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Nora und der goldene Regenschirm
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Nora und der goldene Regenschirm

11:17 Min4-8

An einem Regenabend findet Nora auf dem Balkon einen goldenen Regenschirm, der sie und Issa hoch in die Wolken trägt — zu einem alten Mann, der jeden Regentropfen persönlich verschickt.

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Die Geschichte zum Lesen

Es regnete an dem Abend, als Nora etwas entdeckte.

Nicht viel. Ein kleines Aufblitzen, dort in der Ecke des Balkons — zwischen dem Blumentopf mit der traurigen Pflanze und dem alten Stuhl, auf dem niemand mehr saß. Nora stand in der Tür und schaute hinaus. Regen. Grau. Die Straße glänzte wie ein Spiegel, und in diesem Spiegel bewegten sich die Lichter der Autos wie Fische in einem dunklen See. Und dann — Gold.

Ein Regenschirm. Ein goldener Regenschirm, mitten auf dem nassen Balkon.

Nora zog ihre Hausschuhe an und tappte hinaus. Der Regen war kühl auf ihrem Gesicht, und die Hauswand roch nach nassem Stein, so wie sie immer riecht, wenn es lange geregnet hat. Sie kniete sich hin und betrachtete den Schirm. Er war nicht groß — nicht größer als ein normaler Regenschirm — aber er hatte eine andere Farbe als normale Schirme, nicht das matte Gold von Schmuck, sondern das lebendige Gold eines Sonnenuntergangs kurz vor dem Verschwinden. Als hätte jemand die letzten Minuten Tageslicht in ein Objekt gepresst und gesagt: Hier, das ist für später.

Nora nahm ihn. Er war leichter als er aussah — fast so leicht wie nichts. Und als sie ihn aufmachte, hörte der Regen auf, sie nass zu machen.

Nicht weil es aufgehört hatte zu regnen.

Sondern weil sie sich langsam hob.

„Nora!" — das war Issa. Er stand in der Balkontür, Socken an, Mund offen. „Warum fliegst du?"

„Komm mit," sagte Nora.

Issa brauchte keine zwei Sekunden. Er lief los, griff nach Noras Jacke, und zusammen stiegen sie auf — über die Regenrinne, über das Dach, über die nassen Straßenlaternen, die wie kleine gelbe Monde aussahen. Der Regen fiel um sie herum, aber nicht auf sie — der goldene Schirm schützte sie mit einem unsichtbaren Dach, das größer war als er selbst.

Baby Adam schlief drinnen in seinem Gitterbett. Er war noch zu klein für Wolken. Aber das bedeutete nicht, dass die Wolken nichts mit ihm zu tun hatten. Das wussten Nora und Issa noch nicht. Noch nicht.

Oben war die Welt anders.

Die Wolken waren nicht grau, sondern silber und weich wie frisch gewaschene Schafwolle. Der Regen fiel von oben gesehen wie Millionen kleiner Silberfäden aus, die nach unten gesponnen wurden — jeder einzeln, jeder mit seiner eigenen kleinen Kurve im Wind. Nora hielt den goldenen Schirm fest, und der Schirm hielt sie fest, und Issa hielt Noras Jacke und schaute mit so weit aufgerissenen Augen nach unten, dass Nora lachen musste.

„Das ist unsere Straße," sagte Issa und zeigte. „Da ist das Fahrrad von Herrn Mehmet."

„Ich sehe es auch."

„Und da ist unsere Wohnung. Da brennt noch Licht."

Das stimmte. Hinter einem Fenster brannte warmes Licht — das Licht aus Adams Zimmer, das immer die ganze Nacht anlief, weil er sonst aufwachte und weinte. So klein er auch war, Adam hatte seine Regeln, und eine davon war: Licht.

Dann sahen sie ihn.

Einen alten Mann, der mitten in einer besonders großen Wolke saß — einer Wolke, die geformt war wie ein sehr bequemer Sessel mit breiten Armlehnen und einem hohen Rücken. Er hatte eine Gießkanne — eine sehr, sehr große Gießkanne, so groß wie ein Sessel selbst — und goss mit großer Sorgfalt Regen in bestimmte Richtungen. Links. Rechts. Schräg nach Süden. Er murmelte dabei vor sich hin, und sein Bart, der so weiß war wie die Wolken, bewegte sich im Wind.

„Entschuldigung," sagte Nora höflich. „Wer bist du?"

Der Mann schaute auf. Er hatte Augen, die so hellblau waren wie der Himmel an sehr klaren Tagen, und seine Hände, die die große Gießkanne hielten, waren ruhig und sicher, wie Hände von jemandem, der seinen Job seit sehr langer Zeit macht.

„Der Regenverteiler," sagte er, ohne aufzuhören zu gießen. „Jeder Regentropfen hat eine Adresse. Den da —" er zeigte auf einen Tropfen, der gerade fiel — „den schicke ich zum Apfelbaum in Dänemark. Der hatte eine sehr trockene Woche und seine Äpfel werden dieses Jahr kleiner als sonst. Und den da —" er zeigte auf einen anderen — „zur Pfütze vor der Schule in der Lindenstraße. Ihr wisst schon — die, über die alle drüberplatschen."

„Ich kenne diese Pfütze!" rief Issa. „Ich platsche immer drüber! Meistens mit Absicht."

„Ich weiß," sagte der Regenverteiler und zwinkerte.

Issa war einen Moment lang sprachlos. Dann fragte er: „Weißt du alles über alle Pfützen?"

„Nein. Nur über die guten."

Sie setzten sich zu ihm auf die Wolke — sie war erstaunlich fest, eher wie ein dichtes Kissen als wie das, was man sich unter Wolken vorstellt. Der Regenverteiler goss weiter und erzählte dabei. Er erzählte über den Regen, der auf Wüsten fällt und für einen Tag alles in Grün verwandelt. Über den Regen, der auf Seen fällt und kleine Ringe macht, die sich immer weiter ausbreiten bis ans Ufer. Über den Regen, der auf Dächer fällt und Kindern beim Einschlafen hilft, weil er ein Geräusch macht wie: ruh dich aus, ruh dich aus, ruh dich aus. Über den Regen, der auf Blätter fällt und dabei Töne macht, die zusammen eine Art Musik ergeben, die niemand aufschreiben kann.

„Und was passiert, wenn jemand den falschen Tropfen bekommt?", fragte Nora.

Der Regenverteiler überlegte. „Das passiert. Manchmal regnet es, wo es eigentlich nicht regnen sollte, und manchmal bleibt es trocken, wo Regen gebraucht worden wäre. Ich bin sehr sorgfältig, aber ich bin auch sehr alt, und manchmal — sehr selten — mache ich Fehler. Dann schicke ich am nächsten Tag eine Entschuldigung. In Form eines besonders schönen Regenbogens."

„Kann man einem Tropfen etwas mitgeben?", fragte Nora. „Einen Wunsch oder so?"

Der Regenverteiler legte die Gießkanne ab und schaute sie an. Lange. Dann sagte er: „Zeig mir, wie du es machst."

Nora nahm einen Tropfen — er lag auf ihrer Handfläche wie eine winzige Kugel aus Glas, kalt und klar. Sie hielt ihn vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger und dachte. Ganz klar. Ganz ruhig. Sie ließ alle anderen Gedanken gehen und dachte nur an eine Sache.

Sie dachte an Baby Adam. An sein Lachen, das sich anfühlte wie warme Milch. An die Art, wie er ihre Hand hielt, wenn sie ihm den Finger hinstreckte — ein Griff, der fester war als erwartet. An den Geruch seines Haares nach dem Bad. An sein Gesicht, wenn er schlief: vollständig entspannt, vollständig vertrauend, vollständig da.

Der Tropfen begann zu leuchten. Ganz schwach, ganz sanft — goldlich, wie der Schirm.

„Sehr schön," sagte der Regenverteiler leise. „Das ist einer der besten, die ich je gesehen habe."

Der Tropfen fiel.

Weit unten, in seinem Gitterbett, bewegte Adam sich. Er öffnete kurz die Augen — dunkel und warm und noch nicht ganz da, wie Augen von jemandem, der halb wacht und halb träumt — und schloss sie wieder. Und auf seinem Gesicht lag ein Lächeln, das Säuglinge manchmal haben, wenn sie träumen: ein vollständiges, rundes Lächeln, als würde die ganze Welt gerade genau das tun, was sie tun soll.

Issa machte es auch. Er dachte sehr konzentriert — man konnte sehen, wie konzentriert er war, weil er die Zunge rausstreckte. Er dachte an seinen Lieblingsfußball, der unter dem Bett lag. Sein Tropfen leuchtete ein bisschen weniger goldlich — mehr orange — und fiel ebenfalls.

Der Regenverteiler lächelte. „Gut gemacht, ihr beiden."

„Kommen wir wieder?", fragte Issa.

„Das liegt am Regen," sagte der Alte und nahm seine Gießkanne wieder auf. „Und am Schirm. Und an euch." Er goss weiter, ruhig und gleichmäßig, als hätte er tausend Jahre damit verbracht und würde noch tausend Jahre damit verbringen. Vielleicht stimmte das sogar.

Nora und Issa flogen zurück, als das Grau der Wolken heller wurde — nicht weil die Sonne aufging, es war noch lange nicht Morgen, sondern weil Abende manchmal heller werden, wenn man weiß, dass jemand an einen denkt.

Der goldene Schirm lag wieder auf dem Balkon. Nass. Ganz normal. Kein Gold mehr — nur ein Schirm, irgendein Schirm, den jemand vergessen hatte. Aber Nora wusste, dass das täuschte.

Sie schaute ihn lange an, während sie die nassen Schuhe auszog. Issa stand neben ihr und schaute auch.

„Nimmst du ihn morgen auch raus?", fragte er.

„Vielleicht," sagte Nora. „Wenn es wieder regnet."

Im Kinderzimmer schlief Adam tief und ruhig, die Hände zu kleinen Fäusten gerollt, die sich sanft öffneten und schlossen wie etwas, das atmet. Auf seiner Wange — ganz zart, kaum sichtbar — lag ein kleiner Schimmer. So als hätte jemand einen goldenen Regentropfen genau dorthin geschickt.

Vielleicht hatte jemand das getan.

Gute Nacht, Nora. Gute Nacht, Issa. Gute Nacht, Adam. Gute Nacht.

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