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Bella und die goldene Laterne
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Bella und die goldene Laterne

10 Min4–6 Jahre

In der Schatzkammer des Schlosses entdeckt Bella eine kleine goldene Laterne, die keine Kerze braucht — und deren Licht Geschichten zeigt, die noch nie jemand erzählt hat.

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Die Geschichte zum Lesen

Bellas Schloss hatte eine Schatzkammer.

Keine besonders aufregende Schatzkammer — keine Berge von Goldmünzen, keine Kisten voller Edelsteine. Aber es gab Dinge darin, die interessanter waren als Schätze: eine Karte, auf der Länder eingezeichnet waren, die es nicht mehr gab. Ein Kompass, der nicht nach Norden zeigte, sondern immer in Richtung Heimat, wohin man auch reiste. Und ganz hinten, auf einem Regal zwischen alten Büchern, eine goldene Laterne.

Bella fand sie an einem Regentag, als ihr sonst langweilig war.

Die Laterne war kleiner als eine normale Laterne — so groß, dass sie gut in eine Hand passte. Das Glas war klar und rund, und das Gold des Rahmens war warm und matt, wie altes Metall, das viele Hände berührt haben. Aber das Seltsamste war: Die Laterne hatte keine Kerze. Keinen Docht, keinen Platz für Öl, nichts. Nur das leere Glas.

Bella hielt sie ans Licht. Und im selben Moment — ganz langsam — begann die Laterne zu leuchten.

Nicht hell. Ein weiches, goldenes Schimmern, als ob irgendwo tief drinnen eine sehr kleine Sonne schlummerte.

Bella trug die Laterne ans Fenster. Draußen regnete es noch. Aber das Licht der Laterne fiel auf die Wand, und auf der Wand erschienen Schatten. Keine zufälligen Schatten — Figuren. Eine Frau in einem langen Mantel, die durch einen Wald ging. Ein Kind, das auf einem Ast saß und Ausschau hielt. Ein Boot auf einem stillen See.

Und dann begannen sich die Figuren zu bewegen.

Bella setzte sich auf den Boden, die Laterne in den Händen, die Augen auf die Wand gerichtet.

Die Frau im langen Mantel war eine Reisende. Sie ging durch einen Wald, der so alt war, dass die Bäume Gesichter hatten — nicht gruselige Gesichter, sondern weise, müde, freundliche Gesichter. Die Reisende kannte jeden von ihnen beim Namen. Sie sprach mit ihnen, kurz, während sie vorbeiging. Guten Abend, Eiche. Schöner Abend, alte Fichte.

Das Kind auf dem Ast saß auf dem höchsten Baum eines kleinen Dorfes und schaute in alle Himmelsrichtungen. Es suchte nach etwas, aber Bella wusste nicht was. Dann — plötzlich — lächelte es. Es hatte gefunden, was es suchte: nicht in irgendeiner Himmelsrichtung, sondern genau da, wo es saß. In dem Dorf. In den Häusern mit den rauchenden Schornsteinen. In seiner eigenen Straße.

Das Boot auf dem stillen See trieb langsam dahin. Darin lag jemand auf dem Rücken und schaute in den Himmel, die Hände hinter dem Kopf. Der See war so still, dass das Boot sich kaum bewegte. Der Himmel spiegelte sich im Wasser, sodass der Mensch im Boot aussah, als würde er zwischen zwei Himmeln treiben.

Die Laterne leuchtete wärmer. Ein neues Bild erschien: ein Schloss am Rande eines Waldes. Eine Prinzessin, die am Fenster saß und hinausschaute. Bella erkannte das Schloss. Sie erkannte die Prinzessin.

Das bin ich, flüsterte sie.

Im Schattenbild auf der Wand hörte die Prinzessin auf zu schauen und blickte stattdessen in die Laterne, die sie in den Händen hielt. Und in der Laterne sah die Prinzessin auf der Wand — Bella. Die echte Bella.

Sie schauten sich an, die Bella auf der Wand und die Bella auf dem Boden.

Dann lächelten beide.

Das Licht der Laterne wurde ruhiger, wärmer, langsamer. Die Bilder verblassten zu Schatten, die Schatten zu bloßem Schimmern. Der Regen draußen hatte aufgehört. Durch die Wolken kam ein erster Streifen Abendsonne und fiel auf das alte Parkett.

Bella blieb noch lange sitzen. Dann trug sie die Laterne zurück auf ihr Regal in der Schatzkammer — nicht ganz ans Ende, sondern nach vorne, damit sie sie leicht finden konnte.

Wenn du Geschichten brauchst, dachte sie, bist du hier. Ich komme wieder.

Dann ging sie die Treppe hoch in ihr Zimmer, legte sich auf ihr Bett und schaute an die Decke. An der Decke gab es keine Bilder. Nur weißen Putz und einen kleinen Riss, der aussah wie ein Fluss, wenn man die Augen ein bisschen zusammenkniff.

Bella kniff die Augen zusammen.

Da war der Fluss. Und auf dem Fluss ein Boot. Und in dem Boot jemand, der den Himmel anschaute.

Gute Nacht, Bella. Gute Nacht.

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