
Die silberne Insel der Träume
Die Geschichte zum Lesen
Leo fand das Boot an einem Montagabend.
Es lag am Ende des Stranges hinter dem Haus seiner Großmutter — ein kleines Ruderboot aus hellem Holz, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Es war nicht groß. Es passte genau für eine Person. Und es war trocken, obwohl es den ganzen Tag geregnet hatte.
Leo war acht Jahre alt, und er war der Ansicht, dass gefundene Boote benutzt werden müssen, sonst wäre das Finden ja sinnlos.
Er kletterte hinein.
Sofort — kaum hatte er sich gesetzt — begann das Boot zu gleiten. Nicht weil Leo gerudert hätte. Nicht weil Wind war. Es glitt einfach, lautlos und gleichmäßig, vom Ufer weg und über das dunkle Wasser hinaus.
Leo griff nach den Rudern. Dann ließ er sie wieder los. Das Boot wusste, wohin es wollte.
Das Wasser war merkwürdig still. Am Himmel standen Sterne — mehr als Leo je gesehen hatte, obwohl er schon oft am Meer übernachtet hatte. Das Mondlicht machte das Wasser silbern. Die Küste wurde kleiner und kleiner, bis sie nur noch ein Lichtband am Horizont war.
Leo war nicht ängstlich. Er war eher — gespannt.
Vor ihm, ganz weit draußen auf dem Wasser, lag etwas. Eine Insel. Aber keine gewöhnliche Insel — ihre Klippen leuchteten. Wirklich leuchteten, silberblau und sanft, wie ein sehr großer Mond, der sich ins Meer gelegt hatte.
Das Boot fuhr genau dorthin.
Als das Boot an einem kleinen Kiesstrand hielt, stieg Leo aus.
Die Kiesel unter seinen Füßen waren silbern. Nicht wie bemalte Steine — sie leuchteten von innen, ein weiches, pulserendes Licht, das sich langsam ausbreitete und zusammenzog, wie das Atmen eines schlafenden Tiers.
Die Insel roch nach Salzwasser und nach Lavendel und nach etwas, das Leo nicht benennen konnte — aber es war ein Geruch, bei dem man tief einatmet und sich sofort ein bisschen ruhiger fühlt.
Er folgte einem Pfad zwischen silbernen Felsen hindurch, hinauf auf einen kleinen Hügel. Von oben sah er, was auf der Insel war: ein einziges Haus. Klein, rund, aus demselben leuchtenden Stein wie die Klippen. Und davor saß jemand auf einer Bank.
Ein alter Mann. Er hatte weißes Haar und trug einen langen Mantel, der in der Farbe zwischen Grau und Silber war. In der Hand hielt er etwas, das Leo zuerst für ein Netz hielt — aber als er näherkam, sah er, dass es kein Netz war. Es waren Fäden aus Licht. Der Mann webte daran, langsam und sorgfältig, wie jemand, der eine Strickarbeit nie ganz fertigmacht.
Guten Abend, sagte Leo.
Guten Abend, sagte der alte Mann, ohne aufzuschauen. Ich habe dich erwartet.
Das sagst du zu allen?, fragte Leo.
Nein, sagte der alte Mann. Nur zu denen, die das Boot finden. Und das Boot lässt sich nur von jemandem finden, der es gerade sehr braucht.
Leo überlegte, ob er gerade etwas brauchte.
Dann fiel ihm ein: Er hatte seit Wochen nicht richtig geschlafen.
Der alte Mann hieß Silvano. Er war — wie er selbst sagte — der Traumweber dieser Küste.
Was ist ein Traumweber?, fragte Leo.
Jemand, der dafür sorgt, dass die Träume der Menschen gut ankommen, sagte Silvano. Manchmal verlieren sich Träume. Sie wissen nicht mehr, zu wem sie gehören. Sie warten hier auf der Insel, bis ich sie sortiere und wieder losschicke.
Er hielt das Lichtgeflecht hoch. Jetzt, im Mondlicht, sah Leo, dass darin Bilder waren — kleine, fließende Bilder, wie die Szenen in einem Film, der ganz langsam läuft. Kinder, die lachen. Blumenwiesen. Ein Haus auf einem Hügel. Ein Mann mit weißem Bart, der aussah wie Leos Großvater.
Leo schluckte.
Das ist ein Traum von mir, flüsterte er.
Ein alter, sagte Silvano. Von letztem Herbst. Er kam nicht an, weil du an dem Abend zu aufgedreht zum Schlafen warst und ihn nicht empfangen konntest.
Silvano faltete das Lichtgeflecht zu einem kleinen Päckchen, so geschickt wie man ein Taschentuch faltet. Dann reichte er es Leo.
Halt das fest, sagte er. Ganz fest. Und wenn du heute Nacht schläfst — schlaf ruhig ein, ohne daran zu denken. Der Traum weiß selbst, wann er kommen soll.
Leo hielt das Päckchen. Es war warm und wog fast nichts.
Und er bemerkte, dass er auf einmal sehr, sehr müde war.
Das Boot war noch da, wo Leo es gelassen hatte.
Silvano begleitete ihn zum Strand.
Wann kann ich wiederkommen?, fragte Leo.
Wenn das Boot dich wieder findet, sagte Silvano.
Wird es das?
Das kommt darauf an, ob du lernst, gut zu schlafen, sagte Silvano, und dabei klang er nicht streng, sondern eher wie jemand, der sich ehrlich Sorgen macht. Träume können nur ankommen, wenn jemand aufmacht.
Leo kletterte ins Boot. Das kleine Licht-Päckchen hielt er fest in der Hand.
Das Boot glitt los. Silvano wurde kleiner und kleiner, bis er nur noch ein weißer Fleck auf der silbernen Insel war. Die Insel selbst wurde kleiner. Das leuchtende Silber wurde schwächer, sanfter, bis es nur noch ein ganz zartes Schimmern am Horizont war.
Leo saß im Boot und schaute auf das Wasser.
Das Päckchen in seiner Hand war immer noch warm.
Er dachte an seinen Großvater, der seit zwei Jahren nicht mehr da war. Er dachte daran, wie er mit ihm am Abend Karten gespielt hatte. Er dachte daran, wie sein Lachen geklungen hatte — ein bisschen heiser und immer ein bisschen zu laut.
Er merkte, dass er lächelte.
Das Boot legte sanft am Strand hinter dem Haus seiner Großmutter an. Die Laterne auf der Veranda brannte noch. Grillen zirpten. Der Mond stand hoch.
Leo ging leise ins Haus.
Seine Großmutter schlief. Die Küchenuhr tickte. Der Hund lag auf seinem Platz und schlug einmal mit dem Schwanz auf den Boden, als er Leo roch — einmal, als Begrüßung, dann schlief er weiter.
Leo stieg die Treppe hoch.
Er zog sich aus und kroch unter die Decke. Er legte das Licht-Päckchen auf sein Kissen, ganz nah an seiner Wange — es war so klein, dass man es nicht sehen konnte, nur fühlen: warm und leise und irgendwie lebendig.
Er dachte an das, was Silvano gesagt hatte: Schlaf ruhig ein, ohne daran zu denken.
Leo versuchte, an nichts zu denken.
Das ist schwieriger als man meint.
Aber dann — er wusste nicht, wann genau — merkte er, dass sein Körper immer schwerer wurde. Erst die Beine. Dann die Arme. Dann der Kopf, der langsam zur Seite sank.
Und draußen, durch das offene Fenster, kam der Meereswind. Er trug Salz und Lavendel und diesen anderen Geruch mit sich — den Geruch von der silbernen Insel, der einen tiefer atmen ließ.
Und Leo träumte.
Er träumte von einem Mann mit weißem Bart, der heiser lachte. Sie spielten Karten an einem kleinen Tisch. Die Abendlampe warf warmes Licht. Und der Mann sagte: Gut gemacht, mein Junge.
Leo lächelte im Schlaf.
Draußen leuchtete das Meer silbern im Mondlicht.
Und irgendwo auf einer Insel, die man nur findet, wenn man sie braucht, webte ein alter Mann ruhig weiter — und schickte die Träume auf ihre Reise.
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