
Die Zahl Neun — Neun Wolkentiere am Abendhimmel
Bevor Emma einschläft, zählt sie die Wolken. Heute sind es genau neun — und jede sieht aus wie ein Tier. Emma macht die Bekanntschaft mit allen.
Die Geschichte zum Lesen
Emma hatte eine Abendroutine.
Zähne putzen. Pyjama. Mama liest vor. Und dann, wenn das Licht ausging und Mama die Tür anlehnte — dann ging Emma noch einmal ans Fenster und schaute kurz in den Abendhimmel, bevor sie sich hinlegte.
Manchmal sah sie Sterne. Manchmal Regen. Manchmal einfach dunkelblau, ohne viel drin.
An diesem Abend sah sie Wolken.
Neun Wolken.
Sie zählte sie, weil das ihr Ritual war: eins, zwei, drei — und so weiter, mit dem Finger am Glas, jede Wolke berührt, auch wenn ihr Finger nur das Glas berührte und nicht die echte Wolke, die viele Kilometer über ihr trieb.
Neun. Genau neun.
Und jede sah aus wie etwas.
Die erste Wolke war klar ein Elefant. Dickes Körper, langer Rüssel, kleine Ohren. Emma nickte: Hallo, Elefant.
Die zweite war ein Fisch — schlanker Körper, Schwanzflosse, eine kleine Wolkenblase, die gerade vom Mund wegtrieb.
Die dritte war ein Hase. Lange Ohren, runder Bauch, saß auf einer flacheren Wolke wie auf einem Podest.
Die vierte war komplizierter: ein Drache, aber ein freundlicher, mit einem runden Kopf und einem Schwanz, der ein bisschen zu kurz war für den Körper.
Die fünfte war ein Schwan. Elegant, mit einem langen Hals, der sich nach rechts bog.
Die sechste war ein Bär — groß und rund und gemütlich, wie ein Bär sein sollte.
Die siebte war ein Vogel, der mit offenen Flügeln dastand, als ob er gleich abfliegen wollte. Aber er flog nicht, weil es eine Wolke war.
Die achte war ein Frosch. Breit und flach, mit zwei dicken Hinterbeinen, die ein bisschen in verschiedene Richtungen zeigten.
Die neunte war am schwersten zu erkennen. Emma kniff die Augen zusammen. Dann lächelte sie: Es war ein Igel. Klein, mit Stacheln aus kleinen Wolkenzacken.
Neun Tiere am Himmel. Nur für diese Nacht, nur für diesen Moment, bevor der Wind sie weitertrieb oder auflöste oder neu zusammensetzte zu anderen Formen.
Emma winkte allen neun. Sie wusste, dass Wolken nicht winkten zurück. Aber der Wind bewegte sie gerade ein bisschen — den Elefanten-Rüssel, den Schwanen-Hals, die Vogel-Flügel — und das war gut genug.
Sie dachte: Neun ist fast zehn. Neun ist kurz vor dem Ziel. Neun ist der vorletzte Schritt.
Was kommt nach neun?, fragte Emma laut, nur für sich selbst.
Zehn, antwortete sie selbst. Und nach zehn kommt Schlafen.
Sie lachte ein bisschen. Dann legte sie sich hin, aber behielt noch einen Moment die Augen auf: Die Wolken waren noch da, langsam ziehend, neun weiche Tiere in einem dunkler werdenden Himmel.
Emma zählte sie nochmal, langsamer: Eins — Elefant. Zwei — Fisch. Drei — Hase. Vier — Drache. Fünf — Schwan. Sechs — Bär. Sieben — Vogel. Acht — Frosch. Neun — Igel.
Beim Igel schloss sie die Augen.
Und beim zweiten Durchgang — Eins, Elefant, Zwei, Fisch, Drei — schlief sie ein.
Irgendwo über ihr zogen die Wolken weiter. Neun Tiere, die durch die Nacht trieben, langsam und lautlos, und die niemand mehr zählte, weil Emma schlief.
Gute Nacht, Emma. Gute Nacht, Elefant, Fisch, Hase, Drache, Schwan, Bär, Vogel, Frosch, Igel. Die Zahl Neun trägt euch alle — sanft durch die Nacht.
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