
Bella und das Sternenkleid
In einer alten Truhe findet Bella ein Kleid, das im Dunkeln leuchtet — jeder Funke darauf ist ein echter Stern. Und wer das Kleid trägt, kann von den Sternen hören, was sie erzählen möchten.
Die Geschichte zum Lesen
Im Dachboden des Schlosses gab es eine Truhe aus dunklem Holz.
Bella kannte sie. Sie stand in einer Ecke unter einem schiefen Dachbalken, bedeckt von einer alten Decke, die nach Staub und Lavendel roch. Die Truhe war immer verschlossen gewesen — ohne Schlüssel, soweit Bella wusste, ohne Schloss, ohne Erklärung. Einfach geschlossen, und niemand hatte es je erwähnt.
Bis zu dem Tag, als Bella auf der Suche nach einem alten Spielzeug auf den Dachboden stieg und bemerkte, dass die Truhe offen war. Nur einen Spalt — die Klappe leicht angehoben, ein schmaler Streifen Schatten dazwischen.
Bella öffnete sie ganz.
Innen — unter Lagen von Seidenpapier, das beim Anfassen auseinanderfiel — lag ein Kleid. Es war dunkelblau, so dunkel wie der Himmel kurz nach Sonnenuntergang, wenn das Letzte vom Abendlicht noch da ist, aber die Nacht schon anfängt. Und über das Blau waren, in unregelmäßigen Abständen, kleine Lichtpunkte verteilt. Winzige, winzige Funken, die nicht leuchteten — oder doch? In der Dunkel des Dachbodens, nur durch die kleine Dachluke beleuchtet, schimmerten sie.
Bella nahm das Kleid heraus. Es war leichter als erwartet, so leicht, dass sie es kaum spürte in den Händen.
Sie zog es an.
Im selben Moment begann es zu leuchten. Nicht hell, nicht blendend — aber die kleinen Funken auf dem Stoff wurden zu kleinen Lichtern, wie Sterne, die man in einem Planetarium sieht, wenn das Licht ausgeht. Und dann merkte Bella etwas: Die Lichter bewegten sich. Nicht schnell, fast unmerklich — aber sie bewegten sich. Genauso wie sich die Sterne bewegen, wenn man die ganze Nacht hinaufschaut.
Das waren echte Sterne. Auf dem Kleid.
Bella stieg die Treppe vom Dachboden hinunter, durch das Schloss, in den Garten. Es war Abend. Der Himmel war gerade dunkel genug, dass die ersten Sterne erschienen. Bella schaute nach oben.
Und dann hörte sie es.
Kein lautes Sprechen, keine Stimmen. Eher wie ein Raunen. Wie wenn man ein Ohr an die Wand legt und hört, was auf der anderen Seite gesagt wird — zu leise, um alles zu verstehen, aber deutlich genug, um zu wissen, dass gesprochen wird.
Die Sterne sprachen miteinander.
Bella stand ganz still und lauschte.
Was sie hörte, war kein Gespräch wie zwischen Menschen. Es war mehr wie... das Denken. Als ob die Sterne Dinge erinnerten und diese Erinnerungen in die Welt abstrahlten, zusammen mit dem Licht. Alte Dinge. Welten, die Bella sich nicht vorstellen konnte. Zeiten, für die es keine Wörter gab. Und dazwischen — manchmal, ganz kurz — etwas Vertrautes. Ein Lachen. Eine Melodie. Das Geräusch von Regen.
Ein Stern leuchtete auf dem Kleid stärker als die anderen. Bella schaute ihn an.
Das Raunen veränderte sich, wenn sie ihn anschaute — wurde deutlicher, lauter, als ob dieser eine Stern ihr etwas Bestimmtes sagen wollte. Bella lauschte mit aller Kraft.
Das Wort, das sie heraushörte, war: Du.
Nur das. Nicht mehr. Aber auf eine Art, die nicht einsam klang, sondern wie eine Begrüßung. Wie wenn jemand, den man lange nicht gesehen hat, einen erspäht und winkt.
Bella winkte dem Stern zurück.
Sie blieb im Garten, bis die Nacht vollständig da war und der Himmel voller Sterne — und das Kleid mit ihr, alle Lichter leuchtend, ganz langsam sich bewegend. Sie setzte sich ins Gras und lehnte sich zurück und schaute einfach.
Irgendwann — sie wusste nicht wann — wurden die Stimmen der Sterne leiser. Und dann waren sie nur noch ein Rauschen, wie Wind. Und dann nur noch Stille.
Das Kleid leuchtete noch, als Bella aufstand. Noch, als sie die Treppe hinaufging. Noch, als sie sich ins Bett legte, das Kleid als einzige Decke über sich.
Die Lichter des Kleides leuchteten so sanft, dass Bella sich vorstellte, sie läge unter dem echten Himmel, in einer Wiese, irgendwo, wo keine Mauern waren.
Gute Nacht, Sterne. Gute Nacht, Bella.
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