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Der König ohne Krone
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Der König ohne Krone

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Zara

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Die Geschichte zum Lesen

Es war einmal ein König, der verlor seine Krone.

Nicht auf dramatische Weise — kein Kampf, kein Sturm, keine List eines bösen Zauberers. Er verlor sie ganz gewöhnlich: Er legte sie ab, um sich das Gesicht zu waschen, und sie rollte vom Tisch. Er hörte das Rollen und das Klimpern und dann — nichts mehr. Die Krone war weg.

Der König hieß Emil. Er war kein böser König, aber auch kein besonders aufmerksamer. Er hatte seinen Ministern vertraut, die seinen Ministern vertraut hatten, und am Ende hatte niemand wirklich gemerkt, wie es dem Reich ging.

Nun stand er ohne Krone in seinem Schlafgemach und wusste nicht, was tun.

Er ließ suchen. Die Wachen durchsuchten alle Zimmer, den Hof, die Ställe, den Garten. Nichts. Die Krone war einfach verschwunden.

Nach einer Woche rief der Rat zusammen.

Ohne Krone bist du kein König, sagte der erste Minister — ein dünner Mann mit sehr langen Händen.

Das stimmt nicht, sagte König Emil.

Doch, sagte der Minister. Das Gesetz sagt: die Krone macht den König.

König Emil schwieg. Dann stand er auf. Dann sagte er etwas, das niemand erwartet hatte:

Dann gehe ich sie suchen.

Es war das erste Mal seit Jahren, dass er eine Entscheidung getroffen hatte, die niemand ihm vorher aufgeschrieben hatte.

König Emil zog sich einfache Kleider an.

Sie kratzten. Er war Seide gewöhnt. Aber er zog sie trotzdem an — einen braunen Wollmantel, eine einfache Hose, Stiefel, die schon getragen worden waren. Er steckte einige Münzen ein und verließ das Schloss durch eine kleine Seitentür, die er noch nie benutzt hatte.

Draußen war das Reich.

König Emil hatte es natürlich gesehen — von oben, aus den Fenstern, bei Ausritten mit Eskorte. Aber so, mitten drin, war es anders.

Die Straßen waren enger, als er dachte. Die Häuser kleiner. Die Leute gingen schneller, als er erwartet hätte — sie hatten alle etwas zu tun, wohin auch immer sie gingen. Niemand verneigte sich. Niemand trat zur Seite. Er war einfach ein Mann mit einem braunen Mantel.

Es war seltsam. Es war unangenehm. Es war — und das überraschte ihn am meisten — auch irgendwie befreiend.

Er fragte einen alten Mann am Brunnen: Entschuldigung, haben Sie vielleicht eine goldene Krone gesehen?

Der alte Mann schaute ihn an. Dann lachte er. Kronen findet man nicht auf der Straße, junger Mann.

Ich weiß, sagte Emil. Aber ich habe meine verloren.

Der alte Mann hörte auf zu lachen. Er schaute Emil genauer an. Dann sagte er: Setz dich. Hast du gegessen?

Der alte Mann hieß Kaspar. Er war Zimmermann — oder war es gewesen, bis seine Hände zu steif wurden. Jetzt saß er oft am Brunnen und beobachtete.

König Emil verbrachte drei Tage in Kaspars Haus.

In dieser Zeit lernte er: dass das Dach von Kaspars Haus seit zwei Jahren leckte, und kein Handwerker kam, weil es kein Geld gab; dass der Weg zur Mühle seit dem letzten Winter kaputt war und man drei Stunden Umweg in Kauf nehmen musste; dass der Markt schlechter wurde, weil die Händler aus der Stadt die lokalen Bauern mit ihren Preisen unterboten.

All das hatte König Emil nicht gewusst.

Nicht weil er es nicht hätte wissen wollen. Sondern weil es niemand ihm gesagt hatte. Und weil er nie selbst hingeschaut hatte.

Am dritten Tag half er Kaspar, ein Holzscheit zu spalten. Es war schwerer als es aussah. Er schwang die Axt zweimal daneben, und Kaspar lachte, aber nicht gemein.

Hast du sowas noch nie gemacht?, fragte Kaspar.

Nein, sagte Emil.

Was machst du sonst?

Eil überlegte. Ich sitze hauptsächlich, sagte er ehrlich. Und ich unterschreibe Dinge.

Kaspar nickte. Das klingt anstrengender als Holzspalten, sagte er.

König Emil dachte darüber nach. Dann sagte er: Ja. Aber ich glaube, ich habe es falsch gemacht.

Am vierten Tag fand er die Krone.

Sie lag in einem Heuhaufen am Rand des Dorfs — ein Junge hatte sie gefunden, beim Spielen, und wusste nicht, was er damit sollte. Er hatte sie in den Heuhaufen gesteckt, weil glitzernde Dinge darin gut versteckt waren und er sie hüten wollte, bis er herausfand, wem sie gehörte.

Der Junge hieß Max. Er war acht.

Du hast eine Krone gefunden, sagte Emil, als Max sie zögernd herausbrachte.

Ist sie teuer?, fragte Max.

Sehr, sagte Emil.

Gehört sie dir?

Eigentlich schon, sagte Emil.

Max hielt die Krone noch einen Moment fest. Sie war schwerer als sie aussah. Dann gab er sie zurück.

Emil hielt die Krone in den Händen. Er schaute sie an. Gold und Edelsteine und das Handwerk eines Goldschmieds, der schon lange tot war.

Die Krone macht den König, hatte der Minister gesagt.

Absurd, dachte Emil jetzt. Ganz und gar absurd.

Er steckte die Krone in seinen Mantel und gab Max eine Münze.

Danke, sagte er.

Wofür?, fragte Max.

Dafür, dass du sie behalten hast, sagte Emil. Und dafür, dass du sie zurückgegeben hast.

König Emil kehrte ins Schloss zurück.

Der Minister empfing ihn am Tor. Er sah auf die abgetragenen Kleider und runzelte die Stirn. Wo waren Sie? Was haben Sie getan? Wir hatten eine Staatskrise.

Ich war im Reich, sagte Emil. Er zog die Krone aus dem Mantel. Der Minister entspannte sich sichtbar.

Emil setzte die Krone auf — kurz, nur lang genug um zu bemerken, dass sie gleich schwer war wie vorher. Dann legte er sie wieder ab.

Ruf morgen den Rat zusammen, sagte er. Ich habe eine Liste.

Welche Liste?

Der Weg zur Mühle im Dorf Kaspar-Brunnen ist kaputt. Der Markt wird von Außenhändlern ruiniert. Das Dach von zwölf Häusern am Westrand leckt. Das beheben wir zuerst.

Der Minister schaute ihn an — so wie man jemanden anschaut, der sich sehr verändert hat, und man nicht sicher ist, ob das gut oder schlecht ist.

Woher wissen Sie das alles?

Ich war dabei, sagte Emil.

Später, in seinem Zimmer, zog er die einfachen Kleider aus. Er legte sich hin. Das Bett war sehr weich — zu weich fast, nach dem Strohsack bei Kaspar.

Er dachte an den alten Zimmermann. An Max und den Heuhaufen. An die Münze in einer Kinderhand.

Er dachte: Ich werde oft gehen. Ohne Eskorte. Ohne Krone.

Das ist, was ich falsch gemacht hatte: Ich hatte mein Reich immer von oben gesehen. Man sieht nicht viel, von oben.

Außerdem, dachte er, während seine Augen schwerer wurden, ist Holzspalten gar nicht so schwer, wenn man ein bisschen übt.

Er schlief ein, ohne es zu merken — wie man immer einschläft, wenn der Tag endlich Sinn gemacht hat.

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