
Die Reise zur Sonne

Peter
Raketen, Planeten und das Staunen vor dem Unendlichen — ich nehme Kinder mit auf Reisen durchs Universum.
Die Geschichte zum Lesen
Ben hatte eine Frage, die er seit drei Wochen mit sich trug: Wie heiß ist die Sonne wirklich?
Nicht die Antwort, die stand in jedem Buch. Die Sonne ist etwa 5.500 Grad Celsius an der Oberfläche und 15 Millionen Grad im Kern. Das wusste Ben. Er hatte es aufgeschrieben.
Aber er wollte wissen, wie das sich anfühlte.
Er war zehn Jahre alt und er mochte keine Antworten, die man nur aufschrieb. Er mochte Antworten, die man verstand.
Sein Vater hatte versucht zu erklären: Stell dir vor, du hast einen Ofen. Der wird auf 250 Grad heiß. Die Sonne ist zwanzigtausendmal so heiß.
Ben hatte genickt. Aber er verstand nicht wirklich, was zwanzigtausendmal heißer bedeutete.
Ein Kerzenfeuer ist etwa 1000 Grad. Ein Blitz ist 30.000 Grad. Die Sonne an der Oberfläche: 5.500 Grad.
Ben legte das Buch weg. Zahlen halfen nicht. Er würde es selbst sehen müssen.
Sein Vater hatte das Licht im Zimmer ausgemacht. Jetzt war es dunkel, und das Mondlicht schien durchs Fenster, und Ben lag im Bett und dachte: Das Mondlicht ist Sonnenlicht. Das Licht, das jetzt auf mein Gesicht fällt, hat vor acht Minuten die Sonne verlassen.
Acht Minuten.
Sonnenlicht braucht acht Minuten bis zur Erde.
Im Traum hatte Ben einen Anzug.
Keinen normalen Raumanzug — der hätte nicht gereicht. Dieser Anzug war aus einem Material, das kein Name hatte, weil es noch nicht erfunden worden war. Es war silberweiß und sehr leicht, und wenn Ben die Hand bewegte, reflektierte es das Licht so, dass kleine Regenbogen entstanden.
Der Anzug war von innen angenehm. Nicht heiß, nicht kalt — genau richtig.
Ein Techniker — kein Mensch, eher ein freundliches Wesen, das Bens Fragen kannte und darauf gewartet hatte — half ihm, das Visier zu schließen.
Vor dir liegt die Sonne, sagte das Wesen. Du kannst so nah, wie du möchtest.
Wie nah?, fragte Ben.
So nah, dass du sie siehst, sagte das Wesen.
Ben dachte: Das ist keine genaue Antwort. Aber er akzeptierte sie, weil manche Antworten erst später genau wurden.
Er schwebte los.
Zuerst: Dunkelheit und Sterne. Dann: Ein Leuchten am Horizont — nicht rechts oder links, sondern vorn und unten und überall. Die Sonne war nicht dort, wo man hinschaute. Sie war der Ort, auf den alles Licht zulief.
Ben flog in dieses Licht hinein.
Es war warm.
Nicht heiß — warm. Wie wenn man im Winter aus einem Haus tritt und ein Sonnenstrahl einen trifft, der ein bisschen wärmer ist als die Luft. Genau so warm, aber von allen Seiten.
Die Sonne war näher als Ben gedacht hatte.
Nicht als Zahl — die Zahl hatte er gewusst: 150 Millionen Kilometer. Aber jetzt war sie nah. Sie füllte alles aus. Sie war nicht ein Ding am Himmel — sie war der Himmel.
Ben hielt inne.
Die Oberfläche der Sonne — die Photosphäre, der leuchtende Teil, den man von der Erde aus sah — war nicht glatt. Sie war körnig, wie Haut, aber aus Licht. Überall bewegte sich etwas: heiße Blasen stiegen auf, kühlten sich ab, sanken wieder. Das nannte man Granulation — Millionen von Konvektionszellen, jede tausend Kilometer groß, jede lebend und sterbend in ein paar Minuten.
Ben schaute.
Darüber: die Chromosphäre. Ein Hauch, eine Hülle, dunkelrosa, fast unsichtbar. Und aus ihr heraus: Protuberanzen. Bögen aus heißem Plasma, die Tausende von Kilometern hoch waren und wieder zurückfielen, gezogen von Magnetfeldern.
Sie bewegten sich langsam. Sehr langsam für ihre Größe — wenn man ein Ding beobachtete, das die Erde sieben Mal überspannen konnte, musste es langsam sein, damit es passte.
Ben dachte: Ich sehe, wie die Sonne atmet.
Das stimmte nicht — Sterne atmeten nicht. Aber es sah so aus. Es hatte den gleichen Rhythmus. Auf und ab, hinaus und zurück, Licht und Dunkel, heiß und etwas-weniger-heiß.
Es war schön.
Nicht gefährlich. Nicht beängstigend.
Einfach schön.
Ben hatte seine Frage beantwortet.
Nicht mit Zahlen. Mit Augen.
Die Sonne war heiß in einem Ausmaß, das man nicht fühlen konnte, nicht wirklich — man musste sie durch etwas wahrnehmen, das die Hitze in etwas anderes übersetzte: Licht, Wärme, Strahlung, Bewegung. Der Anzug hatte das getan.
Und die Antwort war: sehr.
Sehr war keine Zahl. Sehr war ein Gefühl. Aber manchmal war ein Gefühl ehrlicher als eine Zahl, weil Zahlen immer kleiner wirkten als das, was sie beschrieben.
Ben schaute noch eine Weile.
Er sah einen Sonnenfleck — eine dunklere Stelle auf der Photosphäre, cooler als der Rest, wo das Magnetfeld die Konvektion blockierte. Dunkel war relativ: Ein Sonnenfleck war immer noch heißer als jeder Schmelzofen, den Menschen je gebaut hatten.
Alles an der Sonne war relativ.
Aber zusammen — zusammen war sie das, was alles möglich machte. Die Wärme, die das Wasser flüssig hielt. Das Licht, das Pflanzen wachsen ließ. Die Energie, die die Erde antrieb.
Ben dachte: Ich bin aus Sternenstaub.
Das stimmte wirklich. Alle schweren Elemente im menschlichen Körper — das Eisen im Blut, das Kalzium in den Knochen, das Sauerstoff — waren in Sternen entstanden, die vor der Sonne existiert hatten und explodiert waren. Jeder Mensch war aus altem Sternmaterial gebaut.
Ben war ein bisschen Sonne.
Das gefiel ihm.
Ben flog langsam zurück.
Nicht weil er musste — sondern weil der Traum sich verlangsamte, wie Träume es taten, wenn das Gehirn in den ruhigeren Teil des Schlafs überging.
Die Sonne blieb hinter ihm groß. Er schaute zurück — nicht weil er wollte, sondern weil man das bei manchen Dingen tat: man schaute noch einmal, bevor man zu weit weg war.
Die Sonne blieb.
Sie blieb immer. Sie ging unter — aber das war Perspektive. Die Erde drehte sich von ihr weg, und auf der Erde sah es aus wie Untergehen. Aber von hier aus: Die Sonne stand still. Die Sonne brannte.
Ben drehte sich um.
Die Erde war schon zu sehen — ein blaues Licht in der Ferne, das größer wurde. Ben flog drauf zu, langsam und ruhig, wie man nachhause kommt, wenn man weiß, dass man Zeit hat.
Sein Zimmer. Das Bett. Das Buch mit den Zahlen, das auf dem Schreibtisch lag.
Er würde die Zahlen morgen anders lesen. 5.500 Grad. 15 Millionen im Kern. Er würde die Zahlen lesen und dahinter die Granulation sehen, die Protuberanzen, den Sonnenfleck.
Die Zahlen wären jetzt Bilder.
Ben schloss die Augen.
Das Mondlicht lag auf seinem Gesicht — Sonnenlicht, acht Minuten alt, von der Sonne auf den Mond, vom Mond auf sein Gesicht. Ein langer Weg für Licht. Ein kurzer Weg für Verstehen.
Er schlief.
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