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Nora und die Sternenmalerin
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Nora und die Sternenmalerin

10:09 Min4-8

Nora fragt sich, wer die Sterne an den Himmel malt. Die Antwort findet sie auf einem sehr hohen Dach — bei einer sehr alten Malerin mit einem Pinsel aus Mondlicht.

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Die Geschichte zum Lesen

Nora hatte schon immer Fragen.

Nicht die Art von Fragen, auf die Erwachsene gerne antworten — „Warum ist der Himmel blau?" oder „Woher kommt der Regen?" — sondern die anderen. Die Fragen, wo Erwachsene kurz zögern und dann sagen: „Das ist eben so." Oder: „Darüber hat noch niemand nachgedacht." Oder: „Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht."

Eine dieser Fragen war: Wer malt die Sterne?

Nicht in dem kindlichen Sinne, der gemeint war — Nora wusste, was Sterne waren, Gasbälle in einem All, das größer war als man sich vorstellen kann. Aber wer entschied, wo genau jeder einzelne Stern stand? Wer sorgte dafür, dass sie jede Nacht wieder da waren, an denselben Stellen? Wer hatte diesen einen hellen Stern rechts vom Mond so positioniert, dass er genau dann sichtbar wurde, wenn man ihn am meisten brauchte — in den Nächten, wo man am Fenster saß und nicht schlafen konnte?

An dem Abend, als sie und Issa auf dem Dach des Nachbarhauses ein Leuchten sahen, bekamen sie ihre Antwort.

Sie hatten das Leuchten durch das Küchenfenster bemerkt — ein orange-goldenes Flackern, nicht wie eine Lampe, sondern wie ein Pinsel, der Farbe auf eine unsichtbare Leinwand trägt und dabei ein bisschen Licht spillt. Issa hatte auf den Küchenstuhl geklettert, um besser sehen zu können, und Nora hatte hinter ihm gestanden. Das Leuchten kam vom Dach des Nachbargebäudes. Klar und deutlich — für sie.

„Das ist auf dem Dach," hatte Issa gesagt.

„Ich sehe es."

„Sollen wir—?"

„Ja."

Wie sie auf das Dach des Nachbarhauses kamen, war schwer zu erklären. Es gab eine Treppe im Treppenhaus, die eigentlich mit einer Tür ohne Knauf endete — eine Tür, die nie offen war. An diesem Abend war sie offen. Nora hatte nicht lange nachgedacht. Issa noch weniger.

Die Sternenmalerin war klein. Kleiner als man erwarten würde für jemanden, der einen Job von kosmischem Ausmaß hatte. Sie trug eine Schürze voller Farbe — aber die Farbe war nicht bunt wie normale Malerfarbe, sie leuchtete aus sich selbst heraus: weiß-blau an einigen Stellen, silber an anderen, manchmal ein warmes Gelbgold, das sich bewegte. Ihr Pinsel war lang, länger als ihr Arm, und schien aus gefrorenem Mondlicht gemacht: er ließ eine leichte Spur im Dunkeln, auch wenn man ihn nicht benutzte.

Sie malte in die Luft. Und wo sie malte, blieb das Licht stehen.

„Ich frage mich das auch manchmal," sagte die Sternenmalerin, ohne aufzuhören zu malen. „Ob jemand kommt. Selten kommen Leute rauf."

„Wir haben dein Leuchten gesehen," sagte Nora.

„Das freut mich. Das Leuchten ist für die, die suchen. Die meisten sehen es nicht, weil sie nicht nach oben schauen. Man muss wissen, wo man hinschauen soll."

Sie ließ die Kinder zusehen. Sie malte einen neuen Punkt — ein zögerndes, kleines Licht, das aussah wie ein Punkt am Ende eines guten Satzes. Dann noch einen, weiter weg. Dann korrigierte sie etwas: ein älterer Stern, der ein bisschen in die falsche Richtung gedriftet war, bekam einen sanften Pinselstoß zurück an seine richtige Stelle.

„Nicht alle Sterne werden frisch gemalt," erklärte die Sternenmalerin. „Die meisten sind uralt — die Sternenmalerein vor mir und vor ihr und vor ihr haben sie gemalt, vor so langer Zeit, dass die Zahlen keinen Sinn mehr ergeben. Mein Job ist Pflege. Pflege und manchmal — sehr selten — etwas Neues."

„Hast du heute etwas Neues gemalt?", fragte Issa.

„Ja." Sie zeigte. Ein kleiner Stern, frisch, der noch ein bisschen intensiver leuchtete als die anderen — so wie Farbe auf einem Bild, die noch feucht ist und nicht ganz trocken.

„Wem gehört er?", fragte Nora.

„Er gehört niemandem allein. Ein neuer Stern wird gesetzt, wenn jemand auf der Erde etwas getan hat, das das Herz wärmer macht — nicht das große Herz der Welt, das kleine Herz von jemandem. Etwas Kleines. Meistens sehr Kleines. Heute war es ein Mädchen, das ihrem kleinen Bruder das Nachtlicht anlässt, auch wenn sie selbst lieber im Dunkeln schläft."

Nora sagte nichts.

Aber sie wusste, dass sie das manchmal tat. Fast jede Nacht. Für Adam. Weil er ohne Licht aufwachte.

Issa schaute seine Schwester an. Dann wieder zum Stern.

„Warum leuchtete ich nicht auch einen Stern?", fragte Issa. „Was habe ich getan?"

Die Sternenmalerin überlegte. Dann: „Du hast heute deiner Schwester den letzten Keks gegeben."

Issa runzelte die Stirn. „Den wollte ich selbst."

„Ich weiß. Deshalb zählt es."

Sie zeigte Nora den Pinsel und hielt ihn hin. „Probier."

Nora hielt ihn mit beiden Händen. Er war warm — wärmer als erwartet — und leichter als der leichteste Stift, den sie je gehalten hatte. Fast wie nichts. Als wäre der Pinsel hauptsächlich aus Absicht. Sie machte einen kleinen Strich in die Luft. Ein schwaches Leuchten blieb zurück — nicht so klar wie die echten Sterne, mehr wie ein Vorschlag, wie ein erster Versuch.

„Nicht schlecht," sagte die Sternenmalerin.

„Es ist sehr klein," sagte Nora.

„Alle Sterne fangen klein an. Manche bleiben klein. Kleine Sterne sind nicht weniger als große. Sie sind nur kleiner. Das ist alles."

Sie verbrachten noch lange auf dem Dach. Die Sternenmalerin erzählte Geschichten von anderen Sternen — wer sie gesetzt hatte und wofür. Manche Geschichten waren sehr alt und kamen aus Ländern, die Nora nicht kannte. Manche waren neu, aus dieser Stadt, aus dieser Zeit. Alle handelten von jemandem, der etwas Kleines getan hatte, das jemand anderem gut getan hatte.

Sie erzählte von einem Mädchen, das jeden Morgen den Brief ihres Großvaters zur Post gebracht hatte, ohne dass er sie gebeten hatte — weil sie gesehen hatte, dass er sich schwer tat, die Treppe hinunterzugehen. Für dieses Mädchen hatte die Sternenmalerin einen Stern gesetzt, der immer dann ein bisschen heller leuchtete, wenn jemand etwas tat, ohne dass der andere es wusste.

Sie erzählte von einem Stern für einen Jungen, der seinem weinenden Bruder den einzigen Spielzeugauto gegeben hatte — nicht weil man es von ihm erwartet hatte, sondern weil er kurz überlegt und dann entschieden hatte: der Bruder braucht ihn jetzt mehr. Das Überlegen war wichtig. Wer nicht überlegt und trotzdem das Richtige tut, tut es vielleicht aus Gewohnheit. Wer überlegt und es trotzdem tut — der wählt.

„Wie viele Sterne gibt es insgesamt?", fragte Issa. Er schaute nach oben, wo der Himmel über der Stadt die verwaschene dunkelblau-orange Farbe hatte, die er immer hat, wenn die Lichter der Stadt in die Nacht steigen.

„Mehr als man zählen kann," sagte die Sternenmalerin. „Und jeden Tag werden es ein paar mehr. Die Welt ist voller kleiner Momente. Ich komme manchmal kaum nach."

„Klingt nach viel Arbeit," sagte Issa.

„Es ist die Arbeit, die ich am meisten mag," sagte sie einfach. „Weil ich dabei sehe, wie gut Menschen sein können. Nicht immer. Nicht alle. Aber oft genug, dass es sich lohnt, jeden Abend den Pinsel in die Hand zu nehmen."

Als sie hinunterstiegen, roch die Nacht anders — voller, als hätte jemand frische Farbe in die Luft getragen.

In Adams Zimmer brannte das Nachtlicht. Er schlief mit dem Bauch nach oben, die Arme ausgebreitet wie jemand, der in einem sehr angenehmen Traum fliegt. Nora beugte sich über ihn.

Er sah sie an — oder schlief er noch? Es war schwer zu sagen, bei Adam war manchmal der Grenze zwischen Wach und Schlaf nicht klar. Und er lächelte.

Das runde, vollständige Lächeln.

Nora schaute durch sein Fenster. Der neue Stern war sichtbar — klein, ein bisschen rechts vom großen Bären. Frisch.

Für Adam. Für sie. Für Issa. Für den letzten Keks.

Gute Nacht, Nora. Gute Nacht, Issa. Leuchte weiter, kleiner Stern. Gute Nacht.

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