
Die Zahl Zehn — Zehn Sterne bis zum Schlaf
Max zählt jeden Abend Sterne, bis er einschläft. Heute Nacht sind es genau zehn — und jeder bringt einen Gedanken, der ihn schläfriger macht.
Die Geschichte zum Lesen
Max konnte nicht schlafen, wenn er nicht zählte.
Das war schon immer so. Schafe zählen hatte er versucht — aber die Schafe hüpften zu schnell, und er konnte nicht aufhören, sich zu fragen, wohin sie eigentlich sprangen. Also hatte Papa ihm irgendwann gesagt: Zähl Sterne.
Sterne springen nicht. Sterne warten.
Also: Sterne.
Max lag in seinem Bett, die Hände hinter dem Kopf, und schaute zur Decke. An der Decke waren keine echten Sterne — nur ein paar Glow-in-the-Dark-Aufkleber, die ein bisschen leuchten mussten, bevor sie leuchteten, und die jetzt in einem schwachen Grün glühten.
Genug.
Stern Eins, sagte Max. Eins ist der Tag. Heute war ein Tag. Er ist jetzt vorbei. Er war gut genug.
Er wartete. Das Grün des Aufklebers war ruhig.
Stern Zwei, sagte Max. Zwei ist Mama und Papa. Sie sind im Haus. Sie schlafen bald auch. Alles ist da, was da sein soll.
Er wartete. Seine Augen wurden ein kleines bisschen schwerer.
Stern Drei. Drei ist das Abendessen. Er hatte viel gegessen. Der Bauch war voll und warm. Das war gut.
Stern Vier. Vier ist die Schule morgen. Max mochte nicht jeden Schultag. Aber Montag bedeutete Sport, und Sport mochte er. Also war Vier eigentlich in Ordnung.
Stern Fünf. Fünf ist sein Freund Noah, der morgen vielleicht in der großen Pause Fußball spielen wollte. Max war nicht der Beste beim Fußball. Aber er war dabei. Das war genug.
Sein Atem wurde ruhiger. Die Glow-in-the-Dark-Sterne schwammen ein bisschen.
Stern Sechs. Sechs ist das Buch, das er gestern angefangen hatte und heute Seite vierzig gelesen hatte. Der Held war noch in Schwierigkeiten. Aber das würde sich lösen. Das löste sich immer.
Stern Sieben. Sieben ist das Geräusch, das der Wind gegen sein Fenster macht. Ein weiches, gleichmäßiges Klopfen. Nicht unruhig — nur da. Wie ein Freund, der anklopft und dann wieder geht.
Stern Acht. Acht ist... Max überlegte. Acht ist die Katze vom Nachbarn, die er heute gestreichelt hatte, auf dem Weg nach Hause. Weich und warm und laut schnurrend. Gut.
Stern Neun. Neun ist das, was er morgen als Erstes tun wollte: aus dem Fenster schauen und sehen, wie der Morgen aussah. Ob Sonne. Ob Wolken. Das war immer das Erste.
Sein Körper war jetzt sehr schwer. Die Arme lagen auf der Decke wie zwei müde Vögel, die gelandet waren.
Stern Zehn.
Max pausierte. Zehn war immer das Letzte. Zehn war das, womit er aufhörte. Zehn war die Ankunft.
Stern Zehn, sagte er, sehr leise. Zehn ist das Schlafen. Das Schlafen wartet. Es ist geduldig. Es geht nicht weg.
Er schloss die Augen.
Die Glow-in-the-Dark-Aufkleber leuchteten noch eine Weile — Eins bis Zehn, alle zusammen, ein kleiner Himmel an der Decke — während Max' Atem tiefer und ruhiger und schließlich vollständig gleichmäßig wurde.
Zehn Sterne. Zehn Gedanken. Zehn kleine Schritte in den Schlaf.
Und dann: Nichts mehr außer Stille und Wärme und dem leisen Wind gegen das Fenster.
Gute Nacht, Max. Die Zahl Zehn hat dich sicher gebracht. Zähl morgen wieder — die Sterne warten immer auf dich.
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