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Bella und der Kristallsee
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Bella und der Kristallsee

10 Min4–6 Jahre

Mitten im Wald liegt ein See, den keine Karte verzeichnet. Sein Wasser ist so klar wie Glas — und wer hineinschaut, sieht nicht sein eigenes Spiegelbild, sondern die schönste Version seiner selbst.

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Die Geschichte zum Lesen

Tief im Wald, auf keiner Karte verzeichnet, lag ein See.

Bella fand ihn auf einem langen Spaziergang, als sie einen Pfad nahm, den sie noch nicht kannte, und der Pfad immer schmaler wurde, bis er kein Pfad mehr war, sondern nur noch Moos und Baumwurzeln und schließlich, ganz unerwartet: Wasser.

Sie trat zwischen den Bäumen heraus und stand am Ufer.

Der See war nicht sehr groß. Er hätte in Bellas Schlosshof gepasst, vielleicht sogar zweimal. Aber er war anders als alle anderen Seen, die Bella kannte. Das Wasser war vollkommen klar — so klar, dass man bis auf den Grund sehen konnte, obwohl der Grund viele Meter tief sein musste. Keine Algen, keine Trübung, kein Schmutz. Und das Wasser hatte eine Farbe, die Bella nicht benennen konnte: Nicht Blau und nicht Grün, sondern etwas dazwischen, das im Sonnenlicht schimmerte wie Kristall.

Bella kniete am Ufer und schaute hinein.

Sie wartete, ihr eigenes Spiegelbild zu sehen. Es kam — aber es war nicht ihr Spiegelbild, so wie sie es kannte. Das Mädchen im Wasser war Bella, eindeutig Bella, mit den gleichen geflochtenen Haaren und dem gleichen blauen Kleid. Aber irgendetwas war anders. Das Mädchen im Wasser schaute gerade aus, die Schultern zurück, die Augen ruhig und warm. Es lächelte — nicht das Lächeln, das man lächelt, wenn jemand sagt „Lächel mal", sondern ein echtes Lächeln, das von innen kam.

Das bin ich, dachte Bella. Aber warum sehe ich nicht so aus?

Sie blieb lange am Ufer sitzen und schaute in das Wasser. Das Mädchen im Wasser schaute zurück. Manchmal machte Bella eine Bewegung — hob die Hand, neigte den Kopf — und das Spiegelbild tat dasselbe. Aber immer war da dieser kleine Unterschied: das Mädchen im Wasser wirkte ein bisschen ruhiger, ein bisschen selbstsicherer, ein bisschen... zuhause in sich selbst.

Bella streckte die Hand aus und tauchte die Fingerspitzen ins Wasser.

Es war kühl und weich, und das Spiegelbild wellte sich einen Moment lang — Bellas Gesicht, vervielfacht und in Bewegung — und dann, als das Wasser wieder still wurde, war das Mädchen im Wasser immer noch da, immer noch dasselbe.

Eine Fischotter tauchte am anderen Ufer auf — klein, dunkel, mit nassen Whisker. Sie schaute Bella kurz an, dann tauchte sie wieder unter und kam zwanzig Schritte weiter wieder hoch.

Bella lachte. Laut, ohne es zu wollen.

Das Mädchen im Wasser lachte auch.

Und dann — zum ersten Mal, in diesem Lachen — sah Bella, dass das Spiegelbild sie war. Wirklich sie. Nicht eine bessere Version, nicht eine imaginäre Version — sondern Bella, wie sie war, wenn sie ehrlich war, wenn sie nicht daran dachte, wie sie wirkte. Bella, die lachte, weil eine Fischotter lustig war.

Sie saß lange am See. Die Fischotter tauchte noch ein paar Mal auf. Die Sonne wanderte. Das Wasser blieb klar und still und kühler.

Als Bella aufstand, um nach Hause zu gehen, schaute sie noch einmal in den See.

Das Mädchen im Wasser schaute zurück. Und diesmal sah Bella es sofort: Das war kein fremdes, besseres Mädchen. Das war sie. Einfach sie.

Sie winkte.

Das Mädchen im Wasser winkte zurück.

Auf dem Weg nach Hause durch den Wald dachte Bella an nichts Besonderes. Sie schaute auf die Bäume und auf den Boden und auf einen Schmetterling, der kurz neben ihr herflog. Sie pfiff eine Melodie, die sie sich ausdachte. Sie trat auf ein besonders knisterndes Blatt, nur wegen des Geräusches.

Sie fühlte sich gut. Nicht besonders, nicht anders. Nur gut.

Gute Nacht, Bella. Gute Nacht.

· 10 Min Min. Audio

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