
Bella und der leuchtende Wald
Einmal im Jahr, in der längsten Nacht des Jahres, leuchtet der Wald hinter dem Schloss von innen. Bella bleibt wach, um es zu sehen — und findet heraus, dass der Wald auf sie gewartet hat.
Die Geschichte zum Lesen
Einmal im Jahr leuchtete der Wald.
Bella wusste das von der alten Schlossgärtnerin, die es von ihrer Großmutter wusste, die es von deren Großmutter wusste. In der längsten Nacht des Jahres — der Nacht, in der die Dunkelheit am längsten dauerte — leuchteten die Bäume von innen. Ein weiches, warmes Licht, das keine Erklärung hatte. Man konnte es nur sehen, wenn man wach war, wenn man in den Wald schaute und wenn man keine Angst hatte.
Bella blieb wach.
Sie saß auf ihrem Fensterbrett, die Knie an die Brust gezogen, eine Decke um die Schultern. Draußen war es dunkel — sehr dunkel, dunkler als normale Nächte. Der Mond war heute nicht da, und die Wolken verdeckten die Sterne. Nur die Silhouetten der Bäume waren zu erkennen, schwarz gegen ein etwas weniger schwarzes Nichts.
Bella wartete.
Dann — so langsam, dass sie sich zuerst fragte, ob sie es einbildete — begann es.
Ein erstes Leuchten, ganz am Rande des Waldes. Nicht hell, nicht plötzlich — wie eine Kerze, die jemand hinter dickem Papier anzündet. Ein weiches Aufglühen, warm und golden. Dann, ein paar Bäume weiter, ein weiteres. Dann noch eines. Und noch eines.
Bis der ganze Wald leuchtete.
Bella atmete nicht.
Der Wald leuchtete von innen, genau wie die Gärtnerin es beschrieben hatte. Jeder Baum hatte ein eigenes Licht — manche warm und goldgelb, manche kühler und bläulicher, manche fast weiß. Die Lichter pulsierten ganz leise, kaum zu sehen, aber da — auf und ab, auf und ab, wie Atem.
Bella stand auf, noch bevor sie entschieden hatte, es zu tun.
Sie zog sich an — schnell, Schuhe, Mantel — und schlich die Treppe hinunter, durch den Garten, durch die Pforte. Die Nacht war kalt, aber der Wald warf ein Leuchten auf den Weg, das ihr zeigte, wohin sie gehen musste.
Am Waldrand blieb sie stehen.
Die Bäume sahen in diesem Licht anders aus als am Tag. Größer. Ehrwürdiger. Jeder Stamm, jeder Ast zeichnete sich klar gegen das Leuchten ab — und das Leuchten selbst war so verteilt, so gleichmäßig, so überall, dass es kein Zentrum hatte. Der ganze Wald war das Zentrum.
Bella trat ein.
Der Boden unter ihren Füßen war weich und still. Kein Knacken, kein Rascheln. Als ob der Wald sie nicht stören wollte. Oder als ob er gar nicht erschrak — als ob er genau wusste, dass sie kommen würde.
Sie ging tiefer in den Wald. Um sie herum leuchteten die Bäume, warm und ruhig. Die Luft roch nach Erde und Moos und etwas, das Bella nicht benennen konnte — etwas Altes, das keine Gefahr war, nur alt. Sehr alt.
Dann fand sie die Lichtung.
Sie war nicht groß. Ein Kreis aus Bäumen, und in der Mitte: Gras, und auf dem Gras — wie auf einem Boden, der zum Draufsetzen einlädt — Tautropfen, die das Leuchten der Bäume widerspiegelten. Tausende kleine Lichter, überall im Gras.
Bella setzte sich in die Mitte der Lichtung.
Sie saß lange so. Der Wald leuchtete um sie herum. Der Wald atmete. Irgendwo weit weg schlief der Riese. Irgendwo webte die Wolkenweberin. Irgendwo ritt das Mondpferd. Irgendwo wartete der Traumstein auf dem Fensterbrett.
Alles war da.
Bella legte sich auf den Rücken ins Gras. Die Tautropfen schimmerten neben ihr. Der Wald leuchtete über ihr. Der Himmel, noch immer bedeckt, wurde von unten erhellt — ein schwaches, gleichmäßiges Glühen, wie die Welt beim Einatmen.
Bella schloss die Augen.
Sie hörte: den Wald. Nicht Geräusche — das Leuchten selbst hatte einen Klang, ganz tief, ganz weit. Wie wenn viele Menschen in einem großen Raum alle gleichzeitig schweigen, und das Schweigen eine eigene Qualität hat.
Dann, aus diesem Schweigen heraus, ein einziger Ton. Warm. Rund. Tief.
Du bist willkommen hier, sagte der Ton. Nicht in Wörtern — aber das war sein Sinn.
Bella lächelte.
Sie blieb noch sehr lange. Bis das Leuchten langsam, ganz langsam, schwächer wurde — nicht verschwand, nur ruhiger. Bis der Wald wieder Wald war, dunkel und still, aber nicht mehr fremd.
Auf dem Weg zurück schaute Bella über die Schulter.
Der Wald war dunkel. Aber tief drinnen, ganz tief — glaubte sie, einen letzten Funken zu sehen. Klein, warm, still.
Wie ein Gute-Nacht-Licht.
Gute Nacht, Wald. Gute Nacht, Bella.
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