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Das tapfere Mädchen und der Riese
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Das tapfere Mädchen und der Riese

8:04 MinFür alle
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Mortimer

Mortimer

Mit einem Augenzwinkern und einem Hauch Magie verwandle ich klassische Märchen in unvergessliche Erlebnisse.

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Die Geschichte zum Lesen

Im Tal am Fuße des großen Berges lag ein Dorf, und das Dorf hatte ein Problem.

Jeden Monat — immer am ersten Donnerstag — kam der Riese.

Er war nicht böse, genau genommen. Er war nur groß. Und wenn er durch das Tal stapfte, zitterten die Häuser, fielen die Töpfe von den Regalen, und die Kühe hörten auf, Milch zu geben vor lauter Schreck. Er nahm sich meistens ein paar Hühner — was er wahrscheinlich für Hühnchen hielt, weil er so groß war — und stapfte wieder zurück in die Berge.

Niemand wusste, wie man das stoppen sollte.

Außer Rosa.

Rosa war neun Jahre alt. Sie hatte kurze, dunkle Haare, zwei geflochtene Zöpfe an den Seiten und eine Art zu denken, die ihr Lehrer sehr rätselhafte Gedankengänge nannte, was manchmal ein Lob war und manchmal nicht.

Ich gehe zu dem Riesen, sagte sie am Abend vor dem ersten Donnerstag des Monats.

Kommt nicht in Frage, sagte ihr Vater.

Er ist doch groß, sagte ihre Mutter.

Deswegen gehe ich ja hin, sagte Rosa. Man geht zu denjenigen, die das Problem sind, und redet mit ihnen. Das klappt manchmal.

Ihr Vater und ihre Mutter schauten einander an.

Rosa schnürte ihre Stiefel.

Rosa brach vor Sonnenaufgang auf.

Sie hatte sich Proviant eingepackt: zwei Schnitten Brot mit Käse, einen Apfel, und einen kleinen Lederbeutel mit Salz, weil ihr Großvater immer sagte, Salz ist das Wichtigste auf einer Reise. Außerdem hatte sie ihren Holzstock, der ihr bis zur Schulter reichte und auf dem ihr Bruder einen kleinen Stern geschnitzt hatte.

Der Pfad in die Berge war steil. Rosa kannte die ersten drei Stunden — sie war schon oft zum Bergkräutersammeln hier heraufgekommen. Aber dann hörte der Pfad auf, und es gab nur noch Felsen und Geröll und einen Weg, den man sich selbst suchen musste.

Rosa suchte ihn.

Sie kletterte über Felsen. Sie balancierte über einen schmalen Grat. Sie rastete einmal und aß eine Brotschnitte und schaute ins Tal hinunter, wo das Dorf so klein war wie ein Spielzeug.

Nach dem Mittagessen — zweite Brotschnitte, der Apfel — sah sie sie.

Die Schuhe des Riesen.

Sie standen vor einer Höhle, die so groß war, dass die Pappeln davor wie normale Büsche aussahen. Die Schuhe waren aus altem Leder, geflickt und wieder geflickt, und so groß, dass Rosa problemlos darin hätte schlafen können.

Aus der Höhle kam ein Geräusch. Ein tiefes, gleichmäßiges Rumpeln.

Der Riese schlief.

Rosa klopfte an den Felsbrocken neben dem Eingang.

Das Rumpeln hörte auf. Stille. Dann: ein Rumpeln anderer Art — das Geräusch von jemandem, der sehr groß ist und sich aufrichtet.

Ein Gesicht erschien im Eingang der Höhle. Es war das größte Gesicht, das Rosa je gesehen hatte: breite Stirn, buschige braune Augenbrauen, Augen so groß wie Schüsseln, eine Nase, die nach langer Arbeit in der Sonne aussah.

Der Riese schaute Rosa an.

Rosa schaute den Riesen an.

Was bist du?, fragte der Riese. Seine Stimme klang wie ein Fass, das man rollt.

Ich bin Rosa. Ich komme aus dem Dorf da unten.

Der Riese schaute ins Tal. Oh, sagte er. Das kleine Haufen Dinge da.

Das sind Häuser, sagte Rosa. Darin wohnen Menschen.

Der Riese runzelte die Stirn. Ich weiß, dass darin Menschen wohnen, sagte er. Ich hab sie manchmal gesehen. Ganz kleine.

Wenn du jeden Monat durch das Tal stampfst, erschreckst du sie sehr, sagte Rosa.

Der Riese schwieg.

Und du nimmst die Hühner, sagte Rosa.

Die kleinen Vögel?, sagte der Riese. Ich dachte, das sind wilde Vögel.

Nein, sagte Rosa. Die sind von uns.

Der Riese schaute sie an. Dann schaute er seine Hände an — riesige Hände, die alles, was sie anfassten, klein machten.

Oh, sagte er leise. Das wusste ich nicht.

Rosa setzte sich auf einen Stein vor der Höhle.

Sie holte ihr Salz heraus.

Der Riese schaute das Salz an. Was ist das?

Salz, sagte Rosa. Willst du?

Der Riese streckte einen Finger aus — vorsichtig, überraschend vorsichtig für etwas so Großes. Rosa streute etwas Salz darauf. Der Riese leckte es ab. Sein Gesicht veränderte sich.

Das ist gut, sagte er.

Ich weiß, sagte Rosa. Wir haben viel davon. Wir kaufen es vom Händler aus der Stadt.

Ich habe hier nichts Leckeres, sagte der Riese. Nur Felsen und Wasser und manchmal eine Bergziege, die vorbeikam.

Wir können dir Essen schicken, sagte Rosa. Jeden Monat. Nicht viel — wir sind kein reiches Dorf. Aber Brot und Salz und Käse und Äpfel.

Der Riese überlegte. Das ist besser als die kleinen Vögel, sagte er schließlich.

Und du kommst nicht mehr durchs Dorf?

Der Riese schüttelte den Kopf. Er sah dabei aus wie ein Berg, der sich bewegt. Ich kam ja nur durch, weil ich hungrig war und nicht wusste, wohin sonst.

Rosa nickte. Dann gibt es ab jetzt einen anderen Weg, sagte sie.

Sie gaben sich die Hand — Rosa Faust gegen Riesenfingernagel — und der Handel war besiegelt.

Auf dem Rückweg ins Tal bemerkte Rosa, dass sie noch einen halben Apfel hatte. Sie aß ihn. Er schmeckte sehr gut nach einem langen Tag.

Als Rosa am Abend ins Dorf kam, standen alle draußen und warteten.

Ihr Vater lief ihr entgegen und hob sie hoch — was er sonst nicht mehr tat, weil sie gesagt hatte, sie sei zu groß dafür — und diesmal sagte Rosa nichts dagegen.

Hast du ihn gesehen?, fragten die Leute. Wie sah er aus? Was hat er gesagt?

Er ist groß, sagte Rosa. Und er wusste nicht, dass die Hühner uns gehören.

Gelächter. Ungläubiges Staunen. Jemand gab Rosa eine heiße Tasse Milch.

Sie erzählte alles. Sie erzählte vom Aufstieg und den Schuhen vor der Höhle und dem Gesicht so groß wie eine Scheunenwand und dem Salz und dem Handel. Die Dorfleute hörten zu, und manche nickten, und manche schüttelten den Kopf, und manche sagten: Das kleine Mädchen. Wir hätten uns das denken können.

Später, als es dunkel war und das Dorf ruhig, lag Rosa in ihrem Bett.

Sie schaute an die Decke.

Sie dachte an den Riesen — seine Schüssel-Augen, seine vorsichtigen Finger, seine Stimme wie ein Fass. Sie dachte daran, wie er Oh gesagt hatte, als er erfuhr, dass die Hühner jemandem gehörten. So klein, das Oh, für etwas so Großes.

Meistens, dachte Rosa, haben große Dinge kleine Missverständnisse.

Meistens reicht es, hinzugehen und zu fragen.

Sie gähnte. Tief und lang.

Draußen war das Dorf still. Keine zitternden Häuser. Keine fallenden Töpfe.

Nur der Wind, der sanft durch das Tal strich.

Rosa schlief ein — müde und zufrieden und tapfer bis in die Träume.

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