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Die drei goldenen Haare
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Die drei goldenen Haare

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Jorin

Jorin

Märchen sind keine alten Geschichten — sie sind lebendige Welten, die ich jeden Abend neu erschaffe.

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Die Geschichte zum Lesen

Es war einmal ein Junge, der wurde mit einem Glückshemd geboren.

So nannten es die Leute im Dorf jedenfalls — ein Glückshemd. Das bedeutete, dass er mit einem kleinen, dünnen Häutchen auf der Welt kam, was selten vorkommt und von dem die alten Frauen sagten, es bringe lebenslang Glück.

Der Junge hieß Hans. Und ob es nun am Glückshemd lag oder nicht — er war wirklich ein froher Junge. Er fiel nie hin, ohne aufzustehen. Wenn es regnete, fand er einen Unterschlupf. Wenn er Hunger hatte, fand sich immer irgendwas Essbares, von irgendwoher.

Sein Vater war ein armer Fischer. Ihre Hütte hatte ein Dach, das im Herbst leckte, einen Ofen, der hustete wenn man zu viel Holz reindtat, und zwei Stühle, von denen einer mehr wackelte als stand. Aber sie waren glücklich.

Bis eines Tages ein Fremder ins Dorf kam.

Der Fremde war reich — das sah man sofort. Er hatte einen Mantel mit Pelzkragen und einen Hut aus gutem Stoff, und sein Pferd war so gut gefüttert, dass es breit war wie ein Fass. Er ritt durch das Dorf, und als sein Blick auf Hans fiel — der gerade barfuß über die Dorfstraße lief und dabei eine Melodie pfiff — blieb er stehen.

Das ist das Glückskind, sagten die Dorfbewohner.

Der Fremde schaute Hans an. Dann kaufte er ihm kurzerhand ab — was bedeutete: Er zahlte dem Vater eine Summe und nahm Hans mit. Wohin, sagte er nicht. Warum, sagte er auch nicht.

Hans winkte dem Vater. Der Vater winkte zurück. Und dann ritt der Fremde mit Hans davon.

Der Fremde war der König eines fernen Landes.

Aber das wusste Hans erst später. Zuerst wusste er nur: Sie ritten zwei Tage lang, durch Wälder und über Hügel und einmal durch eine Stadt, die so groß war, dass Hans den Mund offen ließ. Und am zweiten Tag — als sie einen breiten Fluss überqueren mussten — geschah etwas.

Der König stieg nicht selbst ab. Er ließ Hans absteigen und gab ihm einen versiegelten Brief.

Bring das zur Burg, sagte er. Geh den Pfad entlang. Ich komme auf einem anderen Weg.

Dann ritt er davon.

Hans lief den Pfad entlang. Der Fluss rauschte neben ihm. Und dann — bei einer Biegung, wo der Pfad nah ans Wasser kam — verlor Hans den Halt. Der Pfad war schlüpfrig. Er fiel ins Wasser.

Das Wasser war kalt und schnell. Hans schwamm — so gut er konnte, was nicht sehr gut war — und kämpfte gegen die Strömung. Dann ergab er sich der Strömung, was klüger war.

Schließlich spülte ihn das Wasser an einem ruhigeren Ufer an. Er lag keuchend im Schilf. Der Brief war weg.

Aber neben dem Schilf stand eine Mühle. Und aus der Mühle kam ein Müller, der Hans aufhob und ihn hereinbrachte und ihm Brot gab und trockene Kleider.

Der Brief war verloren, sagte Hans.

Was für ein Brief?, fragte der Müller.

Hans erzählte es. Der Müller schüttelte den Kopf. Dann holte er Papier und Tinte und schrieb selbst einen Brief — er war nämlich früher Schreiber am Hof gewesen. Er schrieb denselben Inhalt hin, den Hans ihm sagte. Und siegelte ihn mit seinem eigenen Siegel.

Hans kam zur Burg und überreichte den Brief.

Die Königin öffnete ihn — der König war noch unterwegs — und las. Dann schaute sie Hans an, sehr lange. Dann rief sie die Diener.

Was stand drin?, fragte Hans nachher einen der Wächter.

Der Wächter flüsterte: Der Brief befahl, das Glückskind sofort zu heiraten. Mit der Prinzessin.

Hans dachte nach. Er war elf Jahre alt. Heiraten schien ihm sehr weit entfernt. Aber die Königin war sehr freundlich — sie ließ ihm ein Zimmer geben und Essen bringen, und am nächsten Morgen stellte sie ihm ihre Tochter vor.

Die Prinzessin hieß Marie. Sie war zwölf. Sie hatte rote Haare und eine Art zu reden, als wäre sie schon lange mit Leuten einverstanden gewesen, aber heute nicht.

Du bist das Glückskind?, sagte sie.

So nennen mich manche, sagte Hans.

Meine Eltern wollen uns heiraten lassen, sagte Marie. Wenn wir erwachsen sind.

Ich weiß, sagte Hans. Was denkst du?

Ich denke, das ist meine Entscheidung und deine, sagte Marie. Nicht die der Eltern.

Hans fand das sehr vernünftig.

Als der König zurückkam, war er nicht erfreut. Der Brief stimmte nicht mit dem überein, was er beabsichtigt hatte. Aber er konnte nicht erklären, was er beabsichtigt hatte, ohne zuzugeben, dass er Hans in den Fluss hatte fallen lassen wollen.

Der König schickte Hans auf eine Aufgabe.

Bring mir drei goldene Haare vom Teufel, sagte er. Dann ist deine Schuld bezahlt, und du kannst bleiben.

Hans ging.

Die Reise war lang. Er kam durch eine Stadt, deren Brunnen kein Wasser mehr gab. Er kam durch eine Stadt, deren Lebensbaum keine Äpfel mehr trug. Er kam zu einem Fluss, dessen Fährmann ihn fragte: Wann kann ich endlich aufhören, Leute zu übersetzen?

Hans merkte sich alle Fragen.

Am Ende der Welt — so schien es — fand er eine Höhle. Darin wohnte die Großmutter des Teufels. Sie war eine alte Frau mit sehr guten Augen.

Sie versteckte Hans unter der Treppe, und als der Teufel einschlief, riss sie ihm nacheinander drei goldene Haare aus. Jedes Mal, wenn er aufschrie, hatte sie eine Antwort — denn Hans hatte ihr die Fragen der anderen geflüstert, und die Großmutter wusste die Antworten: Der Brunnen, unter dem ein Frosch sitzt der den Quell verstopft. Der Lebensbaum, um den eine Schlange sich windet. Der Fährmann, der die Ruder einem anderen geben muss.

Hans dankte der Großmutter. Dann lief er zurück.

Auf dem Rückweg beantwortete er alle drei Fragen. Die Städte jubelten. Der Fährmann übertrug Hans seine Ruder — und Hans legte sie sofort nieder, bevor er in der Fähre gefangen war.

Wenn man jemandem ein Ruder in die Hand gibt, muss man aufpassen, dachte Hans. Manche Geschenke sind Fallen.

Hans brachte dem König die drei goldenen Haare.

Der König schaute sie an. Er schaute Hans an. Dann fragte er, halb aus Gier, halb aus Neugierde: Wie bist du zu dem ganzen Gold der Städte unterwegs gekommen? Du hast es doch mitgebracht.

Einfach, sagte Hans. Ich habe Fragen beantwortet, die Menschen hatten.

Welche Fragen?

Hans erzählte es. Der König hörte zu. Dann — weil er ein gieriger Mann war — sagte er: Ich fahre selbst zu diesen Städten, und ich hole mir auch Gold.

Er ritt fort. Er kam zum Fluss. Der Fährmann übergab ihm die Ruder.

Und der König ruderte für immer hin und her.

Hans und Marie erzählten das viel später, wenn sie alt waren, ihren Enkeln. Nicht um böse zu sein. Sondern weil es die Wahrheit war: Manche Wege muss man gehen. Manche Antworten findet man nur, wenn man fragt. Und manche Ruder nimmt man besser nicht an.

Aber das war noch weit in der Zukunft.

Diese Nacht schlief Hans in der Burg, in einem Bett mit einer weichen Decke. Draußen leuchteten die Sterne über dem Schloss. Das Wasser im Brunnen der Burg rauschte leise — das frische Wasser, das wieder floss.

Hans schloss die Augen.

Er dachte an seinen Vater, der winkend am Dorfrand gestanden hatte. Er würde ihn besuchen. Das stand fest.

Aber jetzt war er müde. Die Reise war lang gewesen.

Und das Glückskind schlief ein — tief und fest und verdient — während der Mond über dem Schloss stand und alles ruhig war.

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