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Das Rehkitz und der Morgen
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Das Rehkitz und der Morgen

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Pippa ist drei Tage alt und erkundet heute die Lichtung zum ersten Mal. Jeder Schritt ist neu, jeder Duft eine Entdeckung — und der Morgen gehört ganz ihr.

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Die Geschichte zum Lesen

Das Rehkitz hieß Pippa, und Pippa war drei Tage alt.

Drei Tage — das klingt nach sehr wenig. Aber für Pippa war jeder dieser Tage gewesen wie eine ganze Welt. Der erste Tag: aufstehen, wackeln, hinfallen, wieder aufstehen. Der zweite Tag: das erste Mal trinken, das erste Mal am Gras schnuppern, das erste Mal den Wind spüren. Der dritte Tag — heute — war der erste Tag, an dem Pippa weit genug laufen konnte, um den Wald wirklich zu sehen.

Sie stand auf einer kleinen Lichtung. Ihre Beine waren noch ein bisschen unsicher — so wie neue Tischbeine, die noch nicht ganz fest in ihren Scharnieren saßen. Ihre Flecken — das weiche Weiß auf dem Braun ihres Fells — leuchteten im frühen Morgenlicht.

Pippa schaute. Sie hatte noch keine Worte für das, was sie sah. Aber sie sah es trotzdem: Licht, das durch Blätter fiel. Gras, das nach Tau roch. Einen Schmetterling, der langsam und ziellos durch die Luft schwamm.

Pippa machte einen Schritt. Dann noch einen. Dann einen zu vielen — und plötzlich war das Gras sehr nah, weil Pippa hineingefallen war.

Sie blinzelte. Das Gras roch nach Erde und Sommer. Kleine Insekten huschten weg.

Pippa stand wieder auf. Es dauerte drei Versuche, aber dann stand sie.

Sie lief weiter. Langsam am Anfang, dann ein bisschen schneller. Ihre Hufe machten ein weiches Tupf-Tupf-Geräusch auf dem Waldboden. Die Luft bewegte sich, als sie lief — Pippa hatte noch nie so viel Luft auf einmal gespürt.

Und dann — ganz plötzlich, ohne Vorwarnung — lief Pippa wirklich. Nicht wackeln, nicht taumeln: laufen. Über die Lichtung, zwischen zwei Bäumen hindurch, durch einen Strahl Morgensonne, der goldgelb und warm war.

Pippa hielt an. Ihr Herzchen schlug schnell. Das war — das war etwas. Das war, wie Laufen sich anfühlte.

Sie drehte sich um und lief zurück. Nur um es nochmal zu spüren.

Am Rand der Lichtung gab es einen kleinen Teich. Pippa hatte ihn noch nicht gesehen, aber sie roch das Wasser — ein kühler, klarer Geruch.

Sie ging hin. Vorsichtig — ihre Beine mochten Unbekanntes noch nicht so sehr.

Am Ufer sah sie sich selbst.

Im Wasser war ein anderes kleines Reh. Dasselbe braune Fell, dieselben weißen Flecken, dieselben großen dunklen Augen. Pippa neigte den Kopf nach links — das Reh im Wasser neigte seinen Kopf nach links. Pippa neigte nach rechts — das Reh auch.

Pippa schnaubte leise. Das Wasser-Reh schnaubte auch.

Ein Frosch sprang ins Wasser und das Wasser-Reh verschwand — in Wellen und Kreisen, die immer größer wurden.

Pippa wartete, bis das Wasser wieder still war. Und da war das Reh wieder.

Sie blieb lange stehen und schaute. Manchmal ist die Welt so neu, dass man sie am liebsten einfach nur anschauen möchte.

Pippa hörte ein vertrautes Geräusch hinter sich.

Sie drehte sich um. Ihre Mutter stand am Rand der Lichtung. Ruhig, groß, mit diesem ruhigen Blick, den Rehstuten immer haben — als hätten sie schon alles gesehen und alles ist gut.

„Du bist weit gegangen“, sagte die Mutter, ohne Worte — nur mit ihrem Blick.

Pippa trappelte zu ihr hin. Vier Tage war sie alt. Aber sie war schon bis zum Teich gelaufen und wieder zurückgekommen. Sie hatte sich selbst im Wasser gesehen. Sie hatte Laufen entdeckt.

Die Mutter leckte Pippa kurz über den Kopf — ein schnelles, warmes Lecken, das bedeutete: Ich bin da, alles ist gut, du bist bei mir.

Pippa lehnte sich an die warme Seite ihrer Mutter. Das Fell der Mutter roch nach Wald und Sicherheit und dem Duft, den Pippa kannte, seit sie auf der Welt war.

Sie standen eine Weile so — Mutter und Tochter auf der Lichtung, der Morgen breitete sich um sie herum aus.

Als die Sonne höher stieg und die Lichtung warm wurde, legte sich Pippa ins Gras.

Ihre Mutter stand daneben und wachte. So machen das Rehstuten — sie legen sich nicht, wenn ihr Junges schläft. Sie stehen und passen auf.

Pippa schaute noch einmal kurz zum Teich. Von hier konnte sie das Wasser sehen, das ruhig und glänzend dalag. Das andere Reh war nicht zu sehen — vielleicht schlief es auch.

Sie schloss die Augen.

Im Halbschlaf hörte sie das Rascheln des Windes in den Blättern. Den leisen Ruf eines Vogels. Das sanfte Kauen ihrer Mutter, die Gras fraß.

Heute war Pippas dritter Tag gewesen. Morgen würde ihr vierter Tag sein. Und übermorgen der fünfte. Jeden Tag mehr Welt, mehr Gras, mehr Laufen, mehr Entdecken.

Gute Nacht, kleines Rehkitz. Die Lichtung wartet morgen noch auf dich.

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