
Zwischen den Galaxien

Peter
Raketen, Planeten und das Staunen vor dem Unendlichen — ich nehme Kinder mit auf Reisen durchs Universum.
Die Geschichte zum Lesen
Emma hatte das Bild seit drei Wochen an ihrer Zimmerwand.
Es war ausgedruckt — auf normalem Papier, weil der Farbdrucker bei ihrer Oma sehr gut war — und es zeigte das James-Webb-Teleskop-Bild: tausende von Galaxien, in einem Fleck Himmel so klein wie ein Sandkorn, wenn man den Arm ausstreckte.
Tausende.
Emma war acht Jahre alt und hatte das Wort Galaxie schon oft gehört. Aber das Bild hatte ihr gezeigt, dass sie nicht wirklich verstanden hatte, was es bedeutete.
Eine Galaxie war nicht ein Stern. Eine Galaxie war ein System aus Milliarden von Sternen. Die Milchstraße, in der die Erde wohnte, hatte etwa 200 bis 400 Milliarden Sterne.
Und auf dem Bild waren tausende von solchen Galaxien.
In einem Sandkornfleck Himmel.
Emma hatte das auf einem Blatt Papier nachgerechnet — grob, sehr grob, sie mochte Mathe, auch wenn sie manchmal Fehler machte. Sie hatte aufgehört, weil die Zahl zu groß wurde für das Blatt.
Jetzt lag sie in ihrem Bett und schaute das Bild an.
Die kleinen Spiralen. Die Ellipsen. Die unregelmäßigen Klumpen. Jeder ein Universum in sich, jeder mit Milliarden von Sternen, manche mit Planeten, manche vielleicht mit — sie wollte den Gedanken zu Ende denken, also dachte sie ihn: manche vielleicht mit Wesen.
Wesen, die vielleicht gerade ebenfalls ein Bild anschauten.
Im Traum reiste Emma zwischen die Galaxien.
Nicht in eine — zwischen sie. Das war der Unterschied.
Zwischen Galaxien war fast nichts. Nicht Weltraum mit Sternen — Weltraum ohne Sterne. Die Dichte dort war eine Million Mal geringer als im durchschnittlichen Weltraum. Fast absolutes Nichts: hier und da ein Wasserstoffatom, Strahlung, Dunkelheit.
Emma trieb darin.
Sie war allein in einer Art, die keine Einsamkeit war. Einsamkeit setzte voraus, dass man woanders nicht allein sein konnte und es vermisste. Hier war die Alleinheit einfach: eine Tatsache, wie Temperatur oder Druck.
Links: eine Galaxie. Sehr weit, sehr groß — größer als sie es für möglich gehalten hätte. Eine Spirale aus Licht, die sich langsam drehte, oder scheinbar drehte, weil eine Umdrehung Hunderte von Millionen Jahren dauerte und Emma das nicht sehen konnte.
Rechts: eine andere Galaxie. Kleiner, oder weiter weg, oder beides. Elliptisch — eine Ellipse aus Licht, ohne die Spiralarme, dichter und goldener.
Dazwischen: Emma.
Sie dachte: Das ist der Leerraum.
Das klingt nach nichts. Aber es war nicht nichts — es war der Platz zwischen Dingen. Der Platz, der erst existierte, weil die Dinge da waren. Ohne die Galaxien gäbe es keinen Leerraum zwischen ihnen.
Der Leerraum war also auch eine Art, die Galaxien zu definieren.
Emma schwebte.
Emma flog auf eine der Galaxien zu.
Die Spirale. Die linke.
Sie wusste, dass es Andromeda war — nicht weil ein Schild dastand, sondern weil sie es wusste, wie man im Traum manchmal Dinge weiß. Andromeda war der nächste große Nachbar der Milchstraße: 2,5 Millionen Lichtjahre entfernt.
Das Licht, das Emma jetzt von ihr sah, war 2,5 Millionen Jahre unterwegs gewesen. Es hatte die Erde verlassen, als die ersten Vorfahren der Menschen aufrecht gingen.
Und jetzt kam Emma an.
Andromeda wurde größer. Viel größer. Größer als auf dem Bild an der Wand — dort hatte sie wie ein winziger Strudel ausgesehen. Von hier sah sie aus wie alles. Wie der Himmel selbst, aber spiralförmig und in Bewegung.
So viele Sterne.
Emma hielt inne.
Sie dachte: Ich kann das nicht zählen.
Nicht im Traum, nicht draußen. Kein Mensch konnte das. Aber man musste nicht zählen, um zu verstehen. Manchmal reichte es zu sehen — zu sehen, dass da etwas war, das größer war als man selbst, und sich trotzdem nicht klein zu fühlen, sondern — passend.
Alles hatte eine Größe, die zu ihm passte.
Emma war acht Jahre und 164 cm groß und die richtige Größe für einen Menschen. Andromeda war eine Billion Sonnen groß und die richtige Größe für eine Galaxie.
Beidem war das recht.
Emma drehte sich um.
Und da war sie: die Milchstraße.
Von hier, von Andromeda aus, sah sie aus wie die Galaxien auf dem Bild an Emmas Zimmerwand. Eine Spirale aus Licht, klein genug, um sie mit den Augen zu fassen. Mit Spiralarmen, die sich langsam nach außen kräuselten, wie eine Uhr, deren Zeiger zu viele Sterne waren, um sie zu zählen.
Irgendwo darin war die Erde.
Emma suchte. Sie wusste, dass sie sie nicht finden würde — die Erde war ein Staubkorn, winzig und weit außen im Milchstraßenarm. Aber sie suchte trotzdem, weil man das Zuhause immer suchte, auch wenn man wusste, dass man es gerade nicht sehen konnte.
Da, irgendwo. Der Arm, der ein bisschen schwächer leuchtete. Dort, am Rand. Die Sonne. Die Erde. Das Zimmer mit dem ausgedruckten Bild.
Emma winkte.
Das war sehr albern von einem achtjährigen Mädchen, das zwischen zwei Galaxien schwebte. Sie winkte trotzdem.
Irgendwo da drüben schlief jemand, der an sie dachte. Oder schlief, ohne zu denken — auch das war gut. Schlafen war eine Art zu vertrauen, dass alles da war, wenn man aufwachte.
Die Milchstraße leuchtete.
Andromeda leuchtete hinter ihr.
Und Emma schwebte dazwischen, im Leerraum, der auch ein Platz war — der Platz zwischen Dingen, der existierte, damit die Dinge nicht aufeinander lagen.
Emma schlief zwischen den Galaxien.
Nicht auf etwas — auf nichts. Im Leerraum gab es keine Oberflächen, nichts zum Liegen. Man schwebte einfach. Und schweben war, stellte Emma fest, eine sehr gute Art zu schlafen — kein Druck, kein Schwer-sein, kein Einschlafen des Arms.
Links: Andromeda leuchtete. Rechts: die Milchstraße leuchtete.
Beide waren Nachtlichter. Riesige, galaktische Nachtlichter, die nicht flackerten, die nicht ausgingen, die seit Milliarden von Jahren leuchteten und noch für Milliarden von Jahren leuchten würden.
Emma dachte: Man braucht das Licht nicht zu machen. Es ist schon da.
Dann dachte sie nichts mehr.
In ihrem Zimmer, an der Wand, hing das ausgedruckte Bild. Tausende von Galaxien in einem Sandkornfleck Himmel. Emma schlief darunter, das Gesicht halb in das Kissen, die Decke über eine Schulter gezogen, die andere frei.
Ihre Mutter würde später hereinkommen und die Decke richten.
Aber noch schlief Emma zwischen den Galaxien.
Noch schwebte sie im Leerraum, von zwei Spiralen aus Licht bewacht, die sich so langsam drehten, dass ihre Bewegung in der ganzen Länge eines Menschenlebens nicht sichtbar war.
Sie drehten sich trotzdem.
Alles bewegte sich. Auch wenn man schlief. Auch wenn man nichts davon merkte.
Das Universum war nie ganz still — es war nur manchmal sehr, sehr leise.
Und Emma war ein Teil davon. Genau passend für ein achtjähriges Mädchen.
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