
Bella und das verschlossene Gartentor
Am Ende des Gartens gibt es ein kleines Tor, das immer verschlossen war. Eines Tages findet Bella den Schlüssel — und entdeckt dahinter einen Garten, den niemand seit langer Zeit betreten hat.
Die Geschichte zum Lesen
Am Ende von Bellas Garten gab es ein Tor.
Es war klein — kleiner als die großen Tore des Schlosses, kleiner sogar als die Pforte, durch die Bella in den Wald ging. Ein altes Eisentor, bemoost und rostig, eingebettet in die hohe Mauer, die den Garten umgab. Bella hatte es immer gesehen, aber es war immer verschlossen gewesen. Kein Schlüssel, den sie kannte, passte in das Schloss.
Bis zu dem Tag, an dem sie beim Graben im Kräuterbeet einen Schlüssel fand.
Er war so tief im Boden, dass Bella ihn erst gar nicht bemerkte. Ihr kleines Schaufelchen stieß gegen etwas Hartes — und da war er. Lang, aus grünlichem Messing, mit einem runden Kopf und kunstvollen Zacken. Er war schwer für seine Größe. Und er passte ins Schloss des kleinen Tores.
Das Tor öffnete sich mit einem langen, tiefen Knarren.
Auf der anderen Seite war ein Garten.
Kein wilder Wald, kein leeres Feld — ein richtiger Garten. Aber ein Garten, der lange allein gewesen war. Die Wege waren zugewachsen, kaum noch zu erkennen. Die Beete hatten ihre Grenzen verloren. Die Büsche waren größer als Büsche sein sollten. Aber überall wuchs etwas: Rosen, die niemand beschnitten hatte und die deshalb so groß wie Bäume waren. Lavendel, so hoch wie Bellas Knie. Und ein Brunnen in der Mitte, dessen Rand mit weißem Moos überwachsen war.
Bella trat ein.
Es war still. Eine andere Art von Stille als die Stille des Waldes — ruhiger, schwerer, wie die Stille in einem Zimmer, in dem lange niemand gesprochen hat. Aber keine unfreundliche Stille. Eher eine wartende.
Sie ging den kaum noch sichtbaren Weg entlang zum Brunnen. Das Wasser im Brunnen war klar und dunkel zugleich, so klar, dass man den Grund sehen konnte, und trotzdem so tief, dass der Grund weit unten lag.
Neben dem Brunnen stand eine Bank. Auf der Bank war eine Inschrift, in das Holz geritzt, schon halb verwittert, aber noch lesbar: Hier sitzt, wer Zeit hat.
Bella setzte sich.
Sie hatte Zeit. Niemand wusste, wo sie war. Der Garten war still. Über ihr bewegten die Bäume ihre Wipfel, und das Licht fiel in Flecken durch das Blätterdach.
Dann hörte Bella ein Geräusch.
Zuerst dachte sie, es wäre ein Tier. Aber es war kein Tier. Es war ein Lachen — leise, wie von sehr weit weg. Und dann, näher, das Knirschen von Kies unter Schuhen. Bella drehte sich um.
Aber da war niemand.
Bella wartete. Das Lachen kam wieder — und diesmal verstand sie, dass es nicht aus diesem Garten kam. Es kam aus dem Brunnen. Ganz tief aus dem Brunnen — ein Echo von etwas, das einmal war.
Bella beugte sich über den Rand und schaute hinein.
Im Wasser spiegelte sich der Himmel. Und in dem Himmel, der sich im Wasser spiegelte, sah Bella — für einen Moment, nur einen Augenblick — Kinder. Ein Mädchen in einem blauen Kleid. Ein Junge mit kurzen Haaren und Sommersprossen. Sie liefen zwischen den Rosenbüschen, die damals noch kleiner waren. Sie lachten.
Dann war das Bild weg.
Bella richtete sich auf. Das Wasser im Brunnen war wieder still und klar und dunkel.
Wer habt ihr hier gespielt?, flüsterte sie.
Keine Antwort. Nur das leise Rauschen der Blätter.
Aber Bella hatte das Gefühl — ein warmes, sicheres Gefühl — dass der Garten froh war, dass jemand da war. Dass er gewartet hatte, aber nicht traurig gewesen war. Nur geduldig.
Sie blieb noch lange. Sie räumte einen Teil des Weges frei, indem sie das hohe Gras ein bisschen zur Seite drückte. Sie riss vorsichtig — sehr vorsichtig — ein paar Dornenranken von der Bank. Sie sprach mit den Rosen, auch wenn das ein bisschen seltsam war, und sagte ihnen, dass sie schön seien, was stimmte.
Bevor sie ging, steckte Bella den Schlüssel in ihre Tasche.
Ich komme morgen wieder, sagte sie. Und übermorgen. Und danach auch.
Das Tor knarrte hinter ihr zu. Aber diesmal klang das Knarren nicht wie Schließen — es klang eher wie: Bis morgen.
Gute Nacht, Bella. Gute Nacht.
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