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Die Prinzessin und der Spiegel
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Die Prinzessin und der Spiegel

9:27 MinFür alle

Ein Spiegel, der nur die Wahrheit spricht — aber welche Wahrheit will die Prinzessin wirklich hören?

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Jorin

Jorin

Märchen sind keine alten Geschichten — sie sind lebendige Welten, die ich jeden Abend neu erschaffe.

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Die Geschichte zum Lesen

In einem Schloss aus rosafarbenem Stein, hoch oben auf einem Hügel, lebte eine Prinzessin namens Mira.

Mira war klug. Klüger als die meisten Leute dachten, denn kluge Kinder werden oft unterschätzt. Sie konnte alle Sterne beim Namen nennen. Sie kannte die Sprache der Vögel — nicht die genauen Wörter, aber die Bedeutung. Ein Zwitschern bedeutete guten Morgen. Ein langes Singen bedeutete: Regen kommt bald.

Aber Mira hatte einen Kummer.

Nicht einen großen Kummer. Einen kleinen, hartnäckigen Kummer, der immer abends kam, wenn die Lichter des Schlosses ausgingen und es ruhig wurde.

Mira fragte sich: Bin ich gut genug?

Gut genug für die Prinzessinnen-Schule, wo die anderen Mädchen so elegant waren und nie strubbelige Haare hatten. Gut genug für die Reden, die sie vor dem ganzen Hof halten musste, und die ihr Stimme immer ein bisschen zitterte. Gut genug für... alles.

Eines Abends, als Mira durch die langen Gänge des Schlosses schlenderte und nicht schlafen konnte, fand sie eine Tür, die sie noch nie bemerkt hatte.

Sie war aus dunklem Holz, mit goldenen Ornamenten, und sie stand einen Spalt offen.

Dahinter: ein kleines Zimmer. Und in dem Zimmer: ein Spiegel.

Kein gewöhnlicher Spiegel. Er hatte einen Rahmen aus verschlungenem Silber, in dem Blumen und Vögel und kleine Monde eingearbeitet waren. Das Glas schimmerte — nicht wie normales Glas, sondern wie der Mond auf einem See.

Mira trat vor den Spiegel.

Sie erwartete, sich selbst zu sehen — das übliche Bild: strubbelige Haare, Sommersprossen, das Nachthemd, das ein bisschen schief hing.

Aber im Spiegel sah sie etwas anderes.

Sie sah sich selbst — aber anders. Nicht verändert im Aussehen. Gleiche Haare, gleiche Sommersprossen. Aber um die Mira-im-Spiegel leuchtete etwas. Ein warmes, goldenes Licht, so weich wie Kerzenschein.

Dann — und Mira erschrak nur ganz kurz — sprach der Spiegel.

Guten Abend, Prinzessin Mira, sagte er. Seine Stimme war wie das Geräusch, das entsteht, wenn man einen Kristall antippt: hell, klar, ein bisschen singend.

Du weißt, warum du nicht schlafen kannst, sagte der Spiegel. Es ist nicht, weil du nicht müde bist.

Mira schwieg.

Du fragst dich, ob du gut genug bist, sagte der Spiegel. Ich zeige dir etwas.

Das Bild im Spiegel veränderte sich.

Mira sah sich selbst in der Schule — wie sie lachte, als ein Mitschüler eine falsche Antwort gab, aber dann aufstand und sagte: Das war auch mal mein Fehler. Ich zeige dir wie es geht.

Sie sah sich beim Halten einer Rede — die Stimme zitterte, ja, aber die Wörter kamen trotzdem. Und am Ende hatte die alte Gärtnerin geweint, weil Mira etwas gesagt hatte über die Schönheit von Dingen, die wachsen.

Sie sah sich beim Trösten einer jüngeren Schwester, die nachts Albträume hatte. Wie Mira sich neben sie gesetzt hatte und eine Geschichte erfunden hatte — direkt aus dem Kopf, ohne Buch — bis die Schwester wieder lächelte.

Mira war ganz still.

Ich erinnere mich daran, sagte der Spiegel, auch wenn du es vergessen hast.

Bist du immer hier?, fragte Mira den Spiegel.

Ich bin immer hier, sagte er. Aber ich zeige nur, wer du wirklich bist — nicht wer du glaubst zu sein, wenn du müde bist und zweifelhaft.

Mira schaute in das Spiegelbild mit dem goldenen Leuchten. Sie versuchte, das Leuchten zu verstehen. Es war nicht hell wie Scheinwerferlicht. Es war warm wie Kerzenlicht. Als käme es von innen.

Was ist das Licht?, fragte sie.

Das, sagte der Spiegel, sind alle Momente, in denen du gut warst. Nicht perfekt — gut. Es gibt keinen Menschen, der immer perfekt ist. Aber du — du bist oft gut. Du bist freundlich, auch wenn es schwer ist. Du bist ehrlich, auch wenn die Wahrheit komplizierter ist als eine Lüge. Du lernst weiter, auch wenn es langsam geht.

Das leuchtet?, sagte Mira überrascht.

Immer, sagte der Spiegel.

Mira schaute sich lange an. Dann sagte sie: Warum sehe ich das Licht nicht selbst? Warum brauche ich einen Spiegel dafür?

Der Spiegel schwieg einen Moment. Dann sagte er etwas Seltsames:

Weil man das eigene Licht schwer sieht, wenn man so nah dran ist. Deshalb brauchen Menschen manchmal jemanden, der ihnen zeigt: Schau. Da ist es. Es war immer da.

Mira dachte daran. Dann dachte sie an ihre Mutter, die ihr manchmal nachts die Haare kämmte und dabei summte. An ihren Vater, der lachte, wenn sie einen schlechten Witz erzählte — ein echtes Lachen, nicht ein höfliches. An ihre Freundin Cleo, die sagte: Ich mag dich am liebsten, wenn du einfach du bist.

Vielleicht, dachte Mira, sind das auch Spiegel. Nur andere Arten davon.

Sie gähnte. Zum ersten Mal seit Stunden.

Geh schlafen, Prinzessin Mira, sagte der Spiegel sanft. Du leuchtest morgen noch genauso.

Die Augen der Prinzessin wurden schwer.

Nicht weil der Tag sie ermüdet hatte — obwohl das auch stimmte. Sondern weil jetzt, nach dem Spiegel und dem Gespräch und dem Innehalten, etwas in ihr ruhiger war als vorher.

Als ob ein kleiner, lauter Gedanke, der immer im Hintergrund gerannt war — bin ich gut genug, bin ich gut genug, bin ich gut genug — endlich aufgehört hatte zu rennen. Und sich hingesetzt hatte. Und geatmet.

Mira gähnte. Es war ein echter Gähn, nicht der höfliche Gähn, den sie für öffentliche Anlässe gelernt hatte.

Sie dachte an den Spiegel. An das goldene Licht.

Und dann fiel ihr etwas ein: Jeder Mensch hat dieses Licht. Nicht nur sie. Auch die anderen in der Prinzessinnenschule, die so elegant waren und nie strubbelige Haare hatten. Auch die Wachen, die den ganzen Tag standen. Auch die Köche, die in der Küche arbeiteten und müde aussahen und trotzdem jeden Tag kochten.

All diese Menschen — all diese kleinen Lichter.

Sie malte es sich aus. Wenn man das Schloss von oben sehen könnte, von sehr weit oben — von dort, wo der Mond singt — dann würde man lauter kleine Lichter sehen. In jedem Zimmer eines. In jedem Bett.

Eine ganze Burg voller Lichter.

Mira lächelte, fast schon im Halbschlaf.

Vielleicht, dachte sie, ist das der Sinn der Nacht. Dass alle ihre Lichter ins Bett bringen und ruhig glühen, bis es Morgen wird.

Ihr Atem wurde langsamer.

Die Augen fielen zu.

Der Mond schien durch das Fenster und warf ein silbernes Rechteck auf den Boden — still und ruhig wie immer.

Gut leuchtete Mira.

Dunkel und warm und tief.

Gute Nacht.

Mira ging zurück in ihr Zimmer.

Sie legte sich ins Bett. Die Decke war warm. Das Kissen war weich. Durch das hohe Fenster sah sie den Mond, rund und hell, wie er über das Schloss zog.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit dachte Mira nicht: Bin ich gut genug?

Stattdessen dachte sie: Ich war heute freundlich. Ich habe heute gelernt. Ich habe heute jemanden zum Lachen gebracht.

Das leuchtet.

Vielleicht bist auch du heute freundlich gewesen. Vielleicht hast du jemandem geholfen, auch wenn es anstrengend war. Vielleicht hast du etwas Neues ausprobiert, auch wenn du Angst hattest, einen Fehler zu machen.

Das leuchtet. All das leuchtet. Auch wenn du es von innen nicht sehen kannst.

Dein Körper ist warm jetzt. Deine Augen sind schwer. Die Gedanken werden leiser, einer nach dem anderen, wie Kerzen, die jemand sachte ausbläst.

Eine Kerze weniger. Noch eine. Und noch eine.

Bis es dunkel ist — das schöne, warme Dunkel des Schlafs.

Du leucht'st, auch wenn du schläfst.

Vielleicht gerade dann am meisten.

Gute Nacht, kleine Prinzessin.

Gute Nacht.

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