
Bella und der schlafende Riese
Hinter dem Wald am Horizont liegt ein Hügel, der atmet. Bella macht sich auf den Weg — und entdeckt, dass der Hügel gar kein Hügel ist, sondern ein schlafender Riese, der seit hundert Jahren wartet.
Die Geschichte zum Lesen
Hinter dem Wald, am Horizont, gab es einen Hügel.
Bella hatte ihn immer gesehen — von ihrem Turmfenster aus war er gut zu erkennen, ein sanfter grüner Buckel, rund und gleichmäßig, anders als die unregelmäßigen Hügel ringsum. Was Bella nie bemerkt hatte, war, dass er sich bewegte.
Nicht viel. Nur ein kleines bisschen. Auf und ab, auf und ab — so langsam, dass man es nur merkte, wenn man sehr lange und sehr genau hinschaute.
Bella schaute sehr lange und sehr genau hin. Und dann sah sie es.
Der Hügel atmete.
Sie machte sich am nächsten Morgen auf den Weg, bevor alle anderen wach waren. Durch den Garten, durch die kleine Pforte in der Mauer, auf dem schmalen Pfad, der in den Wald führte. Der Wald war ruhig und kühl und roch nach feuchtem Laub. Vögel riefen sich gegenseitig guten Morgen.
Nach einer langen Wanderung trat Bella aus dem Wald — und stand vor dem Hügel.
Er war viel größer als erwartet. Sehr viel größer. Und jetzt, so nah, war das Atmen deutlich zu spüren: Ein leises Heben und Senken, das die Erde unter Bellas Füßen zittern ließ, kaum spürbar, aber da. In-aus. In-aus. Sehr langsam. Tiefer als jeder menschliche Atem.
Bella legte die Hand auf den Hügel.
Die Erde war warm. Und unter ihrer Handfläche spürte sie das Herz — dumpf, weit entfernt, aber regelmäßig.
Ganz langsam, je länger Bella schaute, erkannte sie Konturen. Ein Knie, das aus dem Gras ragte. Eine Schulter. Die runde Wölbung eines Rückens. Und dort — sie musste den Kopf drehen und die Augen zusammenkneifen — ganz weit links, ein Gesicht. Fast vollständig von Gras und Moos und kleinen Büschen bedeckt. Aber Bella erkannte eine Nase. Und die geschlossenen Augen darunter.
Ein Riese. Ein schlafender Riese.
Bella setzte sich neben das Gesicht. Das Gesicht war so groß wie ein ganzes Zimmer. Die Nase allein war so groß wie Bellas Bett. Und dennoch — es war ein freundliches Gesicht. Die geschlossenen Augen hatten lange Wimpern, aus denen Gräser gewachsen waren. Die Lippen waren leicht geöffnet, und aus ihnen kam der Atem — warm, und ein bisschen nach altem Wald riechend.
Bella wartete, ob der Riese aufwachte.
Er wachte nicht auf.
Wie lange schläfst du schon?, fragte Bella.
Keine Antwort. Nur das langsame Atmen.
Bella legte sich ins Gras neben dem Gesicht des Riesen und schaute in den Himmel. Wolken zogen vorbei — langsam, in großen Formen. Eine Wolke sah aus wie ein Schiff. Eine wie ein Pferd. Eine ganz lange, dünne sah aus wie eine ausgestreckte Hand.
Bella erzählte dem Riesen, was sie sah. Die Wolken. Den Wald dahinter. Das Schloss, das man von hier aus gerade noch erkennen konnte, ganz klein, am anderen Ende des Waldes. Sie erzählte ihm von der Laterne in der Schatzkammer. Von dem Mondpferd. Von dem singenden Baum.
Der Riese schlief.
Aber sein Atem wurde, während Bella erzählte, ein kleines bisschen ruhiger. Gleichmäßiger. Tiefer. Als ob die Stimme eines anderen Menschen ihn beruhigte.
Dann — sehr, sehr leise, so leise, dass Bella erst dachte, sie bilde es sich ein — gab es einen anderen Klang. Nicht der Atem des Riesen. Etwas zwischen Atem und Stimme. Ein Summen. Fast wie das Summen des Baumes, aber tiefer, viel tiefer, aus dem Innern der Erde.
Der Riese summte im Schlaf.
Bella lauschte lange. Dann, als die Sonne tiefer stand und die Schatten länger wurden, stand sie auf.
Ich komme wieder, sagte sie. Ich verspreche es.
Auf dem Heimweg durch den Wald sang Bella leise — kein richtiges Lied, nur eine Melodie, die sie sich ausdachte, während sie ging. Und irgendwie klang sie genauso wie das Summen des schlafenden Riesen.
Gute Nacht, Bella. Gute Nacht.
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