
Bella und die Wolkenweberin
Hoch oben im Himmel lebt eine alte Frau, die Wolken webt wie andere Frauen Wolle weben. Bella entdeckt sie auf einer Reise mit dem Mondpferd — und darf ihr beim Weben helfen.
Die Geschichte zum Lesen
Nicht jede Wolke entsteht von selbst.
Das hatte Bella nie gewusst, bis zu der Nacht, als das Mondpferd sie hoch in den Himmel trug — höher als beim letzten Mal, so hoch, dass die Luft ein bisschen dünner wurde und klarer, wie das erste Atemstoß am Morgen.
Das Pferd blieb über einem Wolkenfeld stehen. Eine besonders dicke Wolke, breiter und höher als die anderen, mit einem flachen Dach, auf dem man hätte spazieren gehen können. Und auf diesem Dach saß eine alte Frau.
Sie war sehr alt. Ihre Haare waren so weiß wie Wolken, ihr Gesicht war so faltig wie eine getragene Karte. Und sie webte. Mit zwei langen Stäben, zwischen denen sich etwas bewegte — kein Garn, keine Wolle, sondern Nebel. Feuchten, hellen, weichen Nebel, den sie mit geschickten Bewegungen in Fäden zog und in ein Muster webte.
Als Bella landete, schaute die alte Frau nicht auf.
Du kommst spät, sagte sie.
Bella wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Ich habe nicht gewusst, dass ich kommen sollte, sagte sie schließlich.
Das ist die beste Art zu kommen, sagte die alte Frau. Ohne Erwartungen.
Sie webte weiter. Die Muster, die entstanden, waren kompliziert — Wirbel und Bögen und lange gerade Linien, die sich plötzlich krümmten. Die fertige Wolke, die hinter ihr lag, sah noch formlos aus. Aber Bella erkannte schon, was es werden würde: ein Schiff. Mit Segeln aus hochgezogenem Nebel und einem Rumpf aus dichtem Weiß.
Ich webe seit tausend Jahren, sagte die alte Frau. Wolken für jeden Tag. Jede anders. Keine Wolke ist je die gleiche.
Bella setzte sich neben sie. Darf ich zuschauen?
Du darfst mehr als zuschauen, sagte die alte Frau und gab ihr einen der Stäbe.
Bella nahm ihn. Er war leichter als erwartet, und der Nebelfaden, den die alte Frau ihr hinüberreichte, war so dünn, dass man ihn kaum sehen konnte. Bella versuchte, ihn so zu halten wie die alte Frau — locker, ohne zu drücken. Zu fest, und er riss. Zu locker, und er entglitt.
Wie Vertrauen, sagte die alte Frau. Zu fest und es zerreißt. Zu locker und es entgleitet.
Bella übte. Sie machte Fehler — der Faden riss zweimal, und einmal entstand ein Knoten, den sie mit den Fingern aufdröseln musste. Aber die alte Frau schimpfte nicht. Sie zeigte ihr einfach, wie man den Faden wieder aufnahm, wenn er gerissen war. Man fängt wieder an, sagte sie. Das ist alles.
Nach einer Weile sah Bella, was sie webte: keine Wolke wie ein Schiff oder wie ein Pferd. Nur eine kleine, runde, dicke Wolke — wie eine Kissen. Ungleichmäßig, an manchen Stellen dünner als an anderen. Aber irgendwie — trotzdem schön.
Das, sagte die alte Frau und deutete auf Bellas Wolke, ist eine gute Wolke zum Draufliegen. Für jemanden, der müde ist.
Sie nahm Bellas Wolke und ließ sie in den Himmel hinaus. Bella sah, wie die Wolke davontrieb — langsam, ruhig, in Richtung des Schlosses.
Irgendwo auf der Welt, sagte die alte Frau, wird jetzt jemand aus dem Fenster schauen und denken: Was für eine schöne Wolke heute.
Das war ein schöner Gedanke.
Sie webten noch eine Weile zusammen. Die alte Frau summte dabei — eine Melodie ohne Anfang und Ende. Dann, als der Himmel sich zu röten begann, stand sie auf und rollte ihren unfertigen Faden auf.
Du kannst wiederkommen, sagte sie. Immer, wenn Wolken gebraucht werden. Und Wolken werden immer gebraucht.
Das Mondpferd wartete. Bella stieg auf und schaute zurück. Die alte Frau webte schon wieder, schnell und sicher, die Stäbe tanzend.
Auf dem Rückweg lag Bella auf dem Rücken des Mondpferdes — was ein bisschen schwierig war, aber das Pferd war geduldig — und schaute in den Himmel.
Dort war die kleine runde Wolke, die sie gewebt hatte. Sie trieb ruhig dahin, über Felder und Wälder, in Richtung des Schlosses.
Gute Nacht, Bella. Gute Nacht.
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