
Die Raumstation am Rand der Welt

Peter
Raketen, Planeten und das Staunen vor dem Unendlichen — ich nehme Kinder mit auf Reisen durchs Universum.
Die Geschichte zum Lesen
Mia war neun Jahre alt und war gerade auf der Raumstation angekommen.
Nicht die echte ISS — die war zu weit weg und man brauchte eine spezielle Ausbildung. Aber die Station, auf der Mia war, hieß Horizont-9, und sie war kleiner und hatte sechs Bullaugen und einen Gemeinschaftsraum, wo man zusammen essen konnte, wenn man festgeschnallt saß, damit die Brötchen nicht wegflogen.
Mia hatte sich festgeschnallt. Das Brötchen hatte sie trotzdem zu fest gedrückt, und ein Stück Käse war weggeflogen und gegen die Decke geschwirrt. Ein Techniker namens Herr Brandt hatte es mit der Hand gegriffen wie einen Schmetterling.
Gewohnheitssache, hatte er gesagt. Nach ein paar Tagen macht man das automatisch.
Mia war erst einen Tag hier. Sie war noch nicht im automatischen Modus.
Aber sie lernte schnell.
Sie hatte gelernt, wie man sich an der Wand entlangschob. Wie man nicht schubste — auf der Raumstation schubsen war gefährlich, weil man so lang wegraste, bis man irgendwo aufprallte. Wie man in der Röhre schlief, die sie Schlafsack nannten, obwohl er eher wie eine Wurst aussah, in die man kroch.
Jetzt lag Mia in ihrem Schlafsack — der Wurst — und schaute durch das Bullauge.
Die Erde.
Die Erde war dort draußen. Sie sah aus wie — wie eine Kugel. Was sie war. Aber wenn man sie so sah, von hier aus, glaubte man es endlich wirklich.
Die Erde war blau.
Mia hatte das gewusst — alle wissen das, alle haben Bilder gesehen. Aber es zu wissen und es zu sehen waren verschiedene Dinge.
Sie war blau wie etwas, das leuchtet. Nicht weil Licht drin war, sondern weil das Wasser das Licht der Sonne reflektierte, das Blau des Himmels aufnahm und zurückwarf. Sie war blau mit weißen Streifen — Wolken, riesige Wolken, die von hier wie Pinselstriche aussahen.
Mia suchte Europa.
Sie wusste ungefähr, wo es sein musste. Dort — das braune und grüne Stück, das gerade ins Bild rollte. Da war Deutschland. Oder Frankreich. Schwer zu sagen, von so weit oben.
Sie suchte München. Das war albern, München war von hier nicht zu sehen, eine Stadt war viel zu klein. Aber sie suchte trotzdem.
Irgendwo da unten war ihr Zimmer. Ihr Bett mit der karierten Decke. Ihre Katze Pepper, die wahrscheinlich auf genau diesem Bett lag und schlief.
Mia lächelte.
Es war ein merkwürdiges Gefühl: sich von etwas zu entfernen und es dabei mehr zu mögen als vorher. Sie hatte München immer gemocht — aber jetzt, von hier oben, mochte sie es mehr. Die Erde insgesamt. Als wäre Abstand das Mittel, um zu sehen, wie schön etwas ist.
Horizont-9 glitt weiter.
Die Erde drehte sich unter ihr — oder die Station drehte sich um die Erde, je nachdem, von wo aus man schaute.
Die Station hatte Tag und Nacht.
Nicht echte — nicht so, wie die Erde Tag und Nacht hatte. Alle neunzig Minuten zog die Station einmal um die Erde, und alle neunzig Minuten durchquerten sie den Schatten der Erde, und für kurze Zeit war es dunkel. Dann waren sie wieder auf der Sonnenseite.
Sechzehn Mal Tag und Nacht in vierundzwanzig Stunden.
Das war zu viel zum Mitschlafen. Also hatten die Menschen auf der Station einfach eine eigene Zeit erfunden: Stationszeit. Wenn die Stationszeit Nacht sagte, war Nacht. Die Lichter wurden gedimmt. Die Bildschirme auf Rot umgeschaltet. Es war ruhiger.
Mia fand das klug. Menschen brauchen Rhythmus. Auch wenn die Sonne alle neunzig Minuten unterging.
Sie lag in ihrer Wurst — dem Schlafsack — und die Station war ruhig um sie. Das Lebenserhaltungssystem summte. Das war das einzige Geräusch: ein gleichmäßiges, tiefes Summen, das bedeutete, dass die Luft noch da war und die Temperatur stimmte und alles funktionierte.
Mia liebte das Summen bereits.
Es war wie ein sehr großes Lebewesen, das ruhig atmete.
Durch ihr Bullauge — sie hatte den Schlafsack so befestigt, dass das Bullauge in Sichtweite war — sah sie keine Erde mehr. Sie sahen auf der Nachtseite der Station, und da draußen war nur Schwarz und Sterne.
Sterne. So viele Sterne.
So viele, dass es fast weiß war, nicht schwarz.
Der Sonnenaufgang kam nach neunzig Minuten.
Mia hatte nicht wirklich geschlafen — zu aufgeregt, zu viele Gedanken. Aber sie hatte sich ruhig gehalten und die Augen geschlossen und die Station atmen gehört, und das war fast genauso gut.
Und dann: Licht.
Nicht langsam, wie ein Sonnenaufgang auf der Erde. Auf der Erde schiebt sich die Sonne über den Horizont, und zuerst ist es grau, dann rosa, dann orange, dann gelb. Das dauert zwanzig Minuten.
Hier: In einer Sekunde war es dunkel. In der nächsten war es hell.
Die Sonne kam hinter der Erde hervor wie etwas, das explodiert.
Mia riss die Augen auf.
Das Bullauge leuchtete. Die Sonnenblende klappte automatisch zu — Horizont-9 hatte Schutzblenden, weil direktes Sonnenlicht durch das Bullauge gefährlich war. Aber für eine Sekunde hatte Mia es gesehen: wie goldenes Licht die ganze Station überflutete, wie die Erde unten aufglühte, wie die Wolken zu Feuer wurden.
Ein Atemzug.
Dann: geschützt, gedimmt.
Mia lag ganz still.
Ihr Herz schlug schneller als vorher.
Sie dachte: Das war der schönste Sonnenaufgang meines Lebens. Und ich habe ihn im Bett gesehen, in einem Schlafsack, der aussieht wie eine Wurst.
Sie musste lachen.
Leise, allein, in der abgedimmten Kabine — sie musste lachen, weil das Leben manchmal so war, dass man nicht wusste, ob man lachen oder weinen sollte, und dann lachte man.
Nach dem Sonnenaufgang war Mia tatsächlich schläfrig.
Das war logisch: Sie hatte nicht geschlafen, sie war aufgeregt gewesen, und jetzt war der Aufreger vorbei, und der Körper wollte ausgleichen.
Sie zog die Schlafbrille über die Augen — auf der Raumstation trug man eine Schlafbrille, weil das Licht alle neunzig Minuten wechselte und man sonst nie schlafen könnte.
Dunkelheit.
Das Summen.
Mia ließ sich treiben. Nicht wirklich — der Schlafsack hielt sie fest. Aber in ihrem Kopf ließ sie sich treiben. Sie stellte sich vor, wie Horizont-9 um die Erde zog: still, schnell, lautlos, acht Kilometer pro Sekunde. Acht Kilometer in der Sekunde, und man fühlte nichts davon. Keine Bewegung, kein Wind, kein Rütteln.
Nur Stille.
Nur das Summen.
Mia dachte an Pepper, die zu Hause auf ihrem Bett lag. Sie dachte daran, dass die Sonne gerade über München aufging — oder schon aufgegangen war, die Zeitzone stimmte nicht ganz. Pepper würde im Sonnenlicht liegen, weil Katzen das immer taten.
Sie dachte: Ich bin 400 Kilometer über dir, Pepper.
Und dann dachte sie nichts mehr.
Das Summen war der letzte Gedanke, der übrig blieb — ein tiefes, ruhiges, gleichmäßiges Summen, das bedeutete, dass alles in Ordnung war. Luft: da. Temperatur: stimmt. Erde: dreht sich weiter.
Mia schlief.
Horizont-9 zog seine Kreise.
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