wasser.

Nicht Regenwasser, nicht Bachwasser — das kannte er schon. Das war etwas anderes. Etwas Größeres. Ein Geruch wie Regen und Kühle und dem Geräusch von viel, viel Wasser auf einmal.

„Gleich“, sagte die Mutter.

Bruno lief schneller.

Der See war größer als alles, was Bruno je gesehen hatte.

Er stand am Ufer und schaute. Das Wasser reichte bis zum Horizont — das war das Wort, das er nicht kannte, aber der Gedanke war da: Dieses Ding hat ein Ende, das ich nicht sehe.

Bruno trat eine Pfote ins Wasser. Es war kalt! Kälter als der Bach, kälter als Regenwasser. Er zog die Pfote zurück.

Dann trat er sie wieder rein. Und die andere.

Dann ging er tiefer.

Und dann — weil Bärenkinder das so tun — sprang er rein.

Das Wasser schloss sich über ihm für eine Sekunde. Es war kalt und dunkel und rauschte in seinen Ohren. Dann stieß er ab und kam wieder hoch, prustend und schüttelnd — und lachend, auf die Art, wie Bären lachen: ein tiefes, glucksiges Schnaufen.

„Mama!“, rief er. „Komm rein!“

Seine Mutter stand am Ufer und schaute auf ihn mit demselben ruhigen Blick. Dann — langsam, würdevoll — watete sie auch hinein.

Bären können schwimmen. Das wusste Bruno noch nicht — jetzt wusste er es.

Er schwamm im Kreis. Er tauchte kurz unter. Er schwamm zu einem Stein, der aus dem Wasser ragte, und kletterte darauf und saß in der Sonne, bis er halb getrocknet war. Dann sprang er wieder rein.

Seine Mutter schwamm ruhig ein paar Bahnen. Dann setzte sie sich ans Ufer in die Sonne und schloss die Augen.

Bruno entdeckte noch mehr: Unter dem See war es sehr grün. Kleine Fische schossen davon, wenn er zu nah kam. Ein Frosch saß auf einem Stein und blinzelte ihn an.

„Bist du auch zum ersten Mal hier?“, fragte Bruno den Frosch.

Der Frosch blinzelte.

„Ich nehme das als Nein“, sagte Bruno.

Der Frosch sprang ins Wasser.

Bruno lachte wieder — dieses glucksige Bärenlachen — und tauchte nach.

Als die Sonne anfing, tiefer zu sinken, saßen Bruno und seine Mutter nebeneinander am Seeufer.

Bruno war nass und glücklich und müde. Er lehnte sich an seine Mutter — sie war warm und groß und roch nach Fell und Wasser und dem Harz der Fichten, das noch immer ein bisschen dran war.

Der See lag ruhig. Ein paar Wasserkreise breiteten sich aus, wo Fische an die Oberfläche kamen. Ein Vogel flog über den See und ließ einen langen Schatten auf dem Wasser.

„Mama“, sagte Bruno.

„Ja?“

„Dürfen wir morgen wieder herkommen?“

Seine Mutter dachte kurz nach. „Vielleicht“, sagte sie. Aber es klang nach Ja.

Bruno lehnte den Kopf gegen ihr Fell und schloss die Augen. Er war sehr müde. Sein Körper war schwer von all dem Schwimmen.

Gute Nacht, kleiner Bruno. Der See wartet — auch morgen ist er noch da, blau und still und voll von Fröschen.

· 5:36 Min Min. Audio

Mehr aus Tiere