
Noa und der stille Planet

Peter
Raketen, Planeten und das Staunen vor dem Unendlichen — ich nehme Kinder mit auf Reisen durchs Universum.
Die Geschichte zum Lesen
Noa liebte das Weltall, weil es still war.
Auf der Erde war es nie still. Das war das Problem.
Er wohnte in einer Wohnung im fünften Stock, und das bedeutete: unten die Straße mit den Autos, oben der Nachbar mit dem Hund, der trottete, wenn er lief, und bellte, wenn er nichts trottete. Links durch die Wand Frau Adamek, die abends die Nachrichten so laut hörte, dass Noa manchmal wusste, was in der Welt passierte, ohne dass er es wollte. Rechts sein Bruder Emre, der Schlagzeug übte.
Noa war acht Jahre alt und seine Lieblingszeit war nachts um elf, wenn alle schliefen und die Wohnung leise war.
Dann lag er wach und hörte dem Nichts zu.
Manchmal las er über das Weltall. Der Weltraum, hatte er gelernt, war nicht einfach leise. Er war lautlos. Es gab dort keine Luft, und ohne Luft konnten sich keine Schallwellen ausbreiten, und ohne Schallwellen gab es keinen Lärm. Das Universum war das lautloseste Ding, das es gab.
Noa fand das sehr angenehm.
Sein Vater hatte ihm einmal ein Buch über Planeten gegeben. Darin gab es ein Bild: ein Planet weit draußen im Sonnensystem, jenseits von Pluto, so weit weg, dass die Sonne dort nur noch wie ein sehr heller Stern aussah. Kein Mond, keine Ringe. Nur ein Planet. Still und allein.
Noa hatte das Bild immer wieder angeschaut.
Er dachte: Dort möchte ich einmal hin.
Im Traum flog Noa sehr weit.
Weiter als die anderen Planeten. Vorbei an Jupiter — er sah ihn von der Seite, ein riesiges Auge, den Großen Roten Fleck, der ein Sturm war, der seit dreihundert Jahren wütete. Noa verstand das, aber er flog weiter. Stürme waren Lärm, auch wenn man ihn von hier nicht hören konnte.
Vorbei an Saturn — schön, sehr schön, die Ringe glänzten. Noa blieb kurz stehen. Dann flog er weiter.
Uranus. Hellblau. Auf der Seite liegend, was seltsam aussah, als wäre er eingeschlafen beim Drehen.
Neptun. Dunkelblau, mit einem Sturm, dem Großen Dunklen Fleck. Noa mochte Neptuns Farbe. Aber er flog weiter.
Dann: Pluto. Kleiner als gedacht, mit einem roten Herzen auf der Oberfläche — das war wirklich so, Noa hatte ein Bild der Raumsonde New Horizons gesehen: Pluto hatte eine herzförmige Fläche aus gefrorenem Stickstoff. Noa fand das rührend. Ein Planet mit einem Herz.
Noch weiter.
Die Sonne wurde kleiner. Kleiner. Nur noch ein heller Stern unter vielen.
Und dann: der stille Planet.
Es gab kein Schild. Keinen Namen. Er war einfach da — grau und rund und allein, in einer Weite, die so groß war, dass Noa das Gefühl hatte, endlich genug Platz zu haben für alle Gedanken, die er in sich trug.
Noa landete auf dem stillen Planeten.
Der Boden war grau und glatt, wie sehr alter Stein, der lange kein Wasser mehr gesehen hatte. Nicht sandig — fest. Noa trat drauf und er gab nicht nach.
Er stand.
Er wartete.
Im Weltall gab es keine Luft, und ohne Luft gab es keinen Lärm — das wusste er. Aber er hatte vergessen, wie es sich anfühlte. Oder er hatte es nie gewusst, weil man auf der Erde immer Luft hat und immer Lärm.
Es war nicht wie Stille auf der Erde. Auf der Erde war Stille das Fehlen von Lärm — man wartete, und dann kamen Geräusche zurück. Hier war es anders. Hier war Stille nicht das Fehlen von etwas. Hier war Stille das, was da war.
Noa öffnete den Mund.
Er wollte etwas sagen — Hallo, oder Ich bin hier, oder irgendetwas. Aber dann ließ er es. Das hier war kein Ort zum Reden. Das hier war ein Ort zum Hören.
Was hörte er?
Nichts.
Und nichts war — vollständig. Nichts war kein leerer Raum, in dem etwas fehlte. Nichts war das Vollständigsein von allem, was da war, ohne dass es Lärm sein musste.
Noa setzte sich hin.
Er legte die Hände in den Schoß.
Er spürte seinen eigenen Herzschlag. Das war das Einzige, was er hören konnte — nicht mit den Ohren, sondern in der Brust. Tick. Tick. Tick.
Das Universum schwieg. Noa schwieg. Und für eine Weile war das genug.
Noa dachte.
Nicht über Schule oder Hausaufgaben oder Emres Schlagzeug. Er dachte über das Denken nach. Was war das eigentlich — ein Gedanke? Er entstand im Gehirn, und Gehirne brauchten Energie, und Energie war Licht, und Licht bewegte sich mit dreihundert Millionen Metern pro Sekunde.
Noa dachte schnell.
Er lächelte. Das war albern. Er dachte nicht mit Lichtgeschwindigkeit. Er dachte langsam, wie alle Menschen langsam dachten. Aber die Energie im Gehirn war elektrisch, und Elektrizität war schnell, und irgendwie fühlte sich das gut an.
Er schaute in den Himmel über dem stillen Planeten.
Keine Atmosphäre, also keine Sterne, die flimmerten — sie standen fest, jeder Stern ein Punkt, klar und unbeweglich. Das Milchstraßenband war von hier aus breiter als von der Erde aus: ein Streifen aus Milliarden von Sonnen.
Noa zählte Sterne.
Nicht alle — das wäre unmöglich gewesen. Nur ein kleines Stück des Himmels. Er fing bei zehn an, kam zu zwanzig, hörte auf. Das reichte.
Er dachte: Jeder dieser Sterne ist vielleicht jemandes Sonne.
Das bedeutete: Jemand, irgendwo, lebte unter diesem Licht, das zu ihm gehörte, wie das Sonnenlicht zu Noa gehörte. Jemand schlief dort. Oder schaute gerade hoch und zählte Sterne.
Vielleicht zählte jemand gerade Noas Sonne.
Noa nickte dem Himmel zu.
Dann lehnte er sich zurück auf den grauen Stein und schloss die Augen.
Noa schlief auf dem stillen Planeten.
Nicht weil er müde gewesen war — na ja, doch, auch. Aber hauptsächlich weil die Stille einlud. Wenn es nirgendwo Lärm gab, hatte der Körper keinen Grund, wach zu bleiben. Wachsein war manchmal eine Reaktion auf Lärm — man hörte etwas, und blieb wach, um sicher zu sein. Wenn nichts zu hören war, war alles sicher.
Also schlief er.
Er träumte — aber nicht von Weltraum. Er träumte von zu Hause. Von der Küche am Morgen, wenn sein Vater Eier machte und das Öl in der Pfanne zischte. Von Emre, der Schlagzeug übte, und wie er manchmal einen Rhythmus spielte, der gut war, der wirklich gut war, und Noa durch die Wand hörte und dachte: das ist schön.
Lärm konnte schön sein. Manchmal.
Nur nicht immer.
Manchmal brauchte man den stillen Planeten. Nur um zu hören, was man dachte, wenn alles andere schwieg.
In seinem echten Bett im fünften Stock drehte sich Noa auf die Seite.
Emre schlief. Frau Adamek hatte die Nachrichten ausgemacht. Die Straße war ruhig. Selbst der Hund oben schwieg.
Für eine Stunde — vielleicht zwei — war die Wohnung so still, wie Noa sie mochte.
Und Noa schlief. Tief und weit weg, auf einem Planeten ohne Namen, mit einem Herzschlag als einzigem Laut, und ringsherum dem Schweigen des Universums, das warm war wie eine Decke.
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