
Das Mädchen, das Sterne sammelte

Jorin
Märchen sind keine alten Geschichten — sie sind lebendige Welten, die ich jeden Abend neu erschaffe.
Die Geschichte zum Lesen
Hoch oben in den Bergen, dort wo der Wind nach Tannennadeln und kaltem Quellwasser roch, lebte ein Mädchen namens Lena.
Lenas Dorf war klein. Es hatte zwölf Häuser, eine alte Mühle und einen Brunnen in der Mitte, dessen Wasser immer ein bisschen nach Kupfer schmeckte. Abends, wenn die Laternen angezündet wurden, sah das Dorf aus wie eine Handvoll kleiner Flammen, die jemand in das Dunkel des Berges gestreut hatte.
Lena liebte die Nacht.
Nicht wegen der Stille — obwohl die Stille schön war. Nicht wegen dem Mond — obwohl der Mond schön war. Sondern wegen der Sterne. Wenn Lena die Augen zusammenkniff und ganz genau schaute, hatte sie das Gefühl, dass die Sterne nicht festsaßen. Dass sie sich bewegten. Dass sie zitterten und hüpften und manchmal — nur manchmal — ganz kurz aufleuchteten und dann etwas tiefer standen als vorher.
Fallen Sterne wirklich?, fragte sie ihren Großvater einmal.
Sicher, sagte er. Aber die meisten fallen so weit weg, dass man sie nie findet.
Lena dachte darüber nach. Dann sagte sie: Ich würde sie finden.
Ihr Großvater lachte. Er dachte, sie mache Witze. Lena machte keine Witze.
Sie hatte sich heimlich eine kleine Holzkiste gebaut. Mit einem Schloss und einem Riegel und einem Streifen Stoff innen, damit das drin nichts kaputt geht. Auf den Deckel hatte sie drei Sterne gemalt, mit der blauen Farbe ihrer Mutter.
Die Kiste war für die gefallenen Sterne.
Sie wartete nur noch auf einen.
Eines Abends — es war der Abend nach Lenas siebtem Geburtstag — sah sie es.
Sie saß am Fenster. Die Nacht war klar und kalt, und der Himmel war voll von Sternen, so voll, dass es fast unfair schien, dass man sie nicht anfassen konnte.
Dann — ein Leuchten. Ein kurzer, heller Strich am Himmel, so schnell wie ein Atemzug. Und danach — merkwürdigerweise — ein leises Glühen am Rand des Waldes. Ganz unten. Wo die Bäume anfingen.
Lena sprang auf.
Sie wickelte sich in ihren Wollmantel. Sie schnappte ihre Kiste. Und sie lief los, leise durch das Haus, leise an der Tür ihres Großvaters vorbei, leise die drei Holzstufen vor der Haustür hinunter.
Draußen war die Luft kalt wie frisches Wasser.
Lena lief den Pfad zum Wald hinunter. Ihre Atemwolken leuchteten weiß im Mondlicht. Zweige knackten unter ihren Schuhen. Die Tannen standen still und dunkel, und zwischen ihnen schimmerte noch immer dieses Leuchten.
Sie trat in eine kleine Lichtung.
Und da lag er.
Er war nicht groß — kaum so groß wie ihre Handfläche. Er lag im Moos, und das Moos ringsum leuchtete warm und golden, so wie wenn man eine Taschenlampe unter eine Bettdecke hält. Der Stern selbst war rund und glatt, und sein Licht war nicht grell — es war sanft und gleichmäßig, wie ein Atemrhythmus.
Lena kniete sich hin.
Sie streckte die Hand aus.
Der Stern war warm. Nicht heiß — warm. Wie die Hand ihres Großvaters, wenn er sie hielt.
Ganz behutsam legte Lena ihn in ihre Holzkiste. Das Licht darin war schön.
Lena trug die Kiste nach Hause. Sie stellte sie auf ihren Nachttisch. Das Licht schimmerte durch die Ritzen des Holzes — goldene Streifen an der Wand, an der Decke, überall.
Sie lag im Bett und schaute es an.
Dann hörte sie es.
Ein Geräusch. Ganz leise. Wie ein Summen, aber nicht wirklich ein Summen. Eher wie jemand, der sehr weit weg redet — so weit, dass man die Worte nicht hört, nur den Klang dahinter.
Lena setzte sich auf.
Sie öffnete die Kiste.
Der Stern leuchtete sie an. Und Lena — sie wusste selbst nicht warum — hatte das Gefühl, dass er traurig war.
Nicht unglücklich. Nur vermisst etwas.
Sie dachte nach. Dann sagte sie leise, damit der Großvater nicht aufwachte: Du vermisst den Himmel, oder?
Das Licht des Sterns zitterte ganz kurz. Einmal. Als wäre das ein Ja.
Lena kaute auf ihrer Unterlippe. Sie hatte so lange auf einen gefallenen Stern gewartet. Die Kiste hatte sie extra gebaut. Und jetzt saß er darin und war warm und leuchtete und war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte.
Aber er vermisste den Himmel.
Sie schaute durch ihr Fenster nach oben. Der Himmel war immer noch voll von Sternen. Voll, aber — sie dachte es jetzt zum ersten Mal — vielleicht ein kleines bisschen leerer als letzte Nacht.
Vielleicht fehlt er dort oben.
Lena schloss die Kiste ganz sacht. Dann öffnete sie das Fenster.
Es war schon nach Mitternacht, aber Lena war hellwach.
Sie trug die Kiste auf den Balkon. Die Nacht war noch immer klar. Noch immer kalt. Die Berge ringsum standen schwarz und riesig gegen den Himmel, und der Himmel selbst war so voller Sterne, dass er fast weiß war.
Lena öffnete die Kiste.
Der Stern lag darin und leuchtete. Warm und rund und ganz still.
Lena betrachtete ihn lange.
Sie dachte an die Kiste, die sie gebaut hatte. An die blauen Sterne auf dem Deckel. Daran, wie lange sie gewartet hatte. An das Licht in ihrem Zimmer, so schön und golden.
Dann dachte sie daran, wie es sich anfühlte, wenn man selbst irgendwo hingehört und nicht hinkommt.
Sie streckte beide Hände aus. Der Stern lag auf ihren Handflächen, warm wie ein kleines Tier.
Fliegt doch sicher nicht jeder Stern zurück, sagte sie leise. Aber du schon, oder?
Das Licht flackerte. Zweimal. Lebhafter als vorher.
Lena hob die Hände über den Kopf.
Gute Nacht, sagte sie.
Und dann — ganz plötzlich — stieg das Licht auf. Nicht schnell, nicht dramatisch. Langsam und gleichmäßig, wie eine Seifenblase, die in die Luft schwebt. Das warme Leuchten stieg über den Balkonrand, über das Dach, über die Tannenspitzen — und dann war es oben, ganz weit oben, und für einen Moment — nur einen — leuchtete eine Stelle im Himmel besonders hell.
Lena ließ die Hände sinken.
Sie schaute lange nach oben.
Dann lächelte sie.
Lena blieb noch eine Weile auf dem Balkon stehen.
Die Nacht war still. Die Berge waren still. Irgendwo im Dorf rief ein Käuzchen, einmal, zweimal, dann Stille. Die Sterne standen alle an ihrem Platz. Und einer davon — Lena war sicher, obwohl man das gar nicht sicher sein kann — leuchtete ein ganz kleines bisschen heller als alle anderen.
Sie ging ins Zimmer.
Sie stellte die leere Kiste auf den Nachttisch. Die blauen Sterne auf dem Deckel sahen sie an.
Eine leere Kiste, dachte Lena.
Aber dann dachte sie: vielleicht ist das gar nicht schlimm. Vielleicht ist das sogar das Beste, was einer Kiste passieren kann — dass man etwas hineintut und dann wieder loslässt.
Sie zog die Decke bis ans Kinn.
Durch das offene Fenster kam ein leiser Wind. Er roch nach Tannen und nach kalter Nacht und nach irgendwas, das ein bisschen wie warmes Licht roch — was eigentlich keinen Sinn ergibt, aber Lena fand es trotzdem.
Sie schloss die Augen.
Sie dachte an den Stern auf ihrer Handfläche. An das goldene Licht an der Decke. Daran, wie er aufgestiegen war, langsam und ruhig, genau so, als hätte er es schon immer gewusst.
Vielleicht, dachte Lena, gibt es Dinge, die man nicht behalten muss, um sie zu haben. Vielleicht reicht es manchmal, sie einmal gehalten zu haben.
Draußen leuchteten die Sterne.
Und Lena schlief ein — tief und warm und zufrieden — während der Himmel über ihr so voll war wie immer.
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