
Die Zahl Vier — Der Baum mit vier Jahreszeiten
Im Garten von Lukas steht ein besonderer Baum: In einer einzigen Nacht zeigt er alle vier Jahreszeiten. Und Lukas darf zusehen.
Die Geschichte zum Lesen
Der alte Apfelbaum am Ende des Gartens hatte Lukas schon immer fasziniert.
Er war groß und krumm und hatte Rinde, die so aussah wie eine Landkarte — mit Rissen und Wülsten und Mustern, die kein Mensch gemacht hatte. Im Frühling war er voller Blüten. Im Sommer voller Blätter. Im Herbst voller Äpfel. Im Winter stand er nackt und still und sah aus wie eine Zeichnung mit Tusche.
Vier Gesichter. Ein Baum.
An dem besonderen Abend, an dem alles passierte, hatte Lukas Oma zu Besuch. Oma war die Art Mensch, die weiß, wann Bäume etwas vorhaben. Sie sagte: Geh heute Nacht ans Fenster um Mitternacht. Der alte Apfelbaum hat etwas vor.
Lukas verstand nicht genau, was sie meinte. Aber Oma irrte sich nie.
Er stellte sich einen Wecker, und als er um Mitternacht klingelte, stand er auf und trat ans Fenster. Draußen war es still. Der Mond schien. Der Garten lag ruhig im Mondlicht.
Und dann begann der Baum.
Es fing mit Grün an. Ganz zart, ganz langsam — wie wenn man zusieht, wie jemand Farbe auf einem Bild verdünnt. Die kahlen Äste des Baumes füllten sich, erst mit kleinen Knospen, dann mit Blättern, dann mit weißen Blüten, die dufteten — Lukas konnte es durchs geschlossene Fenster riechen, süß und frisch und wie Apfelkuchen, der gerade aus dem Ofen kommt.
Frühling, flüsterte Lukas.
Der Baum nickte. Oder zumindest schien er es so — ein leises Wiegen der Äste.
Dann wurde es wärmer. Das Licht über dem Garten veränderte sich, wurde goldener, sommermittäglicher. Die Blüten wurden zu Blättern, dunkelgrün und breit. Die Luft roch nach Gras und warmem Stein. Lukas lehnte die Stirn ans Glas und schloss die Augen — für einen Moment war er im Sommer, mitten in einem langen Nachmittag, ohne Schule und ohne Eile.
Sommer, flüsterte er.
Dann — ganz allmählich — begannen die Blätter sich zu verändern. Erst gelblich an den Rändern. Dann orange. Dann ein tiefes, leuchtendes Rot. Der Baum sah aus wie eine große Flamme, die nicht brannte, sondern nur glühte. Und die Äpfel hingen schwer und rund daran — rote Äpfel, gelbe Äpfel, einen Apfel, der fast so groß war wie Lukas' Kopf.
Herbst, sagte Lukas und diesmal nicht mehr flüsternd.
Und dann — schneller als die anderen — kam der Winter. Die Blätter fielen. Alle auf einmal, wie ein stilles Schneegestöber aus Rot und Gold und Braun. Der Baum wurde wieder kahl, wieder ruhig, wieder zu sich selbst. Aber diesmal sah er nicht traurig aus. Er sah aus wie jemand, der nach einem langen Tag nach Hause kommt und sich freut, einfach da zu sein.
Und dann lag Schnee auf den Ästen. Echter Schnee, der im Mondlicht funkelte.
Lukas öffnete das Fenster. Die Winterluft strömte herein, kalt und klar.
Der Baum stand still.
Danke, sagte Lukas.
Er wusste nicht genau, warum er das sagte. Aber es fühlte sich richtig an.
Vier Jahreszeiten, dachte er. Der Baum kennt sie alle. Er hat Frühling und Sommer und Herbst und Winter in sich — alle vier, alle gleichzeitig, alle nacheinander. Und trotzdem ist er immer derselbe Baum. Immer an derselben Stelle. Immer mit denselben Wurzeln, tief in der Erde.
So wie er, Lukas. Er hatte auch vier Seiten: manchmal fröhlich wie Frühling, manchmal warm und faul wie Sommer, manchmal nachdenklich wie Herbst, manchmal ruhig wie Winter. Aber er war immer Lukas.
Er schloss das Fenster. Der Schnee auf den Ästen blieb noch eine Weile. Dann — ganz langsam — begann der Baum wieder zu knospen.
Frühling. Wieder.
Eins, zwei, drei, vier, dachte Lukas. Und wieder von vorne.
Er kletterte zurück in sein Bett und zählte bis vier. Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Und dann nochmal. Frühling, Sommer, Herbst, Winter.
Er kam nicht bis zum Ende des zweiten Durchgangs.
Gute Nacht, Lukas. Gute Nacht, alter Baum. Die Zahl Vier dreht sich im Kreis — und das ist genau richtig so.
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