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Die Mühle am Sternenbach
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Die Mühle am Sternenbach

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Jorin

Jorin

Märchen sind keine alten Geschichten — sie sind lebendige Welten, die ich jeden Abend neu erschaffe.

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Die Geschichte zum Lesen

Am Rand des Waldes, dort wo der Bach so schmal wurde, dass man hinüberspringen konnte, stand eine alte Mühle.

Niemand wusste genau, wer dort wohnte. Manche sagten, ein alter Mann. Manche sagten, niemand. Manche sagten, man solle besser nicht hinschauen, wenn man nachts vorbeiging, weil das Wasser dort im Mondlicht manchmal anders glitzerte als anderswo.

Lotte glaubte keinem von alldem.

Lotte war zehn Jahre alt, sehr praktisch veranlagt, und der Meinung, dass merkwürdige Dinge immer eine Erklärung hatten — man musste sie nur suchen. Wenn das Wasser beim Mondlicht glitzerte, lag das am Mond und an der Strömung. Ende der Geschichte.

Dennoch: An dem Abend, als sie die Katze ihres Bruders suchte, die schon wieder abgehauen war, kam sie am Sternenbach vorbei. Und sie blieb stehen.

Das Wasser glitzerte.

Nicht wie Mondlicht. Das wäre normal gewesen. Es glitzerte wie Sterne — kleine, weiße, lebendige Punkte, die mit der Strömung schwammen und dabei nicht verlaschen, nicht verwischten, sondern jeder für sich klar und bestimmt blieb.

Lotte runzelte die Stirn.

Dann machte sie einen Schritt auf die Mühle zu.

Vor der Mühle saß eine alte Frau.

Nicht ein alter Mann. Eine Frau — mit silberweißem Haar, das offen über die Schultern fiel, und einem dunkelblauen Kittel, der an den Rändern etwas schimmerte, auf eine Art, die Lotte nicht ganz einordnen konnte.

Sie saß auf einem Hocker und reparierte eine Leine. Ihre Hände arbeiteten ohne hinzuschauen.

Guten Abend, sagte Lotte.

Guten Abend, sagte die Frau, ohne aufzublicken. Du suchst die Katze.

Lotte blinzelte. Woher weißt du das?

Sie war hier. Sie ist weitergegangen. Den Bach entlang, zur alten Birke.

Danke, sagte Lotte. Und dann, weil sie neugierig war und nicht konnte anders: Was machen die Sterne im Wasser?

Jetzt schaute die Frau auf. Ihre Augen waren grau — sehr grau, wie Morgenregen.

Wasser ist wie ein Spiegel, sagte sie. Manchmal zeigt es, was wirklich da ist. Manchmal zeigt es, was sein könnte.

Und was zeigt der Sternenbach?

Die Frau lächelte. Das ist unterschiedlich, sagte sie. Heute Abend zeigt er jemandem, was sie träumen wird.

Lotte schaute aufs Wasser. Dann schaute sie wieder zur Frau.

Mir?, fragte sie.

Die Frau antwortete nicht. Aber sie zog ein kleines Glas aus ihrer Tasche — das Glas war verschlossen, und darin leuchtete etwas, winzig, wie ein eingefangenes Glühwürmchen — und stellte es auf den Stein neben Lotte.

Nimm das mit, wenn du ins Bett gehst, sagte sie. Stell es aufs Fensterbrett.

Lotte fand die Katze bei der alten Birke.

Sie hieß Pfote. Alle in der Familie sagten, das sei kein guter Name für eine Katze — aber Lottes Bruder war vier gewesen, als er sie benannt hatte, und man konnte vier-jährigen Jungs ihre Benennungen nicht nehmen.

Pfote saß unter der Birke und schaute einen Frosch an. Der Frosch saß vollkommen still und starrte zurück. Es war offensichtlich ein Patt.

Lotte hob die Katze auf.

Pfote miaute einmal — beleidigt, wegen des Frosches — dann streckte sie sich über Lottes Schulter aus, als wäre diese eine Liegefläche, die ihr zustand.

Sie gingen nach Hause.

Der Sternenbach glitzerte noch, als sie vorbeigingen. Lotte schaute hin. Im Wasser war jetzt — und das war merkwürdig, das war wirklich merkwürdig — das Bild eines Zimmers zu sehen. Ihr Zimmer. Mit dem Bett und dem Fenster und dem kleinen Vorhang. Und auf dem Fensterbrett: das Glas mit dem Licht.

Lotte blinzelte. Das Bild war weg.

Sie schaute in ihre Hand. Das Glas war noch da.

Pfote schnurrte.

Okay, sagte Lotte zu sich selbst. Ich stelle es aufs Fensterbrett.

Lotte stellte das Glas aufs Fensterbrett.

Sie beobachtete es eine Weile. Es leuchtete — ganz schwach, ganz gleichmäßig, wie eine Kerze, die kein Wachs braucht. Das Licht war warm und bewegt sich kaum.

Dann zog sie sich aus und kroch ins Bett.

Sie schlief schnell ein. Schneller als sonst.

Und sie träumte.

Im Traum war sie am Sternenbach. Aber der Bach war breiter — viel breiter, so breit, dass das andere Ufer kaum zu sehen war — und das Wasser war nicht dunkel, sondern silbern, vollständig silbern, und aus ihm stiegen Sterne auf. Einer nach dem anderen, langsam, wie Blasen, aber ohne zu platzen.

Jeder Stern war ein Bild. Ein Erinnerung.

Lotte sah: das Gesicht ihrer Großmutter, die lachte. Den Garten im Sommer, als der Lavendel so hoch gewachsen war, dass er fast bis zur Fensterbank reichte. Ihren ersten Schultag — die rote Schultasche, die schwer war, aber gut. Ihren Bruder, der Pfote benannte. Ihren Vater, der ihr vorlas.

All das stieg auf.

Als Sterne.

Und Lotte stand am Ufer und schaute zu, wie die Erinnerungen in den Himmel stiegen und dort blieben — kleine, helle Punkte, alle beieinander, keiner verloren.

Das ist das Gute, dachte Lotte im Traum. Das alles ist das Gute, das ich schon hatte.

Sie wusste im Traum, dass das die Müllerin ihr zeigen wollte.

Als Lotte aufwachte, war die Sonne schon eine Stunde lang da.

Sie lag einen Moment ganz still.

Den Traum erinnerte sie noch — das war ungewöhnlich, Träume verblassten meistens sofort. Aber dieser war noch da: das silberne Wasser, die aufsteigenden Sterne, die Gesichter.

Sie setzte sich auf und schaute zum Fensterbrett.

Das Glas stand noch dort. Aber das Licht darin war weg. Es war nur noch ein kleines, leeres Glas — eines von der Art, in der man Honig aufbewahrt.

Lotte nahm es. Sie hielt es gegen das Licht. Innen war nichts. Nur ein winziger Glassplitter Freude — nein, das war keine Beschreibung, das war eine Empfindung, die keine Beschreibung hatte.

Sie stellte das Glas auf ihren Nachttisch.

Unten rief ihre Mutter zum Frühstück.

Pfote schlich ins Zimmer — die Tür hatte jemand nachts aufgelassen — und legte sich auf Lottes Bett, als hätte sie die ganze Nacht gewartet.

Lotte streichelte sie.

Sie würde heute nach der Schule zum Sternenbach gehen. Nicht weil sie etwas suchen musste. Nicht weil sie etwas von der Müllerin wollte. Sondern einfach, um zu schauen.

Um die Augen offen zu halten.

Um zu sehen, was das Wasser zeigt.

Denn manchmal, dachte Lotte, wenn man lange genug hinschaut, zeigt das Wasser einem genau das, was man schon weiß — aber noch nie gesehen hatte.

Sie gähnte, streckte sich, und stand auf — bereit für einen gewöhnlichen Tag, der immer ein bisschen außergewöhnlich sein konnte, wenn man hinsah.

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