
Nora und das Lied ohne Ende
Noras Oma hatte eine Spieluhr, die ein Lied spielt, das nie ganz endet. Als Nora sie aufzieht, hört sie die Stimme ihrer Oma — und versteht, dass manche Lieder weiter klingen, auch wenn man aufgehört hat zuzuhören.
Die Geschichte zum Lesen
Noras Oma hatte eine Spieluhr.
Nora kannte sie seit immer. Seit dem ersten Zimmer, an das sie sich erinnern konnte, stand sie auf dem Regal — zuerst in Omas Wohnung, dann nach allem bei Nora. Manche Dinge wandern, wenn jemand geht. Nicht alle. Nur die, die wirklich gebraucht werden.
Sie stand auf dem Regal in Noras Zimmer, dort, wo Nora sie hingestellt hatte, an dem Tag, als Oma nicht mehr da war. Eine kleine hölzerne Dose, dunkelbraun, mit einem Deckel, auf dem Rosen eingeschnitzt waren — nicht hübsch-stilisierte Rosen, die man auf Postkarten findet, sondern echte, ungleichmäßige Rosen, mit Dornen und Blättern, die verschiedene Größen hatten, als hätte jemand sie wirklich gesehen und dann versucht, sie genau so zu schnitzen wie sie waren.
Die Spieluhr spielte, wenn man den Deckel aufmachte. Sie spielte ein Lied.
Aber sie spielte ein Lied, das nie ganz endete.
Das war das Merkwürdige. Alle Spieluhren spielen ein Lied und hören auf — oder sie beginnen von vorne, an derselben Stelle, eine Schleife. Diese hier spielte anders: Sie spielte das Lied und hörte auf, aber dann begann sie wieder, und zwar an einem anderen Punkt im Lied. Als würde das Lied eine Spirale haben statt einer Schleife. Als würde es sich jedes Mal ein bisschen weiterentwickeln, bevor es zurückkam.
Nora hatte das immer so hingenommen. Es war Omas Spieluhr, und Oma war manchmal merkwürdig gewesen, auf eine Art, die schön war und die Nora sehr vermisste.
An dem Abend — einem Abend, an dem jemand auf der Straße so gerochen hatte wie Omas Küche, Kardamom und warme Milch und ein bisschen Rosenwasser — zog sie die Spieluhr auf. Weiter als sonst. Bis zum Anschlag, bis der Schlüssel nicht mehr weiterging.
Das Lied begann.
Es war das Lied, das sie kannte. Das Lied, das sie so oft gehört hatte, dass sie es ohne es zu merken auswendig kannte — die Melodie war irgendwann Teil von ihr geworden, so wie das Muster einer vertrauten Tapete Teil eines Zimmers wird.
Und dann — leise, fast nicht hörbar, als käme es von sehr weit weg oder von sehr tief innen — eine Stimme.
Noras Oma summte das Lied.
Nicht aufgenommen. Nicht wie eine Aufnahme, die man abspielen kann. Lebendiger als das — so wie ein Mensch summt, der gerade an etwas anderes denkt und das Summen beiläufig passiert. Als wäre Oma irgendwo, wo sie summte, und das Lied der Spieluhr öffnete eine Verbindung.
Nora hörte zu. Sie atmete sehr flach.
Die Stimme summte weiter. Dann hörte sie auf zu summen und begann zu sprechen — leise, mit der Direktheit, die Oma immer hatte, wenn sie etwas Wichtiges sagte: ohne Umschweife, ohne zu zögern, weil wichtige Dinge keine Zeit zum Zögern lassen.
„Ich bin in Ordnung," sagte die Stimme.
Nora schluckte.
„Und ihr seid in Ordnung. Auch wenn es manchmal nicht so fühlt. Das ist das Merkwürdige mit Ordnung: Man muss sie nicht fühlen, damit sie da ist. Sie ist manchmal einfach da — unter allem anderen, wie der Boden unter dem Boden."
Issa stand in der Tür. Er hatte das Lied gehört — die Spieluhr, und dann etwas, das mehr war als die Spieluhr — und war gekommen. Er setzte sich auf Noras Boden, den Rücken an ihr Bett gelehnt, und hörte zu.
„Issa hat Omas Nasenfalte," sagte die Stimme. „Ihr seht das nicht, weil man das nicht sieht, wenn man jemanden kennt — man sieht ihn als sich selbst, nicht als Zusammensetzung von anderen. Aber ich sehe es. Diese kleine Falte auf der Nasenspitze, wenn er lacht."
Issa berührte seine Nasenspitze.
„Und Adam hat Omas Hände. Kleine runde Hände, die Finger kurz und bestimmt. Die machen großartige Dinge, solche Hände. Die bauen und halten und zeigen. Ihr werdet sehen."
Eine Pause. Dann, leiser: „Nora, du fragst dich manchmal, ob ich noch da bin. Das merke ich. Du fragst es nicht laut, aber Fragen müssen nicht laut sein, um gehört zu werden."
Nora hörte auf zu atmen.
„Ich bin irgendwo. Nicht wie hier — nicht mit Händen und Stimme und dem Geruch von Kardamom. Aber irgendwo." Eine weitere Pause. Ruhig. „Das ist das Einzige, was ich dir sagen kann, weil es das Einzige ist, was ich weiß."
„Ist es gut?", fragte Nora.
„Ja."
Mehr nicht. Nur das eine Wort, ruhig und vollständig, wie eine Tür, die sanft zufällt.
Issa wischte sich die Nase ab. Nora schaute weg, um ihm Zeit zu lassen.
Die Stimme sang. Ein Lied, das Nora nicht kannte — in einer Sprache, die sie nicht vollständig verstand, aber deren Rhythmus ihr vertraut war. Oma hatte dieses Lied immer gesungen, wenn sie dachte, niemand hörte zu. In der Küche, an langen Abenden, wenn Nora schon halb schlief aber doch noch wach war. Ein langes, rundes Lied, das auf- und abging wie sanfte Hügel, kein Anfang und kein Ende, nur Mitte.
Das Lied endete. Oder hörte auf — ob es endete, war schwer zu sagen. Es wurde leiser und leiser, bis es in der Stille des Zimmers war und die Stille nicht störte.
Die Spieluhr war still.
Issa schlief, den Kopf auf dem Arm. Er war einfach eingeschlafen, während er zugehört hatte, wie ein Kind einschläft, das sich sicher genug fühlt, um loszulassen. Sein Atem war gleichmäßig und tief und klang so selbstverständlich wie der Regen auf dem Dach. Nora betrachtete ihn einen Moment. Issa mit seiner Nasenfalte. Issa, der immer zu laut war und manchmal zu viel und der den letzten Keks geteilt hatte, ohne dass man es ihm gesagt hatte.
Sie liebte ihn sehr. Das dachte sie eher selten, weil es so selbstverständlich war, dass es keine Gedanken brauchte. Aber manchmal — wie jetzt — kam der Gedanke doch.
Nora deckte ihn zu.
Dann ging sie zu Adams Zimmer. Er schlief, die kleinen runden Hände zu Fäusten gerollt, dann wieder geöffnet, dann wieder gerollt. Nora betrachtete die Hände.
Omas Hände.
Das hatte sie nicht gewusst. Jetzt wusste sie es.
Sie summte Adams das Lied — nicht alle Töne, nicht genau, aber nah genug. Das Lied, das Oma gesungen hatte, das Lied, das die Spieluhr spielte, das Lied ohne Ende. Adam seufzte im Schlaf. Tief, rund, vollständig.
Das Lied hatte kein Ende. Es ging weiter — durch Nora jetzt, und irgendwann durch Adam, und irgendwann durch jemanden, den sie noch nicht kannte.
Das ist, wie Dinge leben. Nicht in Schachteln. Nicht aufbewahrt. Sondern weitergegeben, von Stimme zu Stimme, von Mund zu Mund.
Nora dachte an alle Geschichten, die Oma ihr erzählt hatte. Nicht die Märchen — die großen, offiziellen. Sondern die kleinen, die zwischen anderen Dingen kamen: auf dem Weg in die Stadt, beim Schälen von Kartoffeln, an einem Nachmittag ohne besonderen Anlass. Geschichten über Orte, die es nicht mehr gab, über Menschen, die vor Noras Zeit waren. Geschichten, die Nora damals nicht vollständig verstanden hatte — zu jung. Aber sie waren irgendwo geblieben. Jetzt kamen sie zurück, und Nora verstand mehr davon als sie gedacht hatte.
Vielleicht ist das auch eine Art Spieluhr: ein Mensch, der Dinge sagt, die das Kind noch nicht ganz versteht — und das Kind trägt sie trotzdem, und irgendwann entrollt sich der Sinn.
Nora summte noch einmal, leise, während sie Adams Tür anlehnte. Das Lied lebte in ihr jetzt. Sie hatte es nicht gelernt. Sie hatte es aufgefangen, so wie man etwas auffängt, das jemand anderes loslässt — und merkt, dass es einem passt.
Gute Nacht, Nora. Gute Nacht, Issa. Das Lied klingt weiter. Gute Nacht, Adam. Gute Nacht.
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