
Das Mädchen und die Mondkatze
Die Geschichte zum Lesen
Nina konnte wieder mal nicht schlafen.
Sie lag auf dem Rücken und schaute die Decke an. Die Decke war weiß und hatte einen kleinen Riss in der Ecke, den Nina schon auswendig kannte. Sie hatte die Schafe gezählt — einundfünfzig. Sie hatte die Atemübung gemacht, die ihre Lehrerin gezeigt hatte — vier Sekunden einatmen, vier halten, vier ausatmen. Es hatte nicht geholfen.
Sie schaute auf die Uhr: zweiundzwanzig Uhr dreißig.
Noch zu früh, um Mama zu wecken.
Noch zu spät, um aufzustehen.
Das war die schwerste Zeit: wenn es genau in der Mitte war, zu spät für den Tag und zu früh für die Nacht.
Nina rollte sich auf die Seite und schaute zum Fenster. Der Vorhang bewegte sich, obwohl kein Wind war — leicht, kaum merklich. Der Mond schien durch den Stoff hindurch und zeichnete ein milchiges Viereck auf den Boden.
Dann sah Nina etwas.
Im Mondlicht-Viereck auf dem Boden — ganz still, mit dem Schwanz um die Pfoten gewickelt — saß eine Katze.
Nicht Ninas Katze. Ninas Katze hieß Pfeffer und war schwarz und schief. Diese Katze war weiß. Fast leuchtend weiß. Und ihre Augen — als sie Nina anschaute — waren nicht grün oder gelb. Sie waren silbern.
Die Katze schaute Nina an.
Nina schaute die Katze an.
Das ging eine Weile so. Katzen gewinnen solche Wettbewerbe immer. Diese gewann besonders schnell.
Nina setzte sich auf.
Wer bist du?, flüsterte sie.
Die Katze blinzelte. Einmal. Sehr langsam.
Bist du vom Mond?, fragte Nina — weil die silbernen Augen so aussahen, und weil Nina der Meinung war, dass man bei merkwürdigen Dingen immer direkt fragen sollte.
Die Katze stand auf, streckte sich — sehr lang und sehr ausgiebig, erst die Vorderpfoten, dann die Hinterpfoten, dann den Schwanz — und trabte zu Ninas Bett. Sie sprang hoch, was lautlos war, setzte sich auf Ninas Fußende und schaute sie weiter an.
Ich nehme das als Ja, sagte Nina.
Die Katze blinzelte wieder.
Nina zog die Knie an. Was machst du hier?, fragte sie.
Die Katze öffnete den Mund. Sie machte kein Miau. Stattdessen kam ein ganz leises Summen — kaum hörbar, wie ein Ton, der gerade so am Rand des Hörbaren ist. Es war warm. Es klang fast wie eine Schläferlied, wenn das Schlaflied kein Schlaflied wäre, sondern nur der Anfang einer Idee davon.
Nina merkte, dass ihre Schultern sich entspannten.
Das machst du absichtlich, oder?, fragte sie.
Die Mondkatze putzte sich die Pfote.
Die Mondkatze schnurrte.
Und während sie schnurrte, passierte etwas mit dem Zimmer: Die Wände wurden nicht anders, die Decke blieb weiß, der Riss in der Ecke blieb an seinem Platz — aber alles wurde weicher. Als würden die Ecken des Zimmers sich ein bisschen biegen. Als würde die Luft selbst dicker werden, wärmer, wie frisch gewaschene Bettwäsche direkt aus dem Trockner.
Und Nina sah Bilder.
Nicht mit den Augen — die waren offen und sahen das gewöhnliche Zimmer. Aber irgendwo dahinter, wie ein zweiter Film, der gleichzeitig lief: Bilder vom Mond. Sie sah, wie der Mond in einem stillen Ozean spiegelte. Sie sah, wie Mondlicht durch Baumkronen fiel und den Boden darunter mit silbernen Flecken bedeckte. Sie sah eine Wiese in der Nacht, überzogen mit Tautropfen, die alle winzig den Mond spiegelten — Tausende kleine Monde, alle auf einmal.
Es war so schön, dass Nina fast vergaß zu atmen.
Dann — ein Bild, das anders war: ein Kind in einem Bett, das nicht schlafen konnte. Das Kind lag auf dem Rücken und schaute die Decke an. Und dann kam eine weiße Katze, und das Kind entspannte sich, und seine Augen wurden schwerer.
Nina blinzelte.
Das bin ich, flüsterte sie.
Die Mondkatze hörte für einen Moment auf zu schnurren. Sie schaute Nina an. Dann schnurrte sie weiter.
Nina merkte, dass sie sich hingelegt hatte, ohne es zu merken.
Ihre Beine waren unter der Decke.
Die Mondkatze bewegte sich.
Sie tippelte vom Fußende des Bettes nach oben — ganz langsam, eine Pfote nach der anderen — bis sie neben Ninas Schulter saß. Sie war warm. Nina spürte die Wärme durch die Decke hindurch, wie ein kleines Heizkissen, das atmet.
Ninas Augen wurden schwerer.
Sie versuchte, sie offen zu halten. Das war eine Angewohnheit — das Nicht-schlafen-wollen-obwohl-man-müde-ist. Als wäre Schlafen aufgeben. Als würde man etwas verpassen.
Die Mondkatze legte ihren Kopf auf Ninas Schulter.
Das war so unerwartete und so vollkommen richtige, dass Nina die Augen zuließ. Einfach so. Kein Widerstand mehr.
Du hast das schon öfter gemacht, oder?, murmelte Nina. Mit anderen Kindern.
Das Schnurren antwortete. Es war ein gleichmäßiges, tiefes Rollen, das sich durch Ninas Schulter in ihren Körper übertrug. Brust, Bauch, Beine — alles wurde ruhiger.
Nina dachte: Ich sollte das Mama erzählen. Ich sollte ihr sagen, dass heute Nacht eine Mondkatze zu Besuch war.
Aber dann dachte sie: Vielleicht weiß Mama das schon. Vielleicht kommt die Mondkatze zu allen Kindern, irgendwann einmal, wenn sie am meisten gebraucht wird.
Und dann hörte Nina auf zu denken.
Nicht weil sie es wollte. Sondern weil der Körper manchmal klüger ist als der Kopf.
Als Nina aufwachte, war es hell.
Sie öffnete die Augen — langsam, weil sie sich tief und vollständig geschlafen anfühlte, so tief, dass der Übergang von Schlaf zu Wachsein eine Weile dauerte. Das Zimmer war golden. Die Sonne schien durch den Vorhang, nicht mehr der Mond.
Nina richtete sich auf.
Keine Katze.
Sie schaute auf das Fußende. Sie schaute auf ihr Kissen. Sie schaute auf den Boden, im Mondlicht-Viereck-Bereich, der jetzt ein Sonnen-Viereck war.
Keine weiße Katze, wohin sie auch schaute.
Aber — und das merkte Nina erst nach einem Moment — auf ihrer Bettdecke, genau da, wo die Katze gelegen hatte, lag eine einzelne weiße Feder. Sehr klein. Sehr weich.
Nicht von einer Katze, natürlich. Katzen haben keine Federn. Aber die Feder war da.
Nina nahm sie. Sie war leicht wie nichts.
Sie legte sie in die kleine Schachtel auf ihrem Nachttisch, die sie für wichtige Dinge aufhob. Dort lagen eine Kastanie, ein Muschelfund vom Urlaub, der Brief von ihrer Freundin Emma, und jetzt die weiße Feder.
Nina zog sich an.
Sie fühlte sich ausgeschlafen wie seit Wochen nicht.
Sie öffnete das Fenster. Draußen war der Morgen frisch und blau. Irgendwo sang ein Vogel.
Nina schaute in den Himmel — noch blass, noch fast weiß am Rand, aber schon blauer in der Mitte — und sie dachte: Danke.
Für wen das Danke war, wusste sie nicht genau.
Aber es stimmte trotzdem.
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