
Nora und das Leuchtturmgeheimnis
Mitten in der Stadt, zwischen zwei grauen Häusern, steht ein Leuchtturm, den nur Nora sieht. Nachts leuchtet er — und führt verlorene Dinge zurück zu den Menschen, die sie vermissen.
Die Geschichte zum Lesen
Nora hatte den Leuchtturm immer gesehen.
Zwischen dem grauen Wohnhaus mit dem kaputten Briefkasten und dem Supermarkt, wo Mama manchmal einkaufte — dort, wo eigentlich eine Lücke war, ein schmaler Durchgang, den man eher ahnte als sah — stand er. Weiß mit roten Ringen, die sich in gleichmäßigen Abständen um den Turm wanden. Schmal und hoch, höher als die Häuser daneben — viel höher, eigentlich unmöglich hoch für die Größe des Grundstücks. Oben drehte sich das Licht: jeden Abend, sobald es dunkel wurde, langsam und gleichmäßig.
Nora hatte nie jemanden danach gefragt. Manchmal fragt man nach Dingen und merkt dann, dass man der Einzige ist, der sie sieht — und dann ist es verwirrend für alle. Also hatte sie es für sich behalten. Den Leuchtturm und das Drehen seines Lichts und das seltsame Gefühl, das sie bekam, wenn sie daran vorbeinging: dass hier etwas passierte, auch wenn man nicht sehen konnte, was.
Bis Issa dabei war.
„Da ist ein Leuchtturm," sagte Issa, als sie an dem Abend an der Lücke vorbeigingen. Ganz beiläufig. Als wäre es selbstverständlich.
Nora blieb stehen. „Du siehst ihn auch?"
Issa sah sie an, ein bisschen verwirrt. „Natürlich. Er dreht sich."
Sie schauten sich an. Dann gingen sie rein.
Der Durchgang war enger als er aussah — Nora musste die Schultern einziehen — aber der Leuchtturm dahinter war breiter und massiver als von der Straße aus. Eine Holztür, rot angestrichen wie die Ringe, ein Messingknauf, der poliert war, als hätte jemand ihn heute noch gewienert. Nora drückte ihn.
Innen: eine Wendeltreppe aus Stein. Kühl und ein bisschen feucht, wie es in alten Türmen ist. Und ein Geruch — das war das Merkwürdigste — nach Meer. Nach Salz und nassen Seilen und offenem Wasser, obwohl das Meer weit weg war, viele Stunden weit weg.
Sie stiegen. Die Treppe war steil und enger als die Treppe zu Hause, und Issa musste sich manchmal an der Wand abstützen. Aber er beschwerte sich nicht. Er beschwerte sich selten, wenn er das Gefühl hatte, dass sich etwas lohnte. Und das hier lohnte sich, das konnte man fühlen, mit jedem Schritt höher.
Oben war ein runder Raum mit Fenstern auf alle Seiten. Das Licht drehte sich in der Mitte — ein warmes, weißes Licht, das durch alle Fenster nach außen schoss und die Dächer der Häuser beleuchtete, die Straßen, die Autos, die kleinen erleuchteten Fenster, hinter denen das Leben weiterging, ohne zu wissen, dass es gerade angestrahlt wurde.
Ein Mann saß an einem Schreibtisch und schrieb in ein großes Buch. Er war alt und hatte ein Gesicht, das aussah wie eine gute Geschichte: viele Falten, alle an Stellen, die entstehen, wenn man viel gelacht und viel nachgedacht hat.
„Ihr kommt wegen der verlorenen Dinge," sagte er, ohne aufzuschauen.
„Wir kommen, weil wir den Leuchtturm gesehen haben," sagte Nora.
„Das ist dasselbe."
Er klappte das Buch zu und drehte sich um. Sein Name war der Leuchtturmwächter — einfach das, kein anderer Name nötig. Er erklärte: Dieser Leuchtturm führt keine Schiffe. Diese Stadt hat kein Meer. Was der Leuchtturm führt, sind Dinge, die sich verirrt haben.
Nicht Dinge wie verlegte Schlüssel — dafür gibt es keine Hilfe außer Suchen. Sondern Dinge, die auf dem falschen Weg sind: ein Brief, der den falschen Menschen erreicht hätte, und jetzt findet er den richtigen. Eine Idee, die jemand gedacht und dann fallen gelassen hat, weil jemand sagte, sie sei nichts wert — die Idee kommt zurück. Ein Wort, das jemand nicht gesagt hat, obwohl er es sagen wollte: manchmal findet es trotzdem seinen Weg, durch einen Umweg, durch eine andere Person, durch einen Brief oder einen Traum. Manchmal auch eine Entschuldigung, die jemand nicht aussprechen konnte, weil die Zeit nicht stimmte oder die Worte nicht kamen — und dann kommen sie, Wochen später, auf einem anderen Weg.
„Und Gefühle?", fragte Nora.
„Was meinst du?"
„Wenn jemand stirbt. Und man hat das Gefühl, dass man nicht mehr fühlen kann, was man vorher gefühlt hat. Dass das Gefühl verloren ist. Kommt das hierher?"
Der Leuchtturmwächter schaute sie lange an. Er hatte das Buch wieder aufgemacht und hielt den Stift, aber er schrieb nicht. „Gefühle verlieren sich nicht," sagte er schließlich. „Sie wandern. Sie brauchen manchmal Zeit, um wieder ans Ufer zu kommen. Manche brauchen sehr lange. Das macht sie nicht weniger echt. Es macht sie nur langsam."
Nora dachte daran, wie sie sich gefühlt hatte, als Oma nicht mehr da war. Wie das Gefühl für eine Weile weg gewesen war — nicht verschwunden, aber unerreichbar. Wie wenn man im Zimmer steht und weiß, dass ein Gegenstand da ist, aber ihn nicht finden kann. Und dann, Monate später, war es wieder da. Nicht so scharf wie vorher, aber breiter, irgendwie — mehr Platz, weniger Schmerz, mehr Wärme.
„Das klingt richtig," sagte sie leise.
„Es ist richtig," sagte der Leuchtturmwächter. Er klang wie jemand, der das nicht aus Büchern weiß, sondern weil er sehr viele solche Gespräche geführt hat, an den Wänden dieses runden Raums, in dem das Licht sich dreht und die Nacht vergeht.
Issa schaute durchs Fenster auf die Stadt. Irgendwo da unten schliefen Dinge, die nach Hause wollten.
Sie durften das Licht berühren — kurz, die Fingerspitzen an den warmen Glaskolben, durch den das Licht brach. Nora spürte ein Kribbeln, das sich warm anfühlte und dann sich ausbreitete — in die Hände, in die Arme, in die Brust. Issa machte ein „oh" — das Geräusch, das er machte, wenn er etwas erkannte, das er nicht erwartet hatte.
Sie schrieben ihre Namen ins Buch. Der Leuchtturmwächter sagte, das sei wichtig: dass das Buch weiß, wer gekommen ist. Issa schrieb seinen Namen sehr groß und ein bisschen schief. Nora schrieb ihren ordentlich, und dann zögerte sie und schrieb daneben: und Adam.
Der Leuchtturmwächter trug jeden Namen sehr sorgfältig ein — mit einer alten Feder, deren Tinte schwarz und klar war, und in einer Handschrift, die gleichmäßig und ruhig war wie die Art, wie er sprach. Er schrieb Namen seit sehr langer Zeit. Das merkte man.
„Was passiert mit den Namen?", fragte Nora.
„Sie bleiben," sagte er. „Das Buch geht weiter, auch wenn ich nicht mehr bin. Wer ein Leuchtturmwächter war, hat das Buch. Und das nächste Buch beginnt dort, wo dieses aufhört. So sind alle Namen aller Kinder, die je hier waren, noch irgendwo — in einem Buch, das irgendwo steht."
„Auch unsere Eltern?", fragte Issa.
Der Leuchtturmwächter blätterte — nicht weit, ein paar Seiten zurück. Er las. Dann lächelte er. „Euer Vater. Er kam mit sieben Jahren." Er schloss das Buch. „Manche Familien finden ihn immer wieder. Das ist kein Zufall."
Nora dachte daran: Ihr Vater, sieben Jahre alt, vielleicht auch in diesem Treppenhaus, vielleicht auch diese Treppe hinauf. Sie würde ihn fragen. Morgen. Wenn der richtige Moment kam.
„Wer ist Adam?", fragte der Leuchtturmwächter.
„Mein kleiner Bruder. Er kann noch nicht schreiben."
Der Leuchtturmwächter nickte und trug Adams Namen auch ein, in seiner eigenen ruhigen Handschrift.
Auf dem Weg nach Hause schaute Nora zurück. Der Leuchtturm drehte sein Licht — ruhig, stetig. Das Licht strich über das Dach des Hauses, über die Straße, über das Fenster von Adams Zimmer.
Zu Hause lag Adam auf dem Rücken und hielt sich selbst an den Fingern, was er manchmal tat — als würde er sich vergewissern, dass er da war, dass er vollständig war, dass alles stimmte. Nora beugte sich über ihn.
Er sah sie an. Und lächelte.
Gefunden.
Gute Nacht, Nora. Gute Nacht, Issa. Das Licht dreht sich. Ihr seid gefunden. Gute Nacht.
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