
Bella und das Mondpferd
Es ist Vollmond und Bella kann nicht schlafen. Da erscheint auf der Gartenmauer ein weißes Pferd aus Mondlicht — und nimmt sie mit auf eine unvergessliche Reise durch den Nachthimmel.
Die Geschichte zum Lesen
Es war Vollmond, als Bella zum ersten Mal das Mondpferd sah.
Sie lag in ihrem Bett und starrte an die Decke. Das Mondlicht fiel durch das Fenster und warf helle, zitternde Rechtecke auf den Boden. Bella konnte nicht schlafen. Das passierte ihr manchmal an Vollmondnächten — der Mond schien zu hell, zu lebendig, als ob er etwas von ihr wollte.
Sie stand auf und trat ans Fenster.
Unten lag der Garten, silbern und still. Die Rosenhecken warfen lange Schatten. Der singende Baum ganz hinten stand ruhig da. Und auf der Gartenmauer — auf der schmalen, alten Mauer, die den Garten von der Außenwelt trennte — stand ein Pferd.
Es war weiß. Nein — nicht weiß wie ein gewöhnliches weißes Pferd. Es schimmerte. Als wäre es aus Mondlicht gemacht, nicht aus Fleisch und Blut. Die Mähne bewegte sich, obwohl kein Wind ging. Und die Augen — von oben konnte Bella es kaum sehen, aber die Augen leuchteten, ganz schwach, in einem hellen Silberton.
Das Pferd schaute zu ihr hoch.
Bella zog sich schnell Schuhe an, warf sich eine Decke um die Schultern und schlich leise die Treppe hinunter, durch den langen Korridor, durch die schwere Gartentür. Die Nacht war warm für so eine helle Nacht.
Das Pferd stand noch da, auf der Mauer. Es war viel größer als es von oben ausgesehen hatte. Sein Hals bog sich sanft, fast neugierig. Dann neigte es den Kopf — einmal, ganz kurz — und Bella wusste: Sie durfte aufsteigen.
Sie kletterte auf die Bank neben der Mauer, und von dort auf den Rücken des Pferdes. Es war kein Sattel, aber die Mähne war so dicht und weich, dass Bella sich gut festhalten konnte.
Das Pferd sprang.
Nicht wie normale Pferde springen — nach vorne, auf den Boden. Dieses Pferd sprang nach oben. Und der Garten versank unter ihr, und das Schloss wurde kleiner, und der Wald wurde zu einem dunklen Flecken, und die Welt öffnete sich in alle Richtungen.
Bella hielt sich fest und hörte auf zu denken.
Sie ritten durch die Nacht. Unter ihnen zogen Felder und Flüsse und Dörfer vorbei, winzig und still und golden von wenigen Lichtern. Über ihnen war ein Himmel voller Sterne — nicht wie von unten, wo man sie einzeln zählen konnte, sondern nah, sehr nah, in Schichten und Strömen aus Licht.
Das Mondpferd verlangsamte sich. Es schwebte auf einer Wolke, einer besonders dicken und flachen Wolke, die wie ein Floß in der Luft lag. Bella glitt von seinem Rücken.
Die Wolke war weicher als alles, was Bella kannte. Nicht nass, nicht kalt. Warm und fest, wie ein sehr gutes Kissen. Bella legte sich hin und schaute nach oben.
Dort war der Mond. Rund und voll und so nah, dass Bella das Gefühl hatte, sie könnte ihn berühren, wenn sie nur die Hand ausstreckte. Sie streckte die Hand aus. Natürlich kam sie nicht hin. Aber das Mondlicht fiel auf ihre Handfläche und war so sanft, dass sie es fast spüren konnte.
Das Mondpferd stand neben ihr und schaute in dieselbe Richtung.
Bella fragte: Wohin reitest du, wenn du nicht bei mir bist?
Das Pferd antwortete nicht in Worten. Aber Bella hatte das Gefühl, dass es überall war — jede Vollmondnacht, über jeden Ort, wo jemand nicht schlafen konnte und ans Fenster trat und nach oben schaute.
Du besuchst alle, die nicht schlafen können, dachte Bella. Nicht nur mich.
Das Pferd nickte. Einmal, langsam.
Bella lag noch eine Weile auf der Wolke. Der Mond zog langsam weiter. Die Sterne drehten sich so gemächlich, dass man es nur merkte, wenn man sehr lange hinschaute. Dann — ganz sanft — spürte Bella, wie Schlaf in sie hineinkroch. Nicht von einem Moment auf den anderen, sondern langsam, wie warmes Wasser.
Als sie aufwachte, lag sie in ihrem Bett.
Die Decke lag über ihr. Das Mondlicht fiel durch das Fenster. Und auf dem Fensterbrett — das war vielleicht eingebildet, vielleicht nicht — lag eine einzelne weiße Feder, die schimmerte, ganz schwach, wie Mondlicht.
Bella nahm sie auf und legte sie unter ihr Kopfkissen.
Dann schloss sie die Augen. Und diesmal schlief sie sofort ein.
Gute Nacht, Bella. Gute Nacht.
Mehr aus Märchen

Nora und das Lied ohne Ende

Nora und der sprechende Spiegel

Nora und der goldene Regenschirm

Nora und die Sternenmalerin
