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Die Katze am Fensterbrett
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Die Katze am Fensterbrett

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Luna ist eine graue Katze, die den Tag damit verbringt, der Sonne zu folgen. Sie kennt ihre Straße besser als alle, die auf ihr gehen — von ihrem Fensterbrett aus.

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Die Geschichte zum Lesen

Luna war eine graue Katze mit weißen Pfoten, und ihre liebste Beschäftigung war: Schauen.

Sie saß jeden Nachmittag auf dem Fensterbrett. Das Fensterbrett war breit genug für eine Katze — knapp — und Luna hatte gelernt, sich so hineinzufalten, dass sie gleichzeitig bequem lag und trotzdem alles sehen konnte.

Draußen war die Straße. Es war immer etwas los auf der Straße. Autos, Fahrräder, Menschen mit Taschen, Kinder mit Rucksäcken. Ein alter Mann, der jeden Tag zur gleichen Zeit mit seinem Rollator vorbeikam. Eine Frau mit einem kleinen Hund — der Hund schaute immer hoch zu Lunas Fenster, und Luna schaute immer auf den Hund, und keiner sagte etwas.

Luna lebte nicht auf der Straße. Sie lebte drin. Aber von ihrem Fensterbrett aus kannte sie die Straße besser als die meisten, die auf ihr liefen.

Sie hatte Zeit. Katzen haben viel Zeit.

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Die Sonne bewegte sich.

Luna wusste das, weil der Sonnenfleck, der morgens auf dem Fensterbrett war, sich bis zum Mittag auf den Boden verschoben hatte. Dann schlich er an der Wand entlang, und am Nachmittag war er auf dem Sofa.

Luna folgte der Sonne.

Sie machte das jeden Tag. Morgens: Fensterbrett. Mittags: Boden, genau dort, wo der Sonnenfleck war. Nachmittags: Sofa, genau in der Mitte des warmen Flecks.

Das war keine Entscheidung. Das war einfach, was zu tun war. Die Sonne war warm. Wärme war gut. Luna folgte der Wärme.

In der Mitte des Sonnenflecks legte sie sich mit dem Bauch nach oben hin. Das war die verwundbarste Position, die eine Katze einnehmen konnte — Bauch oben, Pfoten in der Luft — aber auch die wärmste.

Sie schloss die Augen. Sie spürte die Wärme durch ihr graues Fell. Sie spürte, wie ihr Körper schwer wurde, entspannt, weit weg.

Schnurren beginnt manchmal von allein. Luna schnurrte.

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Eine Fliege kam herein.

Sie summte durch das offene Fenster und landete auf der Tischkante, dann auf dem Boden, dann auf dem Regal.

Luna war sofort wach.

Nicht weil sie hungrig war — sie hatte vorhin gefressen. Es war etwas anderes. Etwas Tieferes, Älteres: das Jagdgefühl. Das Kribbeln in den Pfoten. Das Zusammenziehen der Pupillen.

Sie schlich sich von der Couch. Pfote für Pfote — so leise, wie Katzen leise sein können, was sehr leise ist. Sie hielt die Fliege im Blick. Die Fliege ahnte nichts.

Sie schlich näher. Noch näher. Sie war kurz davor—

Die Fliege flog weg. Durchs Fenster, hinaus auf die Straße.

Luna saß mitten im Zimmer und schaute auf das Fenster. Dann leckte sie sich eine Pfote. Dann leckte sie die andere. Das war das richtige Verhalten nach einer verpassten Jagd: tun, als ob es so geplant war.

Sie ging zurück zur Couch.

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Am Abend kam Anna.

Luna hörte den Schlüssel schon, bevor die Tür aufging. Schlüssel im Schloss war ein Geräusch, das Luna auswendig kannte — das beste Geräusch des Tages.

Sie saß schon an der Tür, als Anna hereinkam.

Anna war Lunas Mensch. Das war keine Meinung — das war eine Tatsache. Menschen können glauben, dass Katzen ihnen gehören, aber in Wirklichkeit ist es umgekehrt. Anna gehörte Luna. Anna wusste, wo Lunas Futternäpfe waren. Anna wusste, wann Luna gekratzt werden wollte — hinter den Ohren, nicht am Bauch. Anna wusste, wann Luna in Ruhe gelassen werden wollte.

„Hallo, Luna“, sagte Anna und kniete sich hin.

Luna schnurrte laut und rieb ihren Kopf an Annas Hand. Sie rieb ihn links, dann rechts, dann links wieder — das war das Markieren: Du bist meins, und ich bin deins.

Anna kratzte hinter Lunas Ohren.

Genau richtig.

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Wenn Anna las oder auf dem Sofa saß, legte Luna sich neben sie.

Nicht auf den Schoß — das war zu warm, zu beengt. Aber neben die Beine. So nah, dass Luna Annas Wärme spüren konnte, und Anna Lunas Wärme spürte.

Das war genug. Das war, wie Katzen sagen: Ich mag dich. Katzen sagen das nicht in Worten. Sie sagen es durch Nähe.

Anna las. Luna döste. Die Straße draußen wurde leiser. Die Autos wurden weniger. Irgendwann schaltete Anna das Licht aus.

Luna öffnete kurz die Augen in der Dunkelheit. Sie sah die Straße durchs Fenster — still, leer, das Licht der Laterne auf dem nassen Asphalt. Schön.

Sie schloss die Augen wieder.

Gute Nacht, Luna. Morgen kommt die Sonne wieder, und du weißt bereits, wo du ihr folgen musst.

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