
Der kleine Astronaut und der blaue Stern

Peter
Raketen, Planeten und das Staunen vor dem Unendlichen — ich nehme Kinder mit auf Reisen durchs Universum.
Die Geschichte zum Lesen
Felix war sieben Jahre alt und hatte heute Morgen beschlossen, Astronaut zu werden.
Nicht erst wenn er groß war. Jetzt.
Sein Raumanzug bestand aus dem weißen Bademantel seiner Mutter — den hatte er ohne zu fragen genommen, aber er war sich sicher, dass es okay war — einem Fahrradhelm mit zwei aufgeklebten Alufolienstücken als Antennen und einem alten Küchenthermometer, das er an den Ärmel gebunden hatte, weil Astronauten Messgeräte brauchten.
Er sah sehr professionell aus.
Sein älterer Bruder Jonas hatte ihn angeschaut und dann weitergelesen. Das war das höchste Lob, das Jonas vergab: nicht lachen.
Felix hatte draußen im Garten seinen ersten Kontrollgang gemacht. Der Garten war jetzt die Startrampe. Der Birnbaum war die Boosterrakete. Der Sandkasten war der Startbereich, in dem er auf seine Mission warten würde.
Die Mission: Den blauen Stern finden.
Es gab nämlich einen blauen Stern — das wusste Felix, weil sein Vater es ihm erklärt hatte. Rigel, der linke Fuß des Orion. Blauer Überriese. Felix fand blau besser als weiß oder gelb. Blau war die beste Farbe für einen Stern.
Er hatte den ganzen Tag gewartet, bis es dunkel war.
Und jetzt war es dunkel.
Felix lag in seinem Bett, den Helm hatte er abgenommen — Mama hatte darauf bestanden — aber den Bademantel trug er noch, und er schaute aus dem Fenster in den Himmel, und er wartete darauf, Rigel zu sehen.
Im Traum war die Startrampe echter.
Der Sandkasten hatte sich verwandelt — er war jetzt aus weißem Beton, mit Scheinwerfern ringsum, und das Raumschiff stand darin: schlank, weiß, mit dem Namen Rigel-7 auf der Seite in blauen Buchstaben.
Felix stand davor in seinem richtigen Raumanzug — nicht dem Bademantel, sondern einem echten, weißen, mit dem Helm, der wie eine Kugel war, und Handschuhen, die so dick waren, dass er damit eigentlich nichts anfassen konnte, außer Schaltknöpfen.
Der Countdown lief.
Zehn. Neun. Acht.
Felix zählte mit. Er kannte das aus Filmen. Beim Zählen wurde man ruhiger, nicht aufgeregter — das war ein Trick. Wenn man zählte, hatte das Gehirn etwas zu tun, und dann dachte es nicht ans Nervöse.
Drei. Zwei. Eins.
Das Raumschiff hob ab.
Nicht laut — das überraschte Felix. Er hatte erwartet, dass es lauter war. Aber es war eher ein tiefes, steigendes Summen, das durch den Boden aufstieg und durch die Füße in den Körper kam, und dann wurde es leiser, nicht lauter, weil man sich von der Erde entfernte und die Erde der Ort war, wo Lärm entstand.
Das Summen wurde zu einem Rauschen.
Das Rauschen wurde zu Stille.
Felix schaute aus dem runden Fenster.
Die Erde war schon klein. Ein blauer Fleck. Ein sehr schöner blauer Fleck, kleiner als sein Daumen, wenn er die Hand ausstreckte.
Rigel war noch blauer als Felix gedacht hatte.
Bei blauen Dingen gab es viele Stufen: Das Blau des Himmels war hell und dünn. Das Blau des Meers war schwer und dunkel. Das Blau von Rigel war — anders. Es war ein Blau, das leuchtete, das Energie hatte, das warm war auf eine Art, die man nicht erwartet, weil man dachte, Blau sei kalt.
Rigel war 120.000 Mal so hell wie die Sonne.
Felix wusste das, weil sein Vater es ihm gesagt hatte. Und das bedeutete, dass Felix jetzt in sicherer Entfernung war — sonst hätte er nicht aus dem Fenster schauen können, ohne blind zu werden. Im Traum war die Entfernung immer genau richtig.
Er schwebte zum Fenster und legte die Hand an die Scheibe.
Die Scheibe war nicht kalt. Sie war — neutral. Weder warm noch kalt. Ein Fenster zum Universum, das keine Meinung hatte.
Rigel pulste leicht. Nicht sichtbar, eher spürbar — wie wenn man die Hand auf eine sehr große Trommel legt und jemand weit weg darauf schlägt, so leise, dass man es nicht hört, aber fühlt.
Felix dachte: Du bist 860 Lichtjahre weg.
Das Licht, das er jetzt sah, war losgeflogen, als Europa noch im Mittelalter war. Felix fand das fast unbegreiflich — er sah etwas, das so lange unterwegs gewesen war. Länger als alles, was er kannte.
Er lehnte die Stirn gegen die Scheibe.
Rigel leuchtete blau.
Felix blieb lange am Fenster.
So lange, dass er irgendwann merkte, dass seine Augen schwer wurden. Das war ungewöhnlich — er war doch gerade auf Mission. Astronauten schliefen nicht einfach so.
Aber dann erinnerte er sich: Astronauten schliefen sehr viel. In Schwerelosigkeit schlief man sogar besser als auf der Erde, hatte sein Vater gesagt. Weil der Körper nirgendwo drückte. Weil alles schwebte.
Felix ließ sich vom Fenster treiben.
Das Raumschiff hatte eine kleine Schlafkabine — kaum größer als sein Bett zu Hause, mit einem Schlafsack, der an der Wand befestigt war. Man schlief angeschnallt, damit man nicht durch die Kabine trieb und gegen Schalter stieß.
Felix kletterte in den Schlafsack.
Er war anders als sein Bett. Fester. Enger. Aber auf eine gute Art — wie ein Umarmung von allen Seiten.
Durch das kleine Fenster der Schlafkabine sah er immer noch Rigel. Kleiner jetzt, oder vielleicht schien es so, weil er weiter weg war — Rigel bewegte sich nicht, Rigel war zu groß und zu weit für das. Aber Felix bewegte sich, das Raumschiff begann langsam die Richtung zu wechseln, und Rigel wanderte langsam aus dem Sichtfeld.
Nach rechts. Nach rechts und nach oben.
Bis er weg war.
Felix blinzelte.
Die Sterne blieben. Immer Sterne. Das Universum war nicht leer, es war so voll, dass man es nicht fassen konnte.
Felix schlief im Orbit.
Das Raumschiff flog in einer langen, langen Kurve um die Erde — einmal herum dauerte neunzig Minuten. Das bedeutete: sechzehn Sonnenuntergänge pro Tag. Sechzehn Mal, dass das Licht warm wurde und dann erlosch, und sechzehn Mal, dass die Sterne auftauchten.
Felix wusste das, aber er erlebte es nicht. Er schlief.
Er schlief, wie man schläft, wenn man genau das getan hat, was man tun wollte. Als er aufgewacht war, hatte er beschlossen, Astronaut zu werden. Er war Astronaut geworden. Er hatte Rigel gesehen.
Das war ein guter Tag.
Gute Tage machen müde.
In seinem echten Bett, in seinem echten Zimmer, lag der Bademantel seiner Mutter am Fußende — er hatte ihn ausgezogen, ohne es zu merken, irgendwann im Halbschlaf. Der Fahrradhelm stand auf dem Schreibtisch. Das Küchenthermometer hing noch am Ärmel.
Durch das Fenster: Keine Sterne mehr. Zu bewölkt.
Aber Felix wusste, dass sie da waren. Hinter den Wolken, hinter dem Blau des Tages, wenn der Morgen kam — da waren sie. Rigel war da. 860 Lichtjahre entfernt, leuchtend in einem Blau, das er jetzt kannte.
Er hatte es mit eigenen Augen gesehen.
Seine Augen schlossen sich.
Das Raumschiff Rigel-7 flog seine Runden, unhörbar und unsichtbar, und Felix schlief den Schlaf eines Astronauten — fest, tief, und zufrieden bis in die letzte Faser.
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