
Nora und der Traumteppich
Unter Noras Bett liegt ein alter Teppich, der sich nachts entrollt und Kinder dorthin trägt, wo sie hin müssen. Nora und Issa landen im Land der vergessenen Dinge.
Die Geschichte zum Lesen
Der Teppich unter Noras Bett war alt.
Nicht alt wie alte Möbel alt sind — alt wie alte Geschichten alt sind. Er hatte Muster, die sich veränderten, wenn man sie lange genug anschaute: manchmal Blumen, manchmal Vögel, manchmal Formen, die keine Namen hatten aber trotzdem bekannt wirkten, als hätte man sie irgendwo schon mal gesehen, vielleicht im Traum. Er roch nach Staub und nach etwas anderem darunter — etwas Wärmeres, Älteres, wie der Geruch von Holz in einem Haus, das viele Jahreszeiten gesehen hat.
Noras Mutter sagte, er sei schon da gewesen, als sie einzogen. Noras Vater sagte, er wisse auch nicht, woher er kam. Und Nora selbst hatte ihn so lange unter dem Bett liegen sehen, dass sie aufgehört hatte, ihn zu bemerken. Das ist das, was mit vertrauten Dingen passiert: Man hört auf, sie zu sehen.
Bis zu dem Abend, als er sich bewegte.
Nora hatte gerade das Licht ausgemacht. Es war diese Zeit kurz nach dem Licht-aus, wenn die Augen anfangen, sich anzupassen und Formen aus der Dunkelheit zu formen — das Regal, die Tür, der Stuhl in der Ecke. In diesem Moment hörte sie ein Rascheln. Nicht laut. Eher wie das Rascheln von Seiten, die jemand sehr langsam umblättert. Sie lehnte sich aus dem Bett.
Der Teppich rollte sich auf.
Langsam und mit Würde, wie jemand, der schon sehr lange auf einen Moment gewartet hat und ihn jetzt mit Bedacht ausführt. Er rollte sich bis zur Zimmertür auf, und seine Muster bewegten sich dabei — die Blumen öffneten sich, die Vögel breiteten die Flügel aus — und dann lag er flach da: ein gemusterter Weg durch das Dunkel.
Nora setzte einen Fuß auf ihn. Der Teppich zog sanft nach vorne. Nicht schnell. Einladend.
„Issa," rief Nora leise — nicht zu laut, wegen Adam — „Issa, komm mal."
Issa kam im Laufschritt, Schlafanzug, Socken mit Rutschern, die Haare zerwühlt vom Kissen. Er sah den Teppich. Er sah Noras Gesichtsausdruck. Er sprang.
Der Teppich trug sie durch den Flur — der Flur roch nach Abend und nach dem Essen von vorhin — über die Schwelle der Wohnungstür, die sich von selbst öffnete, die Treppe hinunter. Aber die Treppe war nicht mehr die Treppe des Hauses. Jede Stufe war breiter und weicher als die letzte, als würde die Treppe sich dehnen, während man sie hinuntergeht. Die Wände hatten Bilder, die sich bewegten. Und am Ende war nicht der Hausflur, sondern eine andere Tür.
Dahinter: ein Land.
Ein riesiges, leises Land mit einer Farbe, die irgendwo zwischen Abend und Morgen lag — weder dunkel noch hell, sondern ein warmes, weiches Grau-Rosa, wie der Himmel an sehr frühen Wintermorgen kurz bevor die Sonne kommt. Überall lagen Dinge. Nicht chaotisch, sondern sorgfältig abgelegt, als hätte jemand sie dorthin getragen und jeden an seinen richtigen Platz gestellt.
Schachteln. Schlüssel — viele Schlüssel, alle Formen und Größen. Eine einzelne Socke in leuchtendem Orange. Kuscheltiere, von denen jedes leicht abgewetzt war. Ein roter Schuh in Kindergröße drei. Hunderte von kleinen Zetteln, ordentlich gestapelt. Ein Spiegel ohne Rahmen. Spielzeugautos in Reih und Glied. Briefe in ungeöffneten Umschlägen. Ein Luftballon, der noch aufgeblasen war, obwohl er hier sicher schon sehr lange lag.
„Was ist das hier?", fragte Issa.
„Das Land der vergessenen Dinge," sagte jemand.
Eine Frau saß in einem großen Sessel mitten in dem Land — einem Sessel, der aus dem gleichen warmen Rosa-Grau zu sein schien wie die Luft. Sie war klein und rund und trug eine Schürze mit so vielen Taschen, dass man gar nicht alle zählen konnte. In jeder Tasche steckte etwas: ein Bleistift, eine Murmel, ein zusammengefaltetes Stück Papier, ein Schlüsselanhänger in der Form eines kleinen Löwen.
„Ihr habt mich gefunden," sagte sie erfreut, als würde sie selten Besuch haben und das begrüßen.
„Ich habe meinen Teddybär gesucht," sagte Issa plötzlich — und Nora sah, dass er das wirklich sagte, nicht einfach so, sondern weil er sich daran erinnerte. „Den mit dem einen Ohr. Den habe ich seit einem Jahr nicht mehr gefunden. Ich dachte immer, er wäre in der alten Wohnung geblieben."
Die Frau nickte, als wäre das keine Überraschung. Sie stand auf, ging drei Schritte nach links — sehr bestimmt, wie jemand, der ein gutes Gedächtnis für Standorte hat — und hob etwas auf. Ein Teddybär mit einem Ohr. Das andere fehlte, genau wie Issa es gesagt hatte. Sie hielt ihn Issa hin.
Issa starrte ihn an. „Das ist er."
„Natürlich."
Sie erklärte, was Nora sich schon halb gedacht hatte: Wenn Dinge vergessen werden — wirklich vergessen, nicht nur verlegt, sondern aufgehört-daran-zu-denken vergessen — kommen sie hierher. Nicht sofort. Erst wenn niemand mehr aktiv nach ihnen sucht. Dann erscheinen sie hier, sorgfältig abgelegt, und warten.
„Warten auf was?", fragte Nora.
„Auf jemanden, der wieder an sie denkt. Das ist genug. Manchmal, wenn jemand wieder denkt: Wo ist eigentlich dieser Stein, den ich damals am Strand gefunden habe? — dann erscheint der Stein plötzlich wieder, irgendwo, in einer Schublade oder einer Tasche. Nicht immer. Aber manchmal."
„Und wenn niemand mehr denkt?"
„Dann bleiben sie. Hier ist es nicht schlecht. Hier ist es ruhig."
Nora schaute sich um. All diese Dinge. All diese vergessenen Sachen. Jede hatte einmal jemandem gehört. Jede hatte einmal bedeutet: mein. Eine hatte bedeutet: schön. Eine hatte bedeutet: traurig. Eine hatte bedeutet: Erinnerung.
„Was ist mit Menschen?", fragte Nora leise. „Kommen auch Menschen hierher? Wenn man sie vergisst?"
Die Frau schaute sie lange an. Sie hatte Augen, die nicht bewerteten — nur betrachteten. „Menschen kommen nicht hierher," sagte sie. „Menschen vergisst man anders. Im Herzen. Und das Herz ist kein Land, das man besuchen kann. Das Herz trägt. Auch wenn man denkt, es vergisst — es trägt trotzdem. Irgendwo unter allem anderen."
Nora dachte an ihre Oma. An den Geruch ihrer Küche: Kardamom und warme Milch. An die Art, wie sie Haare geflochten hatte — anders als Mama, mit anderen Griffen, fester und gleichzeitig sanfter. An eine Hand, die ihr über die Wange gefahren war, wenn sie krank gewesen war.
An eine bestimmte Stimme, die immer das Richtige sagte. Nicht immer das Schöne — manchmal das Unbequeme, weil die Stimme wusste, dass das Richtige und das Schöne nicht dasselbe sind. Aber immer das Richtige.
Die war nicht hier. Die war woanders.
Nora schaute sich um im Land der vergessenen Dinge. All diese Schlüssel, all diese Socken, all diese Briefe. Jedes Ding hatte einmal jemandem gehört, der es jetzt vermisste oder aufgehört hatte, es zu vermissen, oder nicht wusste, dass es zu vermissen war. Alles so still hier. Nicht traurig — still. Es war ein Unterschied.
Der Teppich bewegte sich — ein sanftes Zucken, wie ein Tier, das gähnt.
Zeit.
Issa hielt den Teddybären fest die ganze Fahrt zurück. Er hielt ihn, als würde er nicht mehr loslassen. Als sie wieder in Noras Zimmer waren, rollte der Teppich sich sauber unter das Bett zurück — seine Muster ruhig und wieder unveränderlich, wie immer.
Im Nebenzimmer machte Adam ein kleines Geräusch im Schlaf — ein Murmeln, als würde er jemandem antworten, den nur er sehen konnte. Nora stand in seiner Tür und schaute ihn an.
Baby Adam hatte noch gar keine Zeit gehabt, Dinge zu vergessen. Alles war noch neu. Alles war noch da. Für ihn gab es kein Land der vergessenen Dinge — noch nicht. Alles, was er kannte, trug er nah bei sich.
Vielleicht war das der Vorteil, wenn man so jung war: das Herz noch nicht voll genug, um etwas fallen zu lassen.
Nora legte sich ins Bett. Über ihr die Decke, unter ihr der Teppich. Beide waren alt. Beide trugen.
Gute Nacht, Nora. Gute Nacht, Issa — und willkommen zurück, kleiner Bär. Gute Nacht, Adam.
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