
Nora und der kleine Drache Funke
Unter der Treppe im Treppenhaus wohnt ein kleiner Drache, der eigentlich Feuer spucken soll, aber Angst vor der Dunkelheit hat. Nora und Issa helfen ihm — und entdecken, dass Mut oft ganz klein anfängt.
Die Geschichte zum Lesen
Unter der Treppe im Treppenhaus des Hauses war eine Tür.
Nicht groß. Nicht besonders auffällig. Eine normale Tür, cremefarben gestrichen, mit einer kleinen Klinke, die nach unten gedrückt wurde. Nora hatte sie hundertmal gesehen und nie geöffnet, weil niemand sie je öffnete und weil Türen, die niemand öffnet, irgendwann Teil des Hintergrunds werden. Das ist das, was mit Dingen passiert, wenn man aufhört, sie zu bemerken.
Bis zu dem Abend, als Nora ein Geräusch hörte.
Sie war auf dem Weg von der Schule zurück, Rucksack auf dem Rücken, als sie an der Tür vorbeikam. Das Geräusch war sehr klein. Ein Seufzer — ein sehr kleiner, sehr ängstlicher Seufzer. Gefolgt von einem Geräusch wie: jemand, der sich sehr still verhält und hofft, dass niemand merkt, dass er sich still verhält.
Nora blieb stehen.
„Hallo?", sagte sie.
Stille. Dann — sehr zögernd — „Hallo." Eine sehr kleine Stimme, die ein bisschen knisterte.
„Bist du in Ordnung?"
Pause. „Nein. Eigentlich nicht."
Nora öffnete die Tür.
Dahinter war ein kleiner Raum — viel kleiner als sie erwartet hatte, aber gemütlicher: ein rundes Nest aus alten Decken, eine Sammlung kleiner Steine auf einem Regal, ein Stapel Bücher, deren Titel man nicht lesen konnte weil sie in einer Schrift geschrieben waren, die Nora nicht kannte. Kerzen, die aber gerade nicht brannten. Und mittendrin saß ein Drache.
Er war klein — ungefähr so groß wie ein mittelgroßer Hund, mit Schuppen in einem satten Dunkelgrün, die im schwachen Licht schimmerten. Flügel, die wie zusammengefaltete Herbstblätter aussahen: orange-braun mit grünen Adern. Und Augen so groß und goldfarben, dass man sie in einem dunklen Raum sehen konnte.
Er zitterte ein bisschen.
„Ich bin Funke," sagte der Drache.
„Ich bin Nora." Sie kniete sich hin, um auf seiner Höhe zu sein. „Warum zitterst du?"
Funke schaute zur Seite. Dann nach unten. Dann an die Wand. „Das Treppenhaus. Das Licht ist kaputt. Es ist dunkel." Eine Pause. „Ich habe Angst vor der Dunkelheit."
Nora blinzelte. Dann verstand sie. Dann verstand sie besser, als sie erwartet hatte.
„Aber du bist ein Drache," sagte sie.
„Ich weiß," sagte Funke unglücklich. Er klang wie jemand, dem das schon oft gesagt worden war und der wünschte, es würde sich irgendwann anders anfühlen. „Ich soll Feuer spucken. Feuer macht Licht. Das ist der Witz — ein Drache, der Angst vor der Dunkelheit hat, ist sein eigenes Licht. Aber wenn ich Angst habe, kann ich kein Feuer machen. Das Feuer kommt von innen, und wenn man Angst hat, ist das Innere zu eng."
Issa war dazugekommen — er hatte Noras Stimme durch den Treppenabsatz gehört und war die Stufen heruntergeschlurft. Er sah den Drachen. Er hockte sich hin. Er sagte nichts, was bei Issa selten war, und das bedeutete, dass er nachdachte.
Dann sagte er: „Ich hatte auch Angst vor der Dunkelheit. Lange. Jedes Mal, wenn das Licht ausging."
Funke schaute ihn an. „Wie hast du aufgehört?"
„Nora hat eine Lampe für mich gelassen. Eine kleine. Die macht ein rotes Licht, das nicht beängstigend ist."
„Ich habe keine Lampe."
„Das können wir lösen," sagte Nora.
Sie holte aus ihrer Schuljacke die kleine Taschenlampe, die sie immer dabeihatte — seit einem Abend auf dem Spielplatz, als sie ohne Licht gestrandet war und beschlossen hatte, das nie wieder passieren zu lassen. Sie stellte sie auf Funkes Regal. Das orangefarbene Licht machte seine Schuppen golden und die Kerzen warm, auch wenn sie nicht brannten.
Funke entspannte sich. Zuerst die Schultern — soweit Drachen Schultern haben. Dann die Flügel, die sich ein bisschen öffneten. Dann das Zittern hörte auf.
„Besser?", fragte Nora.
„Ja," sagte Funke. Und dann: „Besser als besser."
Sie blieben lange. Funke erzählte — von seiner Familie, die groß und feurig und nie ängstlich war. Er hatte drei Geschwister, alle größer, alle mit demselben goldenen Schimmer in den Augen, der bei Drachen bedeutet, dass man gut in Form ist. Er selbst hatte keinen Schimmer — nicht weil er krank war, die Schuppen glänzten gesund, die Flügel waren ganz. Einfach kein Schimmer.
„Was bedeutet das?", fragte Nora.
„Meine Mutter sagt, manche Drachen brauchen länger. Dass der Schimmer kommt, wenn man bereit ist, und dass man nicht bereit sein kann, solange man Dinge fürchtet." Er pausierte. „Aber ich finde es schwer, auf Befehl aufzuhören, Dinge zu fürchten."
„Stimmt," sagte Issa. Er hatte manchmal Angst vor dem Zahnarzt. Auf Befehl aufhören — das war ihm noch nie gelungen.
„Aber du bist trotzdem hier," sagte Nora. „Du hast dich eingerichtet. Bücher, Steine, Decken. Das sieht nicht aus wie jemand, der nicht weiterkommt."
Funke schaute sich in seinem kleinen Zimmer um. Als ob er es zum ersten Mal sah. Die Bücher in der fremden Schrift. Der Stein, den er vom Dach mitgenommen hatte. Die Decken.
„Ich hatte nicht daran gedacht, dass das Mut sein könnte," sagte er leise.
„Ich glaube, das meiste Mut ist so," sagte Nora.
Von dem Tag, als er versucht hatte zu fliegen und stattdessen in einer Dachrinne gelandet war. Von den Büchern in der unbekannten Schrift, die er noch nicht lesen konnte, die er aber aufbewahrte, weil sie sich wichtig anfühlten. Von dem Regal mit Steinen, von denen jeder einen anderen Ort bedeutete, wo er gewesen war oder sein wollte.
Nora erzählte auch. Von Issa, der manchmal nervte und meistens nicht. Von Adam, der noch so klein war, dass man ihn manchmal vergaß zu erwähnen und dann plötzlich merkte, dass man die ganze Zeit an ihn gedacht hatte.
Funke hörte zu. Seine Ohren — spitze, leicht durchscheinende Ohren — bewegten sich, wenn er zuhörte. Ein gutes Zeichen.
„Magst du probieren?", fragte Nora schließlich. Das Feuer.
Funke schluckte. Er schaute auf die Taschenlampe. Das Licht. Er holte tief Luft — man hörte es, ein leises Geräusch wie Wind durch einen engen Kamin. Er dachte an etwas — man konnte sehen, dass er dachte, weil sich seine Augen leicht verengten. Er suchte die Wärme von innen.
Ein Funke. Kein großes Feuer. Kein Drachen-Flammenstoß, der Türme niederbrennt. Nur ein kleiner, warmer, echter Funken, der kurz leuchtete und dann erlosch.
Alle drei schwiegen.
„Du hast es," sagte Issa dann, sehr ruhig.
„Es war klein," sagte Funke.
„Alle Feuer fangen klein an," sagte Nora.
Später hängte Nora die Lichterkette auf — weiße Sternchen, batteriebetrieben, die sie seit dem letzten Sommer nicht mehr benutzt hatte. Quer über Funkes Decke, um das Regal, durch die Kerzen. Das Zimmer sah aus wie ein kleiner Himmel.
Funkes Schwanz wackelte. Das war — so erfuhren Nora und Issa — das Dragongegenstück zu einem Lächeln.
Nora trat zurück und betrachtete das Zimmer. Die Lichterkette über der Decke, die Kerzen auf dem Regal, die Steine in Reih und Glied. Das Zimmer sah aus wie ein Zimmer, in dem jemand wohnte. Richtig wohnte — nicht nur saß und wartete, sondern sich eingerichtet hatte.
„Es sieht schöner aus als vorher," sagte Funke. Er klang überrascht, als wäre er das nicht gewohnt: Dinge, die schöner wurden.
„Dinge werden meistens schöner, wenn jemand aufpasst," sagte Issa.
Das war vielleicht das Klügste, was Issa je gesagt hatte. Nora schaute ihn an. Er merkte es nicht — er schaute auf die Lichterkette und zählte die Sternchen.
Oben schlief Adam, wie er immer schlief — tief und sorglos, mit dem Vertrauen, das man hat, wenn man noch nicht weiß, dass es Dinge gibt, die man fürchten könnte. Für Adam war alles Licht. Das Nachtlicht, der Mond, die Wärme von Noras Händen.
Vielleicht ist das der Anfang von allem, dachte Nora. Nicht die Abwesenheit von Angst — sondern das Licht, das man anbringt, bevor die Dunkelheit kommt.
Gute Nacht, Nora. Gute Nacht, Issa. Gute Nacht, Funke. Das Licht brennt.
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