
Bella und der singende Baum
Im hintersten Winkel von Bellas Garten steht ein uralter Baum — und an einem Abend hört Bella, dass er singt. Ein Lied ohne Worte, das Tausende Jahre alt ist.
Die Geschichte zum Lesen
Im Garten von Bellas Schloss gab es viele Bäume.
Äpfelbäume mit roten und gelben Früchten. Eine alte Linde, unter der die Schlosswache ihren Mittagsschlaf hielt. Einen Birnbaum, der ein bisschen schief gewachsen war und deshalb seinen eigenen Charakter hatte. Und einen Maulbeerbaum, dessen Beeren im Sommer die Finger lila färbten.
Aber ein Baum stand ganz hinten, am Ende des Gartens, dort wo die Mauer alt und bemoost war und das Gras hoch wuchs, weil niemand es mähte. Dieser Baum war groß — größer als alle anderen. Sein Stamm war so dick, dass Bella ihn nicht umarmen konnte, selbst wenn sie die Arme so weit wie möglich ausbreitete. Die Rinde war silbergrau und tief gefurcht, wie das Gesicht von jemandem, der sehr viel erlebt hat. Und seine Blätter hatten keine feste Farbe: je nach Licht goldgrün, dunkelblau oder silbern.
Bella hatte ihn zwar immer gesehen, aber nie wirklich angeschaut. Er stand einfach da. Ruhig. Groß. Still.
Bis zu dem Abend, an dem Bella ihn hörte.
Es begann als ein Gefühl. Bella saß in ihrem Zimmer und las, als sie spürte, dass irgendetwas summte. Nicht laut. Nicht deutlich genug, um es Musik zu nennen. Aber irgendetwas schwang in der Luft — wie die Erinnerung an eine Melodie, die man kennt, aber nicht benennen kann.
Bella legte ihr Buch hin und folgte dem Klang.
Sie schlich durch den Garten — an den Äpfelbäumen vorbei, an der schlafenden Linde, an dem schiefen Birnbaum — bis sie vor dem großen silbergrauen Baum stand. Und da hörte sie es deutlich: Der Baum sang.
Nicht wie ein Mensch singt. Es war kein Mund, keine Stimme, kein Atem. Es war eher, als ob der Baum atmete — und das Atmen hatte eine Melodie. Ein langes, tiefes Summen, das durch die Rinde drang und durch die Luft zog und in Bellas Brust etwas zum Schwingen brachte.
Bella legte die Hand auf die Rinde. Die Rinde war warm. Und unter ihrer Handfläche spürte sie, wie der Baum summte. Wie ein großes, ruhiges Herz.
Sie setzte sich mit dem Rücken an den Stamm, die Beine ausgestreckt, die Augen offen. Über ihr rauschten die Blätter leise, obwohl es keinen Wind gab. Und der Baum sang weiter.
Das Lied hatte keine Worte. Kein Anfang, den man benennen konnte, kein Ende, auf das man wartete. Es floss einfach. Manchmal klang es froh — wie Vögel beim ersten Licht des Morgens, wenn sie einfach so singen, weil sie da sind. Manchmal klang es traurig — wie Regen auf einem Dach, der nicht schlimm ist, nur schwer. Und dann wieder warm, wie eine Umarmung, die man nicht erklären kann.
Erzähl mir etwas, sagte Bella leise.
Der Baum erzählte. Nicht in Wörtern, sondern in Bildern, die Bella hinter den geschlossenen Augen sah: Einen Winter, so weit zurück, dass der Garten noch keiner war — nur ein leeres Feld, das unter Schnee lag. Einen Frühling, in dem zum ersten Mal ein Kind unter seinen Ästen spielte, ein kleines Mädchen mit roten Schuhen, die immer wieder hinfielen und immer wieder aufstanden.
So viele Sommer. So viele Herbste. Generationen von Vögeln, die in seinen Ästen nisteten. Generationen von Kindern, die an ihm vorbeilieben, ohne ihn zu sehen.
Und jetzt: Einen Abend, an dem ein Mädchen mit geflochtenen Haaren die Hand auf seine Rinde legte und lauschte.
Bella öffnete die Augen. Der Himmel über dem Garten war dunkelblau geworden, mit den ersten Sternen, die zögernd erschienen. Die Luft roch nach Gras und feuchter Erde und etwas Süßem, das sie nicht benennen konnte.
Wie alt bist du?, fragte Bella.
Der Baum sang einen langen, tiefen Ton.
Sehr alt, dachte Bella. Älter als das Schloss. Älter als der Garten. Vielleicht älter als die Mauer, die den Garten umgab.
Bella blieb noch lange sitzen, bis die Sterne richtig da waren und das Licht im Schloss angezündet wurde. Dann stand sie auf und streckte sich. Sie legte beide Hände an den Stamm und drückte sie kurz dagegen.
Danke, sagte sie.
Dann ging sie zurück ins Schloss. Die Treppe hinauf, durch den Flur, in ihr Zimmer. Sie zog die Vorhänge nicht zu. Und während sie in ihrem Bett lag und die Augen schloss, hörte sie — ganz weit weg, so weit, dass es vielleicht auch eingebildet war — das Summen. Das alte, tiefe, warme Summen des Baumes.
Er singt noch, dachte Bella. Auch wenn ich nicht da bin, singt er. Er hat immer gesungen. Und er wird noch singen, wenn ich groß bin. Und noch länger.
Das war ein schöner Gedanke.
Gute Nacht, Bella. Gute Nacht.
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